Die Opposition, das ist in der Demokratie die Minderheit. Deshalb hat sich das Kabarett bewusst oder unbewusst seit jeher auch als Repräsentanz der Minderheit gegen die regierende Mehrheit verstanden. Gleich mehrere Minderheiten vertritt Okan Seese: Er ist Deutsch-Türke, schwul und gehörlos. Und so sieht „Deutschlands einziger tauber Stand-up-Comedian“ alles aus einer eigenen Perspektive. In Gebärdensprache und mit einem übersetzenden Voicer erzählt er von seinem besonderen Alltag auch in seinem zweiten Programm „Tomaten auf den Ohren“: Zum Beispiel von den Herausforderungen eines Arztbesuchs ohne Dolmetscher. Oder was passiert, wenn die Zeugen Jehovas vor seiner Tür stehen (Drehleier, 19. Februar).
Auch Jan-Peter Petersen repräsentiert etwas in München Seltenes: den hanseatischen Humor. Petersen hat sich vor allem als Gründer und Leiter des Hamburger Kabaretts „Lustspielhaus Alma Hoppe“ in die deutsche Kabarett-Geschichte eingeschrieben. Namensgeber war sein von 1984 bis 2023 bestehendes Duo mit Nils Loenicker. Doch getreu seines aktuellen Programmtitels „Zu spät ist nie zu früh“ ist Petersen seit 2017 auch alleine unterwegs. Mit klassischem politischem Kabarett, bei dem der aktuelle Irrsinn reaktionsschnell bloßgestellt und kein Mächtiger verschont wird. Regie führte dabei übrigens der grand old man der deutschen Satire, Henning Venske, einst auch Ensemblemitglied der Lach- und Schießgesellschaft in ihren besten Tagen (Lach- und Schießgesellschaft, 21. Februar).
Bleiben wir beim klassischen Kabarett. Für dessen österreichische Ausprägung steht seit bald 40 Jahren Thomas Maurer, der höchstdekorierte österreichische Kabarettist. Stets hat sein Schmäh politischen Anstrich, ob in Ensembles wie den Staatskünstlern, in Duos mit Leo Lukas oder Florian Scheuba, oder wie in seinen inzwischen 20 Solo-Programmen. So auch im neuen, bei dem er sich „Im falschen Film“ wähnt: „Wäre die Gegenwart ein Film, hätte der ein Drehbuchproblem: zu viele Krisen gleichzeitig, zu viele Superschurken, zu viele grindige Digitaleffekte, zu wenige positive Identifikationsfiguren.“ Freilich: Zumindest fad ist es nicht, und man kann immer noch auf ein Happy End hoffen (Lach- und Schießgesellschaft, 27. und 28. Februar).
Auf deutscher Seite steht Max Uthoff nicht erst seit der „Anstalt“ und der Verleihung des Dieter-Hildebrandt-Preises als einer der Klügsten und Bissigsten für das klassische Genre. Was er mit seinem neuen Solo „uns.ich.er“ bestimmt untermauern wird. Wenn „ich Ihnen meine Ansichten über die Angst vor dem Verlust, die absurde Idee des Besitztums, über das unsinnigste der Zehn Gebote, den unstillbaren Bedarf an Therapie und endlich eine Lösung für alle Probleme um die Ohren haue, ohne mich im Geringsten darum zu kümmern, ob Ihnen das gefällt oder nicht!“ (Leo 17, 6. März)

Aus einer anderen Ecke kommt bekanntlich Helmfried von Lüttichau. Der 69-Jährige ist im Kabarett ein Spätberufener. Zuvor hat er sich als Schauspieler einen Namen gemacht, nach der Ausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule in den späten Siebzigern bis 1997 an diversen Theatern, danach bei Film und Fernsehen. Die Serie „Hubert und Staller“ mit seinem Freund Christian Tramitz machte ihn endgültig populär.
Vor vier Jahren aber wagte er sich mit „plugged“ auf die Kabarettbühne, um seinen unerfüllten Wunsch aufzuarbeiten, ein Rockstar zu werden. Und hat dabei so viel erlebt, dass er jetzt mit „Weil’s raus muss“ nachlegt (Lustspielhaus, 27. und 28. Februar, beide Vorstellungen allerdings bereits ausverkauft).

Ursprünglich auch von der Schauspielerei kommt Simon Pearce. Seit seinem Kleinkunst-Debüt 2014 kann man ihn in die Riege der – durchaus gesellschaftskritischen – Comedians einreihen. Was er schon mit dem Titel seines neuen Programms unterstreicht: „Funny Bones“ (Lustspielhaus, 6. März).
Die Tradition der kabarettistischen Liedermacher führt der Weiherer mit „Bitte kommen, brauche Geld“ fort (Lustspielhaus, 5. März). Musiker war ursprünglich auch der Österreicher Stefan Verra, der allerdings seit Anfang der Zweitausenderjahre als Experte für Körpersprache seine Nische gefunden hat. Jetzt gibt er mit „Du zum Super-Du 2.0“ humorvoll Tipps, wie man durch Mimik und Gestik zum Alltagshelden wird (Lustspielhaus, 2. März).

