Lesung:Die Launen einer Göttin

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Lesung: "Schön zu sein, ist Disziplin, Arbeit und Opfer": Die kunstvolle Frisur Kaiserin Elisabeth von Österreichs, nur zum Beispiel, war das Ergebnis vieler Mühen, wie Karen Duve in "Sisi" schildert.

"Schön zu sein, ist Disziplin, Arbeit und Opfer": Die kunstvolle Frisur Kaiserin Elisabeth von Österreichs, nur zum Beispiel, war das Ergebnis vieler Mühen, wie Karen Duve in "Sisi" schildert.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Karen Duve stellt im Literaturhaus München ihren Roman "Sisi" vor. Sie attestiert der vielbesungenen Kaiserin Elisabeth von Österreich einen widersprüchlichen Charakter - und zeigt sie nicht nur immer wieder auf dem Rücken eines Pferdes, sondern auch auf Besuch am Starnberger See.

Von Antje Weber

Es naht der Sommer 1876, Kaiserin Elisabeth von Österreich alias "Sisi" reist diesmal etwas früher nach Feldafing, das liegt so schön am Starnberger See und in der Nähe ihrer bayerischen Verwandtschaft. Wie immer mietet sich die knapp Vierzigjährige auch diesmal wieder im Hotel Strauch ein - mit mindestens sechzigköpfigem Gefolge, dazu "ein Rudel Doggen, der aktuelle Lieblingshund Pluto und diverse Pferde". Selbst der Pfarrer von Feldafing muss das Weite suchen: Im nahen Pfarrhof möchte die Kaiserin bitte ihre Fechtübungen und ausgedehnten Frisuren-Rituale absolvieren. Schließlich predigt sie nicht nur ihrer Nichte: "Schön zu sein, ist Disziplin, Arbeit und Opfer." Das Opfer erbringt nicht nur sie selbst; auch die Feldafinger Damenbadeanstalt etwa wird geschlossen, wenn Sisi mal kurz untertauchen will. "Eine herrliche Göttin ist sie. Eine Herrscherin."

So ist es in Karen Duves "Sisi" (Galiani) nachzulesen, und da die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin (zuletzt mit einem fulminanten Roman über Annette von Droste-Hülshoff erfolgreich) ausgiebig recherchiert und das Material in einem vier Jahre langen Schreibprozess immer neu drapiert hat, gibt es wenig Grund, an den Fakten zu zweifeln. Trockener Witz bis zum Sarkasmus gehören bei Duve immer auch dazu. Wobei man sich natürlich schon fragen kann, warum sie sich diesmal ausgerechnet auf das vielstrapazierte Thema Sisi wirft? Die Antwort liegt auf dem Rücken der Pferde: Duve, selbst passionierte Reiterin, wollte unbedingt einen Roman mit viel Pferd drin schreiben. Sisi wiederum galt als ungewöhnlich talentierte und furchtlose Reiterin - was Duve die Gelegenheit gibt, sie so kundig wie animiert im Rausch des Risikos bei Treibjagden in England oder Ungarn zu schildern. Dorthin reist Sisi nur zu gerne, um sich den zermürbenden Pflichten einer Kaiserin in Wien zu entziehen.

Lesung: Ein Buch mit viel Pferd wollte Karen Duve, selbst den Pferden zugewandt, schreiben. Da kam ihr Sisi, die als talentierte und furchtlose Reiterin galt, gerade recht.

Ein Buch mit viel Pferd wollte Karen Duve, selbst den Pferden zugewandt, schreiben. Da kam ihr Sisi, die als talentierte und furchtlose Reiterin galt, gerade recht.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Dies ist also eindeutig ein Buch für die Pferdefreundinnen unter den Sisi-Fans - aber glücklicherweise nicht nur für sie. Denn Duve interessiert sich nicht nur für Tiere und Natur (denen Sisi wohl in Zartheit zugewandt war), sondern doch auch für die Menschen. Zum Beispiel in skurrilen Nebenszenen für den tragischen König Ludwig II., dem am Starnberger See natürlich die Aufwartung gemacht werden muss - auch wenn er dick geworden ist und aufgrund verfaulter Zähne scheußlich aus dem Munde riecht. Selbstverständlich nimmt Duve auch immer wieder Sisi selbst in den Blick und schildert ihren offensichtlich komplizierten Charakter in aller Widersprüchlichkeit: "Den einen Moment ist die Kaiserin faszinierend und geistsprühend, jugendlich und übermütig und gleich im nächsten dann wieder vollkommen niedergeschlagen oder wütend und verzweifelt".

Ihre wechselnden Stimmungen müssen die Bediensteten und insbesondere Hofdamen ausbaden, deren Freud wie Leid Duve immer wieder spiegelt. Und ihre bayerische Lieblingsnichte Marie Louise von Wallersee, eine hübsche Achtzehnjährige mit nicht ganz präsentablem Stammbaum (die Auswüchse einer starren Standesgesellschaft thematisiert Duve immer wieder). Die Nichte wird von der allmächtigen Tante huldvoll ins Gefolge integriert, auch wenn das bei den Eltern auf Schloss Garatshausen große Ängste auslöst: "Sie lässt jeden irgendwann fallen", ahnt Sisis Bruder, Herzog Ludwig. Die herrliche Göttin, sie herrscht eben auch mit unerbittlicher Grausamkeit.

Karen Duve: Sisi, Lesung am Mittwoch, 28. September, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, literaturhaus-muenchen.de

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