bedeckt München

Kältewelle:Eine Stadt im Minus

Frost

Fotos: Sven Hoppe/dpa (2), Lukas Barth, Andreas Gebert/dpa, Mauritius

Furchtbar kalt, jammern die einen. Ist halt Winter, entgegnen die anderen. Fest steht: So eisig wie in diesem Januar war es in München seit vielen Jahren nicht mehr. Das kostet Geld, kann gefährlich sein - oder Spaß machen

Zuflucht in der Nacht

Sie harren trotz Eiseskälte an ihren Stammplätzen aus. In Decken gehüllt, manchmal gewärmt von einem Hund, kauern Obdachlose und Bettler an Hauswänden, vor Kirchen und auf Parkbänken. Doch wenn es dunkel wird, machen sich viele im Winter auf den Weg in den Münchner Norden, um die Nacht im Kälteschutz zu verbringen. Den hat die Stadt 2012 eingerichtet, organisiert wird das Kälteschutzprojekt vom Evangelischen Hilfswerk der Inneren Mission. Bis zu 850 Menschen können im Haus 12 der ehemaligen Bayernkaserne zwischen November und Ende April kostenlos übernachten. Nach ihrer kurzen Registrierung im "Schiller 25", der Migrationsberatung Wohnungsloser, erhalten sie einen Einweisungszettel für den Kälteschutz. "Derzeit schlafen dort zirka 400 Personen", sagt Andreea Untaru, Leiterin des "Schiller 25". Das sind deutlich mehr als noch vor ein paar Wochen: An Heiligabend hatten bei vergleichsweise milden Temperaturen 136 Männer, elf Frauen und elf Familien mit 24 Kindern die Einrichtung aufgesucht. Doch bei der jetzt herrschenden Kälte versuchen die Münchner Streetworker täglich, die Obdachlosen davon zu überzeugen, nicht im Freien zu übernachten. "Niemand darf in München auf der Straße erfrieren", sagt Klaus Honigschnabel von der Inneren Mission. ANL

Frostiges Klima

Viel zu kalt, sagen die einen, das sei doch im Winter völlig normal, sagen die anderen. Es sei derzeit "frostig kalt", bestätigt Guido Wolz, "aber wir befinden uns ja auch gerade in der absoluten Hochwinterphase". Was also nun? Der Meteorologe von der Münchner Niederlassung des Deutschen Wetterdienstes hat die Daten parat: Tatsächlich ist es sieben Jahre her, dass ein Januar in München ähnlich kalt war wie dieser, der mit derzeit durchschnittlich 2,6 Minusgraden deutlich unter dem langjährigen Mittel von 0,4 Grad minus liegt. In den Jahren 2015 und 2016 war es mit plus 2,5 beziehungsweise plus 2,7 Grad Celsius verglichen damit mollig warm. Dabei war München bis Mitte der Woche durch Hochnebel noch vor ärgerer Kälte geschützt. Von Mittwoch auf Donnerstag wurden nachts in der Stadt minus 6,8 Grad gemessen, in Bad Kohlgrub dagegen knackige minus 15 und selbst am Main waren die Minustemperaturen zweistellig. Doch insgesamt, so Wolz, "machen diese zwei kalten Wochen noch keinen Winter aus". In den Bergen habe man wieder lange auf den Schnee warten müssen, "auch das prägt sich ein". Dafür soll der jetzt eine Weile liegen bleiben. Der Experte erwartet, dass die gegenwärtige Wetterlage mit arktischer Festlandsluft noch "bis mindestens Ende nächster Woche" anhält. Wobei es in den Bergen milder werden soll als in München. In der Stadt könnten die Temperaturen am Wochenende nachts auf bis zu minus 18 Grad fallen. KG

Runter vom Eis

Schlittschuhlaufen oder Eisstockschießen auf einem zugefrorenen See? "Wir raten derzeit dringend davon ab", sagt Martin Gärtner, es sei "sehr gefährlich". Für den stellvertretenden technischen Leiter der Kreiswasserwacht München hat das nichts mit übertriebener Vorsicht zu tun. Eigentlich sollte ja auch die Wasserwacht die Gelegenheit nutzen, um Eisrettungseinsätze mit entsprechendem Gerät zu üben, aber das sei im Moment schwierig, "es trägt einfach noch nicht", hat Gärtner beobachtet. Um die nötige Eisdicke von 15 Zentimetern zu erreichen, dazu brauche es zwei Wochen zehn Grad minus in der Nacht. Gärtner, der selbst gerne Schlittschuh läuft, rät, das besser auf einem Eisplatz oder in der Halle zu tun. KG

Der Schnee hält warm

Für die einheimischen Pflanzen sei die Schneedecke derzeit ein Segen, heißt es aus aus der Abteilung Gartenbau des städtischen Baureferats. Ungeschützt könnte sonst die Kälte - Barfrost genannt - tief in die Böden eindringen und Schäden an Wurzeln und Knollen verursachen. Allerdings, so wird geraten, sollten Gartenbesitzer derzeit ihre Gehölze am besten umwickeln, damit die doch schon starke Sonne diese nicht austrocknet. Der lockere Pulverschnee sei für die Pflanzen kein Problem, er könne keine Äste oder Zweige abknicken. KG

Kühle Rechnung

So ein kalter Winter macht sich auch im Geldbeutel bemerkbar - bei den Heizkosten. Wenn man durchgefroren nach Hause kommt, ist die Verlockung groß, einfach die Heizung voll aufzudrehen. Sollte man aber nicht tun, meint der Leiter der Energieberatung bei den Stadtwerken, Stefan Memminger: "Für jedes zusätzliche Grad Raumtemperatur entstehen sechs Prozent mehr Energiekosten." Er empfiehlt deshalb maximal 22 Grad im Wohnzimmer und 18 Grad in der Küche. Nachts darf man die Heizung ruhig etwas herunterschalten, ganz abdrehen aber besser nicht. "Sonst kühlt die Wohnung aus und am nächsten Tag dauert es lange, bis sie wieder warm ist." Außerdem kann Schimmel entstehen, wenn die Wände zu kalt werden. Das passiert auch, wenn die feuchte Luft nicht aus der Wohnung kann. Deshalb gilt: regelmäßig lüften und zwar mindestens drei, vier mal am Tag für etwa fünf Minuten, bei ganz offenem Fenster. Besonders wichtig ist das am Morgen. "Nachts dünstet der Mensch Wasser aus, etwa 35 Gramm pro Stunde." Also: nach dem Aufstehen - Fenster auf. Macht ja auch wach. CHRH

Gut einpacken

Wer bei diesen Temperaturen die Handschuhe vergessen hat, wird wohl recht bald die Hände in der Manteltasche vergraben. Das liegt an den Kältesensoren, die beim Menschen vor allem im Gesicht und an den Händen sitzen, und die dem Körper signalisieren: Er muss sich schützen. "Der Körper braucht eine Temperatur von 37 Grad, um seine Funktionen optimal ausführen zu können", sagt Christoph Dodt, Leiter des Notfallzentrums im Klinikum Bogenhausen. In diesem Winter wurden dort bereites einige Patienten behandelt, die ausgekühlt waren. Häufig war dabei Alkohol im Spiel, so auch im Fall eines Mannes, der über zwei Tage hinweg in seiner ungeheizten Wohnung lag und bewusstlos eingeliefert wurde: mit einer Körpertemperatur von 32 Grad. Zu Erfrierungen kann es kommen, wenn man sich über einen längeren Zeitraum bei Minusgraden draußen aufhält. Das liegt daran, dass die Kälte Eiweiß beschädigen kann, und das ist ein wichtiger Bestandteil von Zellwänden und Enzymen. Eine Erkältung aber habe "nicht primär"mit der Kälte zu tun, sondern mit den Erregern, die von einem Menschen zum nächsten übertragen werden. In diesen Tagen verzeichnet München einen Anstieg an Grippe-Patienten. "Dagegen schützt man sich am besten, indem man sich impfen lässt", sagt Dodt. "Das ist wichtiger als ein Schal." FRG

Dickes Fell

Wie geht es eigentlich Elefant, Löwe, Affe und Co., wenn es schneit? Frieren die nicht fürchterlich? Jedenfalls dürfe man nicht glauben, dass sich über den Schnee nur Eisbären und Pinguine freuen, sagt Robert Müller, Chef der Tierpflege in Hellabrunn. Er hat schon gesehen, wie sich kleine Elefanten im Schnee wälzen und ganz begeistert sind, wenn die Flocken am Rücken kitzeln. Müller klingt, als würde er von seinen Kindern sprechen. "Die Pfleger müssen immer aufpassen, dass es die Elefanten nicht übertreiben, sich nicht erkälten." Natürlich vertragen nicht alle im Zoo die Kälte. Amphibien und Reptilien müssen drin bleiben. Generell gilt: Tiere, die in feuchttropischen Gebieten zu Hause sind, vertragen Minusgrade schlechter als die, die aus trockenen, heißen Regionen stammen. In der Savanne in Afrika wird es nachts schließlich auch kalt. Trotzdem müssen die Pfleger vorsichtig sein. Etwa jede Viertelstunde sehen sie nach den Tieren. Bei Amsel, Meisen und Finken, den Vögeln, die im Winter in München bleiben, macht sich diese Mühe niemand. Ist auch nicht nötig, schließlich kennen sie die Kälte. Mit dem Füttern sollte man es deshalb nicht übertreiben, rät die Ornithologin Sophia Engel, die für den Landesbund für Vogelschutz arbeitet. Das gute, alte Vogelhäuschen, sagt sie, sei nicht optimal. "Man sollte darauf achten, dass die Vögel nicht auf dem Futter herumlaufen, weil sich sonst Krankheitserreger ausbreiten." CHRH

Auf der Strecke

Es gibt viele München-Klischees, die nicht von ungefähr kommen. Zum Beispiel dieses: Kaum macht der Winter Ernst, ist es mit der Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel vorbei. Und alle Jahre wieder tönt es unisono von Fröttmaning bis Perlach: Typisch Bahn, typisch MVG - die kriegen es einfach nicht auf die Reihe. Ein Klassiker bei Schnee und Eis ist zum Beispiel die Weichenstörung, die in den vergangenen Tagen immer wieder bei der S-Bahn aufgetreten ist und zu Verspätungen und Zugausfällen geführt hat. Da fragt man sich als Fahrgast, warum sich so etwas nicht vermeiden lässt. Die Bahn allerdings beteuert, weniger Störungen wären ihr natürlich auch lieber. Schließlich muss sie für jede Verspätung eine Vertragsstrafe zahlen. Doch das Problem mit den Weichen sei technisch nicht zu lösen. Am Schnee liegt es dabei gar nicht. Die Weichen sind beheizt (wie übrigens auch bei der Trambahn), und wer einen Schneeball darauf wirft, kann diesem beim Schmelzen zuschauen. Das wahre Problem sind Eisklumpen, die von den Zügen herunterfallen und zufällig in der Weiche landen. Die packen dann selbst die Heizungen nicht. Da bleibt den Bahnmitarbeitern schließlich nichts anderes übrig, als mit der Schaufel loszuziehen und die Brocken aus der Weiche zu lösen. SCHUB

© SZ vom 21.01.2017
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