Kandidat für den SZ-Kulturpreis:Der Störfaktor

Für Günter Wangerin gibt es keine unpolitische Kunst. Er selbst scheut mit seinen Aktionen keine Konfrontation

Von Andrea Schlaier

Günter Wangerin

Deutsche Befindlichkeiten: Günter Wangerin spürt sie auch in seiner aktuellen Ausstellung auf, und sei's beim Torjubel. Mit seiner politischen Kunst bezieht er Stellung "zu der Realität, in der wir leben".

(Foto: Andrea Schlaier/OH)

Wegschauen funktioniert nicht: Es sind Menschen, die im Geäst dieses gewaltigen, blätterlosen Baumes stehen. Oder hängen sie? Baumeln in der Luft wie eine Abordnung herbeigewehter Gespenster. Täuschend warmes Licht leuchtet das Gewirr aus, als inszeniere hier einer ein metaphorisches Schauerstück. Am unteren Bildrand hat es der Helm eines in die Krone starrenden Feuerwehrmannes aufs Foto geschafft, links neben ihm das Dach einer Weihnachtsbude. München, im November 2014, 23.40 Uhr am Sendlinger-Tor-Platz. Um der drohenden Festnahme durch ein Großaufgebot an Polizisten zu entgehen, sind Asylsuchende während eines Hungerstreiks den mächtigen Stamm hochgeklettert. Wer vor dieser wandfüllenden Fotografie steht, ist auf sehr persönliche Weise dem Wahnwitz dieser Situation ausgesetzt, muss innerlich Haltung beziehen. "Menschen im Baum" hat Günter Wangerin diese riesenhafte Aufnahme betitelt. Sie ist das Herzstück seiner aktuellen Ausstellung, die mit einem Valentin-Zitat überschrieben ist: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde". Das Bild-Dokument der jüngsten Münchner Geschichte taugt dabei, das Prinzip des politischen Künstlers Wangerin zu fassen.

Es fängt damit an, dass der 72-Jährige mit schwarzer Hornbrille, weißem Kurzhaar und dunkler Garderobe nicht nur aussieht wie ein linker Intellektueller. Er taucht auch überall auf, wo er Gefahr "von Rechts" oder ein "unzulässiges Klima, in dem Flüchtlingsleben in Deutschland stattfindet", wittert. Und kommentiert das Erfahrene sogleich in Bildern: mit Bleistift, Pinsel, Kautschuk oder Kamera. In seiner Neuhauser Atelierwohnung entstehen gegenständliche Malerei voll schwarzer Satire, Cartoons und Politiker-Masken. Es sind die Mittel des gelernten Mediziners, der nach seiner Zeit als Anästhesist im Uniklinikum München als Lektor gearbeitet hat. Immer geht es bei Wangerin darum, aktuelle Auswirkungen politischer Entwicklungen aus ihrer tagesschauhaften Abstraktion zu lösen, die Distanz zwischen dem, was da draußen in der weiten und nahen Welt so los ist und jedem einzelnen, der es wagt, sich seinen Arbeiten auszusetzen. Der 72-Jährige bricht vermeintlich große Politik auf individuelle Lebensrealitäten herunter und konstruiert dadurch eine moralische Gegenüberstellung zwischen Betrachter und Kunst-Objekt. "Es gibt eine Moral, und die heißt: Wenn ich sehe, dass was gefährlich schief läuft, schalte ich mich ein."

Gern gerät das provozierend, gern auch als Aktionskunst. Die höchsten Wellen hatten zuletzt seine "Teilnahme" am Beförderungsappell junger Bundeswehroffiziere vor Schloss Nymphenburg im Sommer 2015 geschlagen. Wangerin stellte sich auf ein mitgebrachtes Höckerchen, zog sich die selbst gegossene Gummi-Maske mit dem Gesicht des anwesenden damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck über und rief "Hab Acht". So schnell konnte er gar nicht schauen, wie ihn zwei Feldjäger von seinem Sockel geholt und zu Boden gedrückt hatten, erzählt er - auch vor Gericht. Denn "die Veranstalter" versuchten, den Senior wegen Hausfriedensbruchs zu belangen. Vergeblich. Der 72-Jährige konnte umgekehrt ebenfalls nichts ausrichten gegen die beiden Feldjäger, die er wegen Körperverletzung angezeigt hatte.

Nachlesen lässt sich auch diese Auseinandersetzung unter "Gerichtsmassiges" auf der Homepage des Mannes, der nach Jahrzehnten als Provokateur vornehmlich deutscher Politik reichlich juristische Erfahrung gesammelt hat. "Wenn du heute als Künstler Stellung beziehst und scharf bist, kommst du da hin." Trotzdem begreife er sich nicht als Prozesshansel. Kurz nach Kriegsende in "stockkonservativen mittelfränkischen Elternhaus" geboren sei es ihm immer ums "Aufbegehren" gegangen. "Das war für mich Erlösung."

Kaum an der Uni eingeschrieben, schloss sich Wangerin der Studentenbewegung an, ging auf die Straße, bezog Position mit politischen Comics und Karikaturen und beteiligte sich 1979 am Straßentheater "Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy" nach dem Bert Brecht Gedicht. Die satirische Protestbewegung keilte gegen den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß aus und die wieder erstarkten Seilschaften von Alt-Nazis. Wangerin kooperierte mit Regisseur Thomas Schmitz-Bender ("mein absolutes Vorbild") und Brecht-Tochter Hanne Hiob, durch deren Vermittlung er im Berliner Ensemble das Maskenmachen aus Naturkautschuk gelernt hat.

Diese sollten beim Aufbegehren gegen bundesrepublikanische Macht-Politik in den folgenden Jahrzehnten sein Markenzeichen werden. 2005 trat der zweifache Vater mit Joschka Fischer-Gummikopf auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Tagenden in den Weg. "Es gibt viele, ganz subtile Mittel, Position zu beziehen", sagt er. "Am interessantesten sind solche, die den Betrachter erst mal provozieren."

In der Mohr-Villa hängt so ein Bild gewordenes Statement: "Tor für Deutschland". Es zeigt eine Gruppe grölender Fußball-Fans im Moment des Torschusses, ganz vorne ein brüllender Mann mit geballter Faust, auf seinem Unterarm prangt ein tätowiertes Eisernes Kreuz. Der Deutsche Olympische Sport Bund hatte es online für seine Kampagne "Nie wieder" genutzt, zur Mahnung an die Opfer des Nationalsozialismus auch innerhalb des Fußballs. Übrigens, erzählt Wangerin nicht ohne Vergnügen, habe sich ein Besucher in der Mohr-Villa gerade an dieser Arbeit gestoßen.

"Meine Sachen will man sich daheim nicht übers Sofa hängen."Das gilt für seine Skizzen aus dem Prozess gegen die Gründer und Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die er seit 2014 zeichnet, seine Momentaufnahmen der Flüchtlinge aus der Bayern-Kaserne, Karl Valentin, der nach dem Krieg in seiner Heimat wie ein Fremder behandelt wurde und den er zu einem Flüchtling in die Abschiebezelle setzt. Mit bloßer Kunst ist es Wangerin, der im Vorstand des Arbeitskreises "Aktiv gegen Rechts in Verdi" sitzt, einfach nicht getan. "Man muss teilnehmen!"

Vorschläge für den Tassilo-Preis können per E-Mail unter tassilo@sueddeutsche.de oder stadtviertel@sueddeutsche.de oder per Post an die Stadtviertel-Redaktion geschickt werden: Hultschiner Straße 8, 81677 München. Einsendeschluss ist Mittwoch, 28. Februar.

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