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Kabarettpreis:Worte, Witze und Widrigkeiten

Auszeichnung für Max Uthoff, Tahnee, Maren Kroymann und Sebastian Krämer

Am vergangenen Wochenende wurde nicht nur die Kommunalwahl durchgezogen, sondern auch eine andere, bei der sich niemand anstecken konnte: Die Jury des Bayerischen Kabarettpreises kürte die Gewinner des Jahres 2020. Seit 1999 richtet der Bayerische Rundfunk (BR) zusammen mit dem Münchner Lustspielhaus diesen inzwischen in vier Kategorien unterteilten Preis aus, von dem sich der damalige Programmchef Thomas Jansing versprach, "gute Kabarettisten enger an den BR anzubinden".

Max Uthoff Alter Speicher

Der Hauptpreisträger Max Uthoff.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Jury hat freilich seit jeher über den Tellerrand der üblicherweise für BR-Kabarettsendungen in Frage kommenden Kandidaten hinausgeblickt. Den Hauptpreisträger dieses Jahres etwa hat man sozusagen bei der Konkurrenz abgeholt: Max Uthoff ist ja vor allem als Co-Frontmann der ZDF-"Anstalt" neben Claus von Wagner bekannt geworden. Seit er 2011 - damals noch als "Anstaltsanwalt" - in die Sendung einstieg, ist ein steter Preisregen auf ihn niedergegangen. Dabei ist der 52-Jährige ja paradoxerweise ein Spätberufener, dem das Kabarett in die Wiege gelegt wurde. Seine Eltern Reiner und Sylvia Uthoff hatten zwei Jahre vor seiner Geburt das Münchner Rationaltheater gegründet und führten die Kleinkunstbühne 30 Jahre lang. Der junge Max lernte das Handwerk dort von der Pike auf. Und weil er dabei nicht nur die schönen Seiten der Branche zu sehen bekam, entschied er sich erst einmal für ein Jura-Studium.

Wohl nicht die schlechteste Ausbildung für eine Kabarettkarriere, für die er sich 2006 entschied. Seitdem gehört er zu den sprachgewaltigsten und bösesten politischen Kabarettisten der Szene. Anders als die monothematischen "Anstalten" sind seine eigenen Programme von vielen Exkursen durchdrungen, oft nur als Miniatur oder Aphorismus. Immer stellt er den wachsenden Ungewissheiten unserer Gegenwart gerne verdrängte Gewissheiten entgegen: Dass unser Wohlstand auf Kosten anderer geht; dass Neoliberalismus und Globalisierung einen neuen Kolonialismus geschaffen haben; oder dass nicht nur Despoten, sondern auch die westlichen Demokratien ein System stützen, das einige wenige bevorzugt. Uthoff behauptet das nicht nur, er stützt mit einem Netzwerk aus Belegen. Damit ist er der Idealfall eines politischen Kabarettisten, der sich nicht nur der Belustigung, sondern auch der Aufklärung verschrieben hat.

Kroymann Folge 11; Maren Kroymann

Die Ehrenpreisträgerin Maren Kroymann.

(Foto: Radio Bremen/bilduntonfabrik)

Was man auch von der Ehrenpreisträgerin behaupten kann. Die einer Tübinger Akademikerfamilie entstammende Maren Kroymann machte 1967 Abitur und studierte anschließend auf Lehramt - sie ist also der Prototyp einer 68erin, mit entsprechend kulturell wie politisch breitem Engagement. Allen Widrigkeiten trotzend, die sie als bekennende Lesbe erfuhr, hat sie als Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin vieles als Erste geschafft: Schon ihr Solo-Debüt "Auf Du und Du mit dem Stöckelschuh" war 1982 eine Pioniertat, die ihr später als erster Frau eine eigene Satiresendung im Fernsehen ("Nachtschwester Kroymann") bescherte. Für ihre seit 2017 laufende Show "Kroymann" erhielt sie unter anderem den Deutschen und den Bayerischen Fernsehpreis sowie den Grimme-Preis. Stets betonten die Laudatoren ihr Tempo, ihre Darstellungskunst, ihr komödiantisches Timing - und ihre "Haltung".

Gewinnerin des Senkrechtstarter-Preises Tahnee.

(Foto: Guido Schroeder)

Gewisse Ähnlichkeiten kann die Gewinnerin des Senkrechtstarter-Preises nicht verleugnen, auch wenn Tahnee aus dem Comedy-Fach kommt. Ist die 28-jährige Heinsbergerin, die in Köln lebt, doch ebenfalls vielfach talentiert, sie kann singen, tanzen und parodieren, beherrscht diverse Dialekte, grundiert ihre Alltagsszenen aber ebenfalls gerne politisch. In jedem Fall ist sie die Richtige für diese Kategorie: Nach ihrem jüngsten ausverkauften Auftritt im Schlachthof ist der Zusatztermin bereits im Circus Krone angesetzt.

Sebastian Krämer

Der Musikpreisträger Sebastian Krämer.

(Foto: Gerald von Foris)

Der Musikpreisträger ist wie viele seiner Güte ein Geheimtipp mit treuer Fangemeinde. Denn der Wahl-Berliner Sebastian Krämer entzieht sich den gängigen Schubladen. Am ehesten ist er ein Chansonnier im hochkomischen Fach, der sich in der Liedermacher-Tradition eines Christof Stählin sieht, dessen "Sago-Akademie für Poesie und Musik" er auch besucht hat. Trotz der enormen thematischen wie stilistischen Bandbreite seiner Lieder dominieren abseitige, abgründige Themen, fast symbolisiert durch sein Markenzeichen des irrwitzig verdrehten Krawattenknotens. Nie ist es bei ihm eindeutig, oft gewinnt mitten im Stück mal die Musik, mal der Text, mal ein Exkurs die Oberhand. Man ahnt, dass Krämer als Großmeister des frühen, ambitionierten Poetry Slams angefangen hat.

Die wie immer im Herbst im Lustspielhaus stattfindende Verleihung, angesetzt am 29. Oktober, wird das Bayerische Fernsehen bestimmt durchziehen. Dann hoffentlich nicht mehr als "Geisterspiel", sondern stimmungsvoll vor Publikum.

© SZ vom 19.03.2020

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