Ob es an der startenden Fußball-WM liegt, ist ungewiss. Jedenfalls herrscht Flaute bei Premieren der Großen aus Kabarett und Comedy. Umso mehr Platz ist für die „kleinen“, besonderen Sachen.
Wie zum Beispiel am 9. Juni für Derrick Live, eine vom Comic-Zeichner Elias Hauck initiierte „Lesung“ einer Folge der legendären alten Krimiserie. So ungewöhnlich hier die Besetzung (unter anderem mit der Verlegerin Barbara Kalender und der Modejournalistin Diana Weis) ist, so überraschend ist sie auf den ersten Blick auch bei einer anderen Lesung. Denn die Blütenlese aus dem Werk des unvergessenen Niederrhein-Poeten und Kabarett-Zeremonienmeisters Hanns Dieter Hüsch kommt vom Wissenschafts-Erklärfürsten Harald Lesch und dem Schauspieler Rainer Bock. Beide freilich bekennende „Hüschianer“, die in einer Skatrunde auf die Idee eines Erinnerungsabends kamen (Lustspielhaus, 14. Juni).
Apropos ungewöhnliche Besetzung. Für einen Benefiz-Kabarett-Abend zugunsten des Vereins „Münchner für Münchner“ im Augustinerkeller wagt sich neben Luise Kinseher, Django Asül und Helmut Schleich auch ein Quereinsteiger auf die Bühne: Der bayerische Justizminister Georg Eisenreich, der sich in seiner Jugend als Kabarettist ausprobierte und zum Beispiel beim „Kabarett Kaktus“ antrat. Bevor er sozusagen die Seite wechselte (15. Juni).
Vielseitig ist auch der Alt-OB, Nebenerwerbskabarettist und Schwabingologe Christian Ude. Noch einmal erinnert er als Gastgeber an „Die 11 Scharfrichter“, jenes vor genau 125 Jahren gegründete erste politische Kabarett in Deutschland, das von 1901 bis 1904 der Zensur trotzte. Mit Ude lassen Judith Kemp, Autorin eines Standardwerks über die Elf Scharfrichter, Anatol Regnier, Julia von Miller, Frank Klötgen sowie Roland Hefter und André Hartmann als musikalische Begleiter das Beste des legendären Kabarettensembles wieder aufleben (Lach- und Schießgesellschaft, 7. Juni).
Eine andere Seite präsentiert auch der fränkische Kabarettist Markus Barth schon länger in der von ihm moderierten LGBTQ-Mixed-Show Queer up! Comedy. Mit Teresa Reichl, Martin Frank und anderen als Gäste hat sie nun in der Lach- und Schießgesellschaft München-Premiere, passend zum aktuell laufenden „Pride Month“. Barth verspricht „richtig gute Gags und ordentlich Glitter“ (10. Juni). Das dürfte auch am 26. Juni in der Lach- und Schießgesellschaft angesagt sein, wenn sich die Internet-Größen VolaneArt und Sebastian 23 als „Maris und das Mondschaf“ zusammentun. Ein Clash besonderer Art: Sie ist bildende Künstlerin und erreicht im Netz Hunderttausende mit urbaner Malerei und provokantem Humor. Er ist Bestsellerautor, Kabarettpreisträger und bekannt für politischen Aktivismus und pointiertes Spiel mit Worten. Was zusammen einen Live-Podcast ergibt, bei dem auch gemalt wird.

Vom Bild zum Klang. Mit Musikkabarett ist der Tisch im Juni reich gedeckt. Zum Beispiel mit den Kernölamazonen. Das Wiener Duo mit Gudrun Nikodem-Eichenhardt und Caroline Athanasiadis – das einschließlich des Klavierbegleiters Matthias Ellinger und der Autorin Michaela Riedl-Schlosser eigentlich ein Quartett ist – feiert zwei Abende lang in der Lach- und Schießgesellschaft seine schon seit über 20 Jahren unternommenen „Liederliebesreisen“ (11. und 12. Juni). Fast ebenso lange ist ihr Landsmann Der Nino aus Wien als vielleicht poetischster Vertreter des rockigen Neuen Wienerlieds unterwegs. Auch er blickt mit „Lieder im Spiegel(bild)“ zurück, auf ungewohnte Weise: Ohne Gitarre, nur vom klassischen Pianisten Milan Begovic begleitet, beleuchtet er das eigene Werk neu. Und bringt auch den einen oder anderen Schubert mit (16. Juni).
Mit Gitarre kommt wieder einmal Fil ins Vereinsheim, die angestammte Münchner Heimatbühne des Berliners, der dort als Comic-Zeichner wie als Bühnenkünstler gleichermaßen und zu Recht Kult-Status genießt. „Endlich wieder jung“ heißt sein neues Programm (22. Juni). In der schon vom Namen her der Musik verpflichteten Drehleier startet das neue monatliche Format der „Notenlos“-Wunschkonzert-Musiker Bastian Pusch und Andreas Speckmann: SingSalong, das Münchner Mitsing-Konzert für alle (26. Juni). Parallel dazu führen im Schlachthof Geigerin und Multiinstrumentalistin Monika Drasch, Bariton Martin Danes und Germanistikprofessor Klaus Wolf als Erzähler durch 500 Jahre Politisch Lied in Bayern, von den Gesängen im Bauernkrieg bis zur Biermösl Blosn (26. Juni).
Ein bisschen massenwirksame Fernseh-Prominenz gibt es dann aber doch noch. Mit dem Karnevalisten, Comedian und langjährigen „Verstehen Sie Spaß?“-Moderator Guido Cantz, der sich mit „Komische Zeiten“ im Schlachthof die Ehre gibt (20. Juni). Und eine Woche später mit Hanns Werner Olm, der in den Siebzigerjahren als Mitbegründer der Gebrüder Blattschuss und in den Zweitausenderjahren mit eigenen Fernsehshows eine große Nummer war. Im Programm „Ein Pullunder voll Frau“ spielt er Luise Koschinsky, seine wohl bekannteste parodistische Figur (27. Juni).
Dass diese Fußball-WM kein Grund sein muss, ums Publikum zu fürchten, beweist ein Ausblick in den Juli: Puppenspieler Michael Hatzius, besser bekannt als Die Echse, spielt als München-Premiere sein neues Programm „Echsklusiv“ vom 2. bis 5. Juli viermal im Lustspielhaus – und alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.


