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Karl Valentin:"Ich kann auf Knopfdruck erzählen"

Fette redet und redet. Er hat viele Geschichten im Kopf - Anekdoten von Prominenten und die eigene Geschichte. "Ich kann auf Knopfdruck erzählen, wenn ich auf Erlebnisse meines Lebens angesprochen werde - so lebendig ist die Erinnerung", sagt er. Fette erzählt schnell, ohne Pause, und manchmal auch, ohne auf die Frage des Gesprächspartners zu achten.

Er ging dann in Nordrhein-Westfalen auf ein Internat, machte das Abi und studierte Jura. 1970 trat er in die Münchner Kanzlei von Gustav Brugger ein, einem bekannten Anwalt, der Schauspieler und Regisseure vertrat. Fette lächelt, als er sagt: "An meinem ersten Tag stellte Brugger einen großen Pappkarton auf den Tisch und sagte: Da ist der Valentin-Nachlass drin, den sollen wir jetzt verwalten - das machen Sie!"

Der Künstler Valentin wurde 1970 gerade wiederentdeckt. Seine Tochter Bertl Böheim bekam Anfragen, ob man Texte übernehmen dürfe - es ging um Werbesprüche, Marketing-Artikel, Schallplatten oder Buch-Cover, eben um diese ganzen Sachen mit dem Urheberrecht. Bertl Böheim sei damit überfordert gewesen, sagt Fette. Wäre Karl Valentin damals selbst zum Anwalt gegangen, hätte er vielleicht gesagt: "Sie san net auf uns angewiesen, aber mir auf Eahna, des müassens Eahna merka!"

Böheim habe viel von Valentin gehabt, sagt Gunter Fette, "wie sie geredet und geschaut hat - sie hat mich auch veralbert und verunsichert, und sich dann darüber amüsiert, wenn ich wieder einmal darauf hereingefallen war." Bertl Böheim sei auch mal bei Fettes zu Hause gewesen und habe einen Weihnachtskaktus mitgebracht, der im Winter blühte. "Meine Töchter haben dann, wenn der Kaktus aufging, immer gesagt: Papi, guck mal, die Frau Böheim blüht wieder!" Bertl Böheim starb 1985.

Fette arbeitete daraufhin mit Valentins Enkelin Anneliese Kühn zusammen, und als diese 2014 ebenfalls starb, wurde Fette die Testamentsvollstreckung übertragen. Er bestimmt nun alleine über die Urheberrechte. Einige enden bereits 2018, also 70 Jahre nach dem Tod von Valentin. Die Rechte für 25 Hauptwerke - etwa den Firmling - laufen 2030 aus, 70 Jahre nach dem Tod von Liesl Karlstadt.

Anfragen kämen nahezu täglich, sagt er. "Zum Beispiel von der Freiwilligen Feuerwehr Hinterpfuideifi, die Valentins Firmling aufführen wollen und auf einer Postkarte schreiben: Bitten, uns den Firmling per Nachnahme zu schicken." Gemeint war der Text. Fette lacht. "Da erteilen wir natürlich die Genehmigung."

Auch aus dem Ausland kommen Anfragen, meistens geht es um Bühnenaufführungen. "Das schwedische Staatstheater wollte schon 1970 Valentin spielen - ich weiß zwar nicht, was Semmelnknödeln auf Schwedisch heißt, aber offenbar geht das." Er nennt auch noch Theater in Spanien, Portugal, Finnland und Mexiko - und vor allem Italien und Frankreich. "Die kennen oft die Figur von Valentin gar nicht, finden aber die Texte spannend und aktuell."

Bloß in Bayern traue man sich nicht an ihn ran. "Wegen der Verfilmungen seiner Sketche glaubt man, ihn nicht nachspielen zu können", sagt Fette. Er schüttelt den Kopf. Er ist enttäuscht, dass Valentin in den vergangenen Jahrzehnten an den großen Münchner Theatern, etwa an den Kammerspielen oder am Residenztheater, nicht gespielt worden ist. "Offenbar hat man den ganz eigenen Wert der Texte - unabhängig von der Darstellung durch Valentin oder Liesl Karlstadt - in Bayern nicht begriffen."

Nach dem Tod seiner ersten Frau hat Gunter Fette eine neue Lebenspartnerin kennengelernt - eine Französin, die im diplomatischen Dienst gearbeitet hat und alle paar Jahre woanders leben durfte, mal in Paris, mal in Wien, mal in Nantes. "Ich bin gern in der Fremde", sagt Fette, "mein Zuhause ist die Fremde - so könnte ich es etwas überspitzt sagen". Das hat vielleicht damit zu tun, dass er schon als Kind und Jugendlicher keinen Ort hatte, den er als Heimat bezeichnen konnte.

Auch ein Papagei kann ein Rindvieh sein

Seine Kanzlei blieb immer in München, er konnte die Arbeit - "dank Internet und anderer Kommunikationsmöglichkeiten" - auch woanders erledigen. Allerdings musste er oft pendeln. "Ich habe manches Jahr 100 000 Kilometer im Flugzeug verbracht", sagt er.

Am Ende holt Fette dann ein paar Valentin-Bücher und Valentin-CDs herbei, die er herausgebracht hat. Es geht um Karl Valentin und die Gesundheit, die Frauen, die Musik, sprachliche Wirrungen und seine Weltbetrachtung. Natürlich blättert man gleich darin, nachdem man Fettes Büro verlassen hat, und findet überall schöne Sätze, zum Beispiel: "In dem Moment, wo ein Papagei dumm daherredet, ist eben der Papagei auch ein Rindvieh!" Oder: "Arme Frau (ohne Uhr) bittet edle Menschen um Angabe der Zeit - Postkarte genügt."

Ein paar Tage nach dem Treffen kommt ein Anruf von Gunter Fette. Er habe noch ein paar Geschichten, die er beim Treffen nicht erzählt habe. So habe er etwa Briefe im Nachlass von Curd Jürgens gefunden, und in denen habe gestanden, dass Jürgens 1957 eine "kurze, aber intensive Liebesbeziehung" mit der jungen Romy Schneider gehabt habe. "In den Briefen hat Schneider gefleht, dass Jürgens, der damals 41 war, zu keiner anderen Frau mehr gehen dürfe", erzählt Fette, "und er dürfe nicht mehr so viel rauchen und trinken". Jürgens habe daraufhin Schluss gemacht.

© SZ vom 23.02.2017/bhi

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