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Kardinal Marx:"Das System Kirche als Ganzes ist hier schuldig geworden"

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, aufgenommen im Rahmen der Bundespressekonferenz i

Es sei ihm ein Anliegen, "alles mir Mögliche zu tun, um Missbrauch zu bekämpfen und aufzuarbeiten", erklärt Kardinal Reinhard Marx.

(Foto: Imago)

Kardinal Marx gründet Stiftung für Missbrauchsopfer und will dafür "den allergrößten Teil" seines Privatvermögens aufwenden, eine halbe Million Euro.

Von Annette Zoch

"Spes et Salus - Hoffnung und Heil". Unter diesem Titel gründet der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx eine gemeinnützige Stiftung für Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Für die Stiftung gibt Marx eine halbe Million Euro - den "allergrößten Teil seines Privatvermögens", sagte Marx am Freitag.

"Sexueller Missbrauch im Verantwortungsbereich der Kirche ist ein Verbrechen. Es zerstört das Leben vieler Menschen und bedeutet schwere Belastungen", sagte Marx. "Das System Kirche als Ganzes ist hier schuldig geworden. Missbrauch hat systemische Ursachen und Folgen." Ihm sei es ein Anliegen, sowohl als Bischof als auch als Privatperson "alles mir Mögliche zu tun, um Missbrauch zu bekämpfen und aufzuarbeiten".

500 000 Euro Privatvermögen - Marx erklärt die stattliche Summe damit, dass er stets "verantwortlich" mit seinen Bezügen umgegangen sei. Die gab es nicht nur für sein Bischofsamt - zuvor war Marx viele Jahre Direktor des Sozialinstituts Kommende Dortmund und Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Paderborn. Als Münchner Erzbischof ist Marx der staatlichen Besoldungsgruppe B 10 zugeordnet. Die aktuelle Tabelle weist ein Monatsbrutto von 13 654 Euro aus. Insgesamt seien so 500 000 Euro zusammengekommen, "die - so ist meine Überzeugung - nicht für mich, sondern für Heil und Heilung von Menschen eingesetzt werden sollen", so Marx.

Er hat selbst einen Lernprozess im Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt hinter sich: In seiner Zeit als Bischof von Trier war Marx 2006 Hinweisen auf sexuellen Missbrauch durch einen Diözesanpriester nicht nachgegangen. "Es plagt ihn noch immer sehr", sagte sein Sprecher 2019 dem Spiegel. "Er sagt heute, dass er damals hätte wacher sein müssen." Marx will die Stiftung als Ergänzung zu den Aufarbeitungsbemühungen der Kirche verstanden wissen - nicht als Ersatz. Die Zahlungen in Anerkennung des erlittenen Leids sind davon unberührt

. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sich im Herbst auf ein einheitliches Vorgehen geeinigt; ab 1. Januar tritt die neue Verfahrensordnung in Kraft. Die Stiftung will zusätzliche Hilfsangebote machen. Zweck der Stiftung ist es laut Satzung, "dazu beizutragen, dass die von Missbrauch Betroffenen auf dem Weg ihrer Selbstermächtigung gestärkt, gefördert und unterstützt werden". Nichts weniger als eine "kopernikanische Wende" im Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt erhoffen sich Pater Hans Zollner, Direktor des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, und der frühere Münchner Generalvikar, Prälat Peter Beer. Das Kinderschutzzentrum will eng mit der Stiftung kooperieren. Beer, der dort als Professor lehrt, soll - gemeinsam mit einem Betroffenen - dem Stiftungsbeirat vorsitzen. Verwaltet werden soll sie in München. Entscheidend sei, dass Betroffene als gemeinsame Entscheidungsträger sowohl bei der Ausarbeitung des Programms der Stiftung als auch bei der Umsetzung voll einbezogen werden, schreiben Beer und Zollner in der englischsprachigen katholischen Wochenzeitung The Tablet.

"Das ist eine gute Nachricht", sagte Matthias Katsch, Sprecher der bundesweiten Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" der Süddeutschen Zeitung. "Die zahlreichen Betroffenen sexueller Gewalt durch Kleriker in Deutschland und weltweit brauchen Hilfe und Unterstützung beim Austausch und der Vernetzung. Ich finde es ein wichtiges Signal, dass jemand, der eine führende Rolle in der katholischen Kirche spielt, persönlich ein Zeichen setzt." Zurückhaltender ist Agnes Wich, Traumatherapeutin und Betroffene im Erzbistum München: "Den Grundgedanken, eine Stiftung zu gründen, die sich auch mit spiritueller Traumatisierung beschäftigt, finde ich gut. Aber viele Betroffene leiden bis heute unter bitterer Armut. Zugleich spendet der Kardinal privat eine so hohe Summe. Dieses Ungleichgewicht löst bei mir auch Befremden aus."

Die Arbeit der Stiftung dürfe nicht als Ersatz oder Ablenkung von der dringend notwendigen Aufarbeitung verstanden werden.

© SZ.de/amm/infu
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