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Kabarett im Hofspielhaus:Endlich teuflisch

Juliane Braun

Auch als "Mephistola" macht Juliane Braun eine gute Figur.

(Foto: www.verenagremmer.com)

Nach einer Karriere in der Industrie hat Juliane Braun ihrem Leben eine neue Richtung gegeben. In ihrem zweiten Kabarettprogramm "Sinn und Sinnlichkeit 50+" schlüpft sie in diverse Rollen und gibt sich dabei schon mal gemein

Von Oliver Hochkeppel

Die Statistik lügt hier nicht: Die Menschen werden älter. Und mit der Lebenserwartung steigt der Altersdurchschnitt unserer Gesellschaft. Während viele Branchen diese Älteren als Zielgruppe entdeckt haben, kümmert sich das Kabarett so gut wie nie um diese Tendenz, obwohl sie sich doch zumeist in den Zuschauerräumen abbildet. In diese "Marktlücke" ist vor ein paar Jahren Juliane Braun gestoßen, als Spätberufene und Quereinsteigerin. Ihr Lebensweg hin zum "Kabarett 50+" ist schon für sich eine Ermutigung, dass es nie zu spät ist, eingefahrene Wege zu verlassen und etwas Neues zu probieren.

In der Schule spielte Braun leidenschaftlich Theater ("am liebsten ernste Rollen"), um dann von 1982 bis 1989 - mit einem Auslandsjahr im französischen Clermont-Ferrand - Romanistik zu studieren. Wie bei so vielen Geisteswissenschaftlern hatte der Beruf dann eher wenig mit dem an der Universität Erlernten zu tun - Braun landete in der PR, machte dort aber immerhin schnell eine glänzende Karriere. Beim Leuchtmittel-Hersteller Osram wurde sie schon 1996 "Senior Director Public Relations", 2004 kam die Leitung der "Globalen Marketingkommunikation", später die komplette Werbeleitung dazu. Trotzdem kam sie ins Grübeln, ob es das für sie sein soll. Nicht zuletzt, nachdem ihr das Angebot einer "Sterbegeldversicherung 50+" ins Haus geflattert war. Eine Umstrukturierung im Konzern brachte den letzten Anstoß: Mit 49 kündigte Braun nach 16 Jahren in der Firma ihren gut dotierten Managerjob, um sich als Freiberuflerin "auf die Suche nach meiner Lebendigkeit zu machen", wie sie sagt.

Die Arbeit als freie Kommunikationsberaterin und Autorin (später wurde sie Chefredakteurin) des Fachmagazins Lightning Press International wurde zum Standbein für den Sprung in erfüllendere Tätigkeiten: Braun wandte sich intensiv ihrer Yoga-Leidenschaft zu und wurde gar geprüfte Lehrerin, traf zufällig die Chefredakteurin einer Yoga-Zeitschrift, die sie als freie Autorin engagierte. Und belegte zur Auffrischung ihrer Theaterliebe ein Kabarett-Seminar. "Dabei entdeckte ich mein komödiantisches Talent und die Begabung fürs Schreiben witziger Texte", erinnert sie sich. Noch während dieser Seminar-Woche entstand ihre erste Nummer "Glückskeks", die zuerst ihre Yoga-Kolleginnen erheiterte und sich schließlich zu ihrem ersten abendfüllenden Programm "Suche nach dem Glück 50+" auswachsen sollte. Eine Beleuchtungsexpertin, die nun auch für Erleuchtung zuständig ist - das war schon mal kein schlechter Gag.

Drei Jahre immerhin dauerte es, bis das Programm fertig war, denn Braun wollte keine halben Sachen machen. Erarbeitete den musikalischen Teil mit der Pianistin, preisgekrönten Liedbegleiterin und Korrepetitorin Nicole Winter, einer Jugendfreundin, die auch noch einmal mit etwas Anderem durchstarten wollte und nun alle Stücke des Programms komponierte. Und engagierte die österreichische Kabarettistin Barbara Weinzierl als Regisseurin, mit der sie an der Dramaturgie und ihrer Darstellung feilen konnte. 2017 begann Braun mit der anstrengenden Akquise dafür. Kein leichtes Unterfangen, die von jungen Comedians und Poetry Slammern überlaufenen Kleinkunst-Veranstalter davon zu überzeugen, eine 53-jährige Novizin zu buchen, mit einem Programm eher für Gleichaltrige. Doch nach und nach sprach sich der von Lebenserfahrung unterfütterte Witz der Sache herum, die ersten Engagements kamen, die ersten positiven Kritiken stellten sich ein, treue Fans wurden gefunden, und das Münchner Hofspielhaus wurde gewissermaßen zur künstlerischen Heimat.

Dort hat nun an diesem Dienstag, 20. Oktober, Brauns zweites Programm "Sinn und Sinnlichkeit 50+" Premiere (die ebenso wie die Folgetermine am 1. und 17. November ausverkauft ist, Karten gibt es noch für die Vorstellung am 13. November in der Drehleier). Ein Erleuchtungs-Upgrade in vielerlei Hinsicht. Regie führte diesmal der erfahrene Holger Ptacek, bekannt unter anderem vom Theater ... und so fort und dem Pullacher Theater Pur. Nicole Winter hat nicht nur wieder alles komponiert, sondern lässt diesmal auch erstmals ihre schöne Stimme erklingen. Und Braun traut sich, einige stets durch persönliche Erfahrungen inspirierte Rollen mehr zu spielen als im ersten Programm. Eine "Soldatin 50+" zum Beispiel, was sie schon wegen der Uniform reizte. Eine strenge Yoga-Domina, der man im echten Leben lieber nicht in die Hände fallen sollte. Ein begeisterte Kreuzfahrerin, die angesichts Corona, der Klimakatastrophe und anderem ins Grübeln kommt. Und als zentrale, persönlichste Figur "Mephistola": "Das ist die gemeine innere Kritikerin, die wir alle in uns haben", erzählt Braun. "Mit der überwinde ich jetzt eine alte Scham." Sozusagen wirklich Kabarett der alten Schule. Bleibt nur zu rufen: Es werde Licht!

Juliane Braun, Dienstag, 20. Oktober, 20 Uhr, Hofspielhaus, Falkenturmstr. 8; außerdem u.a. am Freitag, 13. November, 20 Uhr, Drehleier, Rosenheimer Str. 123

© SZ vom 20.10.2020

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