"Ich bin einsvierundsiebzig groß, hab' helle Haut. Heute habe ich einen Pferdeschwanz", erklärt Anja Flessa zur Begrüßung den Besuchern, die sich schon vor der Theateraufführung im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele versammelt haben. Später werden sie sich "Touch" von Falk Richter ansehen. Vorher aber lassen sie sich von Flessa beschreiben, wie die Bühne ausschaut, welche Kostüme im Stück getragen und welche Tanzbewegungen sie im Stück erleben werden. Tatsächlich sind die hier vereinten Zuschauer nämlich blind oder haben eine Sehbeeinträchtigung. Später wird Flessa ihnen darum das Bühnengeschehen über Kopfhörer beschreiben, die man an der Garderobe erhält. Flessa selbst sitzt dann im Tonstudio im Nachbarhaus, von wo aus alle Bühnen der Kammerspiele mit einer Audiodeskription ausgestattet werden können. Über Kameras kann Flessa dafür sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch im Zuschauerraum beobachten.
Rundfunkanstalten verwenden solche auditiven Bildbeschreibungen schon lange, um blinde und sehbeeinträchtigte Menschen am Fernsehprogramm teilhaben zu lassen. Auch in einigen Kinos wie dem Münchner Filmmuseum bemühen sich Audiodeskriptionen um eine Inklusion von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Doch die Münchner Kammerspiele gehen dieses Jahr in Kooperation mit Gravity Access Services Berlin einen Schritt weiter. Sie bieten Interessierten eine Tastführung an, in der sie vor der Aufführung auf die Bühne geleitet werden. Dort ertasten sie mit ihren Händen die Bühnenkulisse, die ihnen diesmal die Audiodeskriptionssprecherin Flessa zusätzlich beschreibt. Außerdem werden den blinden und sehbeeinträchtigten Menschen Requisiten und Kostüme vorgeführt, die sie berühren dürfen. Neugierig betasten sie die Gegenstände. "Das ist meine Art, die Dinge zu sehen", sagt ein Zuschauer, der von Geburt an blind ist. Später helfen ihm solche selbst ertasteten Informationen, zusammen mit der Audiodeskription ein eigenes Bild vom Schauspiel zu entwickeln.
Allerdings bietet das temporeich inszenierte "Touch" eine Bilderflut, die auch Sehende nicht in ihrer Gänze erfassen können. Umso größer ist für Flessa die Herausforderung, sich schnell auf das vermeintlich Wesentliche zu konzentrieren. Dabei kommt ihr auch eine Ausbildung zur Tanztherapeutin zugute. "Ich beschreibe sehr viel Tanzperfomances. Da ist es wichtig, dass man ein Verständnis hat für Choreografie und für Bewegungsstile und dass man Bewegungen gut beschreiben kann", sagt sie, die deutschlandweit in diesem Jahr schon 25 Produktionen begleitet hat. Wo andere Sprecher gezeigte Film-, Tanz- und Theaterszenen neutral beschreiben, bevorzugt Flessa eine bildhafte, metaphorische Sprache: "Ich finde es auch spannend, die Sprache rhythmisch einzusetzen, und natürlich auch emotional", sagt sie.
Gleichwohl ihre Stimme in besonders lauten Momenten des Schauspiels übertönt wird, bekunden die Betroffenen, wie sehr solche Bildbeschreibung ihr Theatererleben unterstützt. Vor allem die vorausgegangene Tastführung habe ihnen geholfen, das Schauspiel regelrecht zu begreifen.
