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Kammerkonzerte '21:Zum Nutznießen der Netznutzer

Arcis Quartett

Gut ausgeleuchtet, aber ohne Publikum im Foyer der Versicherungskammer Bayern: das Arcis Saxophon Quartett.

(Foto: Astrid Ackermann)

Das Arcis Saxophon Quartett eröffnet die Reihe "Kammerkonzerte '21", die mit individuell gestalteten Streams überzeugen will.

Von Dirk Wagner

Sie habe sich ein Streaming nicht so präsent vorgestellt, kommentierte eine Zuschauerin das Konzert des Arcis Saxophon Quartett im Foyer der Versicherungskammer Bayern. Wegen der aktuellen Infektionsgefahr konnte dieses allerdings nur als Live-Stream via Internet miterlebt werden. Nachdem im vergangenen Jahr Musikliebhaber schon einige Live-Streams als Konzertersatz ertragen mussten, möchte Verena Metzger von der Versicherungskammer Kulturstiftung solchen Streams neue Qualitäten abgewinnen. Dazu gehört für sie, dass die auftretenden Künstler der diesjährigen Kammermusik-Reihe der Kulturstiftung nicht einfach nur abgefilmt werden. Stattdessen werden sie in die Überlegungen einbezogen, wie ihr Auftritt online präsentiert werden könnte.

Metzger geht sogar soweit, dass die Musiker selbst überlegen sollen, wie sie ihren Live-Stream gestalten wollen. Dazu steht ihnen ein Kamerateam unter der Leitung von Felix Hentschel zur Seite, der seit Jahren die Videos des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks produziert. Nachdem das Arcis Saxophon Quartett aus München allerdings erst kurzfristig für das ursprünglich geladene Danish String Quartet eingesprungen war, hätten die Saxofonisten nicht allzu viel Zeit gehabt, um sich Besonderheiten für ihren Stream auszudenken, sagt deren Sopransaxofonist Claus Hierluksch.

Trotzdem gelang ihm und seinem Team ein Online-Konzert, von dem nicht nur die eingangs zitierte Zuschauerin begeistert war. Interessiert nutzten auch die anderen mehr als 400 Zuschauer die Gelegenheit, den Musikern über einen Chatbutton Fragen zu stellen, die Hierluksch und die Altsaxofonistin Ricarda Fuss stellvertretend für das gesamte Quartett beantworteten. Dazu begaben die zwei sich zwischen den Musik-Darbietungen in eine Sessel-Ecke, von wo aus sie auch die Geschichte des Saxofons erzählten. Wie Adolphe Sax im 19. Jahrhundert das Instrument entwickelt und in Paris angepriesen hatte. Wie das Saxofon nach Amerika gelangte, wo es vom Jazz vereinnahmt wurde. Und in welchen klassischen Kompositionen das Saxofon zu hören ist.

Natürlich erzählten sie auch etwas über die Musik, die sie an diesem Abend spielten: Zwei Sätze aus Dvořáks amerikanischem Quartett, "Summertime" und das Finale aus Gershwins Porgy and Bess oder das schwungvolle "America" aus Bernsteins West Side Story. Obwohl das Quartett solche Klassiker eines musikalischen Amerika-Portraits nur auf Saxofonen spielte, glaubte man im Vortrag auch andere Instrumente zu erkennen. Flöten vielleicht, oder gar Geigen. So sehr gelang den Holzblasinstrumenten, auch andere Instrumente zu imitieren. Hätte das Quartett es nun bei jenen Klassikern belassen, hätte man darum zu Recht von einem wirklich erhabenen Konzerterleben ob der spannenden Neu-Arrangements schwärmen dürfen. Tatsächlich aber krönte das Ensemble sein Amerika-Bild mit "Jesus is coming" vom niederländischen Komponisten Jacob Ter Veldhuis. Hier kommunizierten die Saxofone mit Soundfiles, auf denen Sprach- und Klang-Aufnahmen von Babys, einem Straßenprediger und einem Gospelchor soundtechnisch verfremdet wurden. Und plötzlich klang Amerika nicht mehr nach weiten Prärien und Technicolor. Als hätte Jacob Ter Veldhuis' Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion in einer von 9/11 traumatisierten Gesellschaft das idealisierte Amerika-Bild von der Leinwand gerissen, entließ sie das Arcis Saxophon Quartett und dessen Publikum an den Rechnern daheim in einem amerikanischen Jetzt, das eben nicht mehr, wie man jahrzehntelang annahm, für die Sicherheiten bürgt.

Das Publikum hätte nach solchem Vortrag wahrscheinlich erst ergriffen geschwiegen. Stattdessen aber wurde auch diese spannende Sounderfahrung sofort von tosendem Beifall abgelöst. Zur Lobpreisung seiner Leistung hatte das Quartett nämlich vorproduzierte Applausaufnahmen dabei. Selbst eine Zugabe ließ es sich von einer Bandaufnahme wünschen. Und die gab es dann auch. Am 12. Mai setzt der Trompeter Simon Höfele die Kammerkonzertreihe fort.

Kammerkonzerte '21, bis 18. November, Informationen unter www.kammerkonzerte-vkk.de

© SZ vom 25.03.2021/van
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