Beim Überblick über Neues im Münchner Kabarett-April landet man zunächst bei Altem. Denn mit Alt-OB, Nebenerwerbskabarettist und Schwabingologe Christian Ude als Gastgeber wird an „Die Elf Scharfrichter“ erinnert. Jenes vor genau 125 Jahren gegründete erste politische Kabarett in Deutschland, das von 1901 bis 1904 mit herausragenden Köpfen wie Frank Wedekind, Hans Richard Weinhöppel oder Marya Delvard in München der Zensur trotzte. Mit Ude lassen Judith Kemp, Autorin eines Standardwerks über die Elf Scharfrichter, Wedekind-Enkel Anatol Regnier, die perfekte Marya-Delvard-Interpretin Julia von Miller, Lach-und-Schieß-Chefpoet Frank Klötgen sowie Roland Hefter und André Hartmann als musikalische Begleiter das Beste des legendären Kabarettensembles wieder aufleben. Zugleich feiert man den 70. der Lach- und Schießgesellschaft (Lach- und Schießgesellschaft, 12. April).
Danach sind österreichische Szene-Innovatoren an der Reihe. David Scheid eroberte die Kleinkunstbühnen als Rap-Poetry-Slammer und DJ-Kabarettist. Auch sein fünftes Programm „The Kabarettist“ wird die für ihn typische Mischung aus Stand-up, Polit-Satire und Anarcho-Humor präsentieren – natürlich mit Turntables (Lustspielhaus, 14. April). Und vor 20 Jahren erfanden Peter Hörmannseder und Robert Stachel (damals noch im Trio mit Ulrich Salamun) Maschek. Die bahnbrechende Idee: Clip-Collagen aus originalen TV-Sendungen, von den Nachrichten bis zu Werbetrailern, werden neu und live synchronisiert. Woraus sich schreiend komische Geschichten ergeben, die auf einer satirischen Metaebene viel über Politik, Gesellschaft und Medien verraten. Das neue Programm „Maschek XX“ wird beweisen, dass ihre besondere Art „Mockumentary“ aktueller und treffender denn je ist (Lach- und Schießgesellschaft, 16. April)
Scheid wie Maschek sind seit Langem feste Bestandteile der ORF-Late-Night-Show „Willkommen Österreich“, deshalb ein Ausblick in den Mai: Kommt doch mit Dirk Stermann auch einer der beiden Gastgeber der Sendung wieder nach München. Mit seinem zweiten Soloprogramm „20 Spritzer bis Amstetten“, in dem der vor Jahrzehnten nach Wien ausgewanderte Deutsche im Speisewagen des „IC Österreich“ seine Wahlheimat gewohnt brachialkomisch an sich vorüberziehen lässt. (Lustspielhaus, 5. Mai)
Erfolge wie diese österreichischen Beispiele sind in Deutschland stets verdächtig. So konnte man darauf warten, dass Rezensenten am neuen, inzwischen fünften „Känguru“-Buch von Marc-Uwe Kling herummäkeln. Was die Millionen Fans nicht anficht. Und auch nichts daran ändert, dass das Konzept von ebenso provokativer wie konstruktiver Gesellschaftskritik durch diese von allen Konventionen unbelastete Kunstfigur nicht nur nach wie vor bestens funktioniert, sondern auch immer noch konkurrenzlos lustig ist. Am lustigsten natürlich, wenn Kling die Texte selbst vorträgt. Was der ungern Tourende jetzt auch in München macht (Circus Krone, 21. April, ausverkauft). Zu Klings Lesebühnen- und Band-Kosmos gehört der Leipziger Julius Fischer. Auch er ist in erster Linie Autor, selbst wenn aus seinen Texten auch Musik oder Moderationen entstehen. Oder eben ein Bühnenprogramm zum Buch, so wie jetzt zu seinem neuesten Werk „Ich hasse Menschen“ (Lach- und Schießgesellschaft, 17. April).
Außer Dieter Nuhr polarisiert wohl niemand in der Kabarettszene so sehr wie Lisa Eckhart. Einmal, weil niemand so provokant Tabus ignoriert und thematisiert wie ihre perfide Bühnenfigur. Zum anderen aber wohl auch, weil die Fähigkeit schwindet, zwischen Person und Figur sowie eigentlichem und uneigentlichen Sprechen zu unterscheiden. Was vermutlich sogar für einen Teil ihres Publikums gilt, das auch ihr neues Programm „Ich war mal wer“ wieder begeistert missverstehen wird (Circus Krone, 25. April, ausverkauft).

Noch ist Till Reiners „Everybody’s Darling“. Wahrscheinlich, weil bei keinem anderen die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett so konsequent und kompetent verschwimmen. Was schon der Titel seines neuen Programms „Das ist alles Teil der Show“ unterstreicht (Circus Krone, 19. und 20. April, beide Termine ausverkauft). Und was mit einem auf Musik verlagerten Schwerpunkt auch für die Multitalente Hannes Ringlstetter und Stephan Zinner gilt, die sich nun für „Irgendwas mit Küche“ zusammengetan haben (Circus Krone, 26. April, ausverkauft).
Nach so vielen ausverkauften Stars zwei Premieren, die man noch besuchen kann und dies auch unbedingt sollte. Einmal der umwerfende „Turbohumanist“ Nektarios Vlachopoulos, der uns in „Der beste Tag der Welt“ hinreißend aus der Depression direkt in die Manie führt (Lustspielhaus, 2. April). Und dann der „unordentliche, satirische Liederabend“ unter dem Titel „Naturgesetz und Ordnung“ mit Michael Sachs & Georg Eggers. Und mit Naturwissenschaftskabarett samt Powerpoints, Experimenten und Musik, wie es sich schon in deren Veranstaltungsreihe „Die Physik des Scheiterns“ bewährt hat (Lach- und Schießgesellschaft, 25. April).

