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Kanalsystem:So wird Münchens Untergrund in Schuss gehalten

So schön sauber, wie dieser nachgebaute Trainingskanal in der neuen Zentrale der Stadtentwässerung, sind die echten Röhren leider nicht.

(Foto: Robert Haas)

45 Millionen Euro hat die neue Zentrale der Stadtentwässerung gekostet. Mitsamt Trainingskanal, eigener Werkstatt und grüner Umkleide.

Als Autofahrer hat man sich bestimmt schon mal darüber geärgert: Da steht man eine gefühlte Ewigkeit im Stau, weil die Straße wegen Kanalarbeiten verengt ist, und wenn man zum Ort des Geschehens vorgedrungen ist, dann steht da ein Mitarbeiter der Stadtentwässerung München und guckt sinnierend in das Gullyloch. "Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, der Mann tut etwas", erklärt Bernhard Böhm von der Stadtentwässerung. Er sichere seine Kollegen ab, die unten im Kanal nach Schäden suchen oder ebendiese reparieren. Die Arbeiter befinden sich immer in Sicht-, höchstens aber in Rufweite voneinander entfernt. Einfach so in einen Kanal klettern - das funktioniert nicht.

Wie genau ein solcher Einsatz aussieht, davon konnten sich Besucher am Freitag ein Bild machen: Die Stadtentwässerung München feiert ihre neue Kanalbetriebsstation an der Schleißheimer Straße mit einem Tag der offenen Tür. In der Tiefgarage, in der bis zu 60 Einsatzfahrzeuge parken können, befindet sich ein Trainingskanal. Ein Stockwerk tief können sich die Mitarbeiter hier abseilen und dann in einem nachgebauten Kanal üben. Der allerdings gehört schon zu den größeren Exemplaren, ein erwachsener Mann kann hier fast stehen. Ab einer Höhe von 1,50 Metern werden die Kanäle von Menschen inspiziert - Platzangst darf da nicht aufkommen.

Immerhin: Etwa die Hälfte des 2400 Kilometer umfassenden Kanalnetzes ist begehbar, wie Böhm erzählt. Der Rest wird mit Kameras inspiziert. Zwei Systeme gibt es dafür: Entweder filmt die Kamera vom Beginn des Rohres an hinein, oder ein mobiles Gerät lässt sich per Joystick durch den Gang manövrieren.

Früher waren die Mitarbeiter der Stadtentwässerung auf neun Standorte verteilt, berichtet Kanalbetriebsleiter Peter Köstner. Diese seien nun auf drei Dependencen konzentriert, eine im Osten der Stadt, eine im Westen und die Hauptzentrale an der Schleißheimer Straße. Letztere wurde vom Büro Reinhard Bauer Architekten entworfen. 45 Millionen Euro hat die Zentrale gekostet, die nun 150 Mitarbeitern Arbeitsplätze bietet. 60 von ihnen sind im Büro beschäftigt, die restlichen im Kanalbetrieb oder den Werkstätten.

Maigrün gegen Sonnenmangel

Dienstbeginn für alle ist um 7.30 Uhr, die Betriebsabläufe sind genau festgelegt, was sich auch in der Aufteilung des Gebäudes widerspiegelt. Durch den Haupteingang gelangen die Mitarbeiter über eine Treppe in den ersten Stock. Hier trennen sich ihre Wege: Nach links führt ein Gang zu den Umkleiden, rechts zur Schleißheimer Straße hin liegen die Büros. "Weißer Bereich", nennt Köstner diesen Teil des 12 000 Quadratmeter großen Komplexes.

Soll heißen: Hier läuft niemand in dreckiger Arbeitskluft herum. Auch die Umkleide ist im vorderen Bereich "weiß", die Männer ziehen ihre Alltagskleidung aus und hängen sie in ihren Spint. Die Böden erstrahlen in maigrün. "Das haben die Architekten als Kontrast geplant, weil viele Mitarbeiter im Kanal von der Sonne nicht viel mitkriegen", sagt Günter Wegewitz, verantwortlicher Projektleiter im städtischen Baureferat.

Ein paar Meter weiter, hinter den Duschen, steht ein zweiter Spint, in dem das Arbeitsoutfit wartet. Deswegen bläst hier auch eine eigene Belüftung. Dort beginnt der "schwarze Bereich", der Arbeitsbereich. Die Kanalreinigung ist hier untergebracht, die Kanalwache, die Mess- und Regeltechniker und die Werkstätten mit Schlössern und Elektrotechnikern.

Eine eigene Werkstatt sei nötig, sagt Kanalexperte Böhm. 150 Jahre alt sei die Münchner Kanalisation, Ersatzteile von der Stange gebe es da nicht. Vielmehr können die eigenen Mitarbeiter flexibel auf den Bedarf reagieren. Kanalbetriebsleiter Köstner zeigt zwei Schieber, also Platten, die den Wasserfluss regulieren. Der eine ist total verrostet, aus Stahl sei der gemacht. Daneben strahlt die Weiterentwicklung aus Edelstahl. "Das wird nicht rosten", verspricht Köstner.

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