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Hilfe für Wohnungslose:"Es geht um das nackte Überleben"

Eine Decke, ein Laken, ein Stück Toilettenpapier - das bekommt, wer im Kälteschutz übernachtet.

(Foto: Robert Haas)
  • Im vergangenen Winter sind etwa 3100 Menschen im Kälteschutzprogramm in der Bayernkaserne untergekommen.
  • Wer im Kälteschutz übernachten will, muss sich in der Beratungsstelle Schiller 25 nahe dem Hauptbahnhof anmelden.
  • Nun wird auf dem Areal der früheren Kaserne gebaut - und die Stadt muss sich um einen neuen Ort für das Programm kümmern.

Von Anna Hoben

Eine schmale Decke, ein dünnes Laken, ein Stück Toilettenpapier: Diese drei Dinge sind in dem Paket, das jeder in die Hand gedrückt bekommt, der den Kälteschutz aufsucht. Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks München, hält die Gegenstände in die Höhe, er sagt: "Dies ist keine Luxusherberge, es geht um das nackte Überleben." Keiner soll in München auf der Straße erfrieren, das ist der Grundgedanke.

Vor fünf Jahren hat die Stadt den Kälteschutz erstmals angeboten, bis heute ist er in dieser Form bundesweit einmalig. Damals nutzten ihn, über den Winter verteilt, 1 692 Personen. Wie wichtig das Angebot ist, zeigen die aktuellen Zahlen: Im vergangenen Winter verbrachten fast doppelt so viele Menschen, nämlich 3 111, eine oder mehrere Nächte in der Bayernkaserne in Freimann. Erstmals war der Kälteschutz, der stets im November beginnt, auch auf den April ausgeweitet worden. Dass dies wichtig war, haben die eisigen Temperaturen noch vor wenigen Tagen gezeigt.

Ein ehemaliges Stabsgebäude auf dem Kasernen-Areal: In den Ecken stapeln sich Umzugskisten, gefüllt mit den Überlebenspaketen. Es gibt einen Trakt für Männer, einen für Frauen und einen für Familien. Vom Eingangsbereich im Haus 12 aus geht es rechts in einen Flur, der in einem leuchtenden Grün gestrichen ist. Neben einem 6-Bett-Zimmer liegt ein 16-Bett-Zimmer, im Schnitt schlafen zwölf Männer in einem Raum, getrennt nach Nationalitäten. Alleinstehende Frauen teilen sich zu viert oder zu sechst ein Zimmer.

Ein Viertel der Hilfesuchenden im vergangenen Winter waren Rumänen, 22 Prozent stammten aus Bulgarien, elf Prozent hatten einen deutschen Pass. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil von Bulgaren und Rumänen um fünf Prozentpunkte zurückgegangen. Und es kommen nicht immer dieselben Menschen: Mit zwei Drittel von ihnen hatten die Sozialarbeiter zum ersten Mal Kontakt. Mehr als die Hälfte der Schutzsuchenden blieb zwischen einer und neun Nächten; jeder Vierte nutzte das Angebot länger als einen Monat.

Wer im Kälteschutz übernachten will, meldet sich in der Beratungsstelle Schiller 25 nahe dem Hauptbahnhof an, einer Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks. Vor Kurzem hat sich dort Petra Reiter umgesehen. Die Ehefrau des Oberbürgermeisters ist Schirmherrin des im vergangenen Herbst gegründeten Netzwerkes Wohnungslosenhilfe München - und sie ist von der Arbeit im Schiller 25 beeindruckt. Die Menschen hätten schon mittags aufgeregt auf der Straße gewartet, erzählt Reiter, um 13 Uhr öffnet die Beratungsstelle. Ihre Anliegen würden dann mit der nötigen Ruhe abgearbeitet, die Leiterin Andreea Untaru führe währenddessen Gespräche in vier oder fünf Sprachen.

Dramatische Lebensgeschichten

Darin, so Untaru, gehe es darum, die Perspektive der Menschen in München auszuloten: Gibt es überhaupt eine? Und wie kann sie aussehen? Die Lebensgeschichten, die sie und ihre Kollegen dabei zu hören bekommen, seien oftmals "sehr dramatisch". Hierher seien die Menschen gekommen, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen. Die Mehrheit der Kälteschutz-Klienten arbeite im Niedriglohnsektor, als Tagelöhner oder bei Subunternehmern in der Reinigungs- oder Baubranche.

Ein Formular mit einem QR-Code gewährt den Hilfesuchenden Einlass auf das Kasernenareal. Der Kälteschutz öffnet um 17 Uhr, morgens um neun Uhr müssen alle die Zimmer verlassen haben. Bis 21 Uhr sind zwei Sozialarbeiter anwesend, danach nur noch die 15 Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst. Bis zu 932 Plätze können insgesamt belegt werden; gebraucht wurden bisher nie mehr als 500. Das Sozialreferat der Stadt zahlt jedes Jahr 2,5 Millionen Euro an das Evangelische Hilfswerk, für den Kälteschutz inklusive Sicherheitsdienst und die Streetwork im Sommer.

Auf dem Gelände der Bayernkaserne werden in den nächsten Jahren 4000 Wohnungen entstehen. Über den Standort des Kälteschutzes von 2021 an sei er deshalb seit dem Herbst mit dem Planungsreferat im Gespräch, sagt Rudolf Stummvoll, Leiter des Wohnungsamts im Sozialreferat. "Die Stadt will eine Lösung finden."

Genau wie bei der Frage, wie die Leute künftig raus zur Bayernkaserne kommen sollen. Denn: "Es kann nicht sein, dass die Menschen sich von dem wenigen Geld, das sie haben, noch teure Fahrkarten leisten müssen", klagt Gordon Bürk vom Hilfswerk. Bisher gab es lediglich ein Kontingent an Fahrkarten für Härtefälle. Für eine bessere, einheitliche Lösung sei das Sozialreferat mit dem Münchner Verkehrs- und Tarifverbund im Gespräch, sagt Stummvoll.

© SZ vom 05.05.2017/vewo
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