JVA Stadelheim:Mit Reptilien hinter Gittern

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Durch die Pflege von Leopardgeckos sollen Häftlinge lernen, Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln.

(Foto: Imago)

Sie sind meist jung, sitzen im Gefängnis und sollen Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein lernen: In der JVA Stadelheim werden Bartagamen und Geckos dabei helfen, Häftlinge zu resozialisieren. Die ersten Reptilien ziehen bereits im März ein.

Von Christian Rost

Nicht wenige Menschen nehmen beim Anblick von Schlangen Reißaus und empfinden auch andere Reptilien zum Fürchten. "Sie sind aber keine Ekeltiere", sagt Patrick Boncourt von der Münchner Auffangstation für Reptilien, "sie verdienen Respekt wie andere Tiere auch." Weil zur Haltung dieser Lebewesen neben dem Fachwissen über Pflege auch Verantwortungsgefühl und Empathie erforderlich sind, eignen sich Reptilien für ein Projekt, das nun in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim gestartet wird. Gefangene sollen im Rahmen ihrer Resozialisierung mit Exoten in Kontakt gebracht werden und sich auch um sie kümmern.

Auf die Idee, den zumeist jungen Gefangenen, die teils noch in Untersuchungshaft einsitzen und in der JVA gerade einen Schulabschluss nachholen, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein über die Haltung von Tieren zu vermitteln, kam Anstaltslehrerin Ursula Franz bei einer Führung in der Reptilienauffangstation. In anderen Gefängnissen, zum Beispiel in Wolfenbüttel, gehört der Umgang mit Reptilien schon länger zum täglichen Beschäftigungsprogramm für die einsitzenden Strafgefangenen. Die Begeisterung in der dortigen Terraristikgruppe ist groß.

Interesse für Reptilien hat nun auch der Leiter der Münchner Reptilienauffangstation, Markus Baur, bei einem ersten Besuch in Stadelheim geweckt. Zwölf Gefangene ließen sich über die Haltung der Exoten informieren und bauten sogar in Eigenregie in ihrem Gefängnisklassenzimmer zwei Terrarien auf. Dort sollen noch im März eine Bartagame sowie einige Leopardgeckos einziehen.

In einer ersten Testphase wird dann beobachtet, wie die Gefangenen mit den Tieren zurechtkommen - und umgekehrt. Wobei diese Exoten recht genügsam sind und weder Auslauf wie Hunde brauchen noch intensive Streicheleinheiten wie Katzen. "Aber man muss auch bei der Haltung von Reptilien Verantwortung übernehmen, sonst gehen sie ein", sagt Patrick Boncourt. Verantwortung bedeutet in diesem Fall: Fütterung und Pflege. Und wenn man es behutsam angeht, lassen sich die an sich scheuen Tiere nach einer Zeit der Gewöhnung auch auf die Hand nehmen und streicheln. Übertreiben mit ihrer Zuwendung sollten es die Häftlinge aber nicht. Ein bis zwei Stunden täglich reichten, so Boncourt, ansonsten sei eher Ruhe für die neuen Anstaltsbewohner förderlich.

Die Verantwortlichen in der Auffangstation mussten nicht lange zu dem Kooperationsprojekt mit der JVA überredet werden, da es doch gerade in ihrem Interesse ist, wenn Menschen an exotische Tiere herangeführt werden, um Ängste zu nehmen und Verständnis und Respekt zu entwickeln. Und da man nun sozusagen schon einen Fuß in der Gefängnistür hat, soll das Projekt bei Interesse noch ausgeweitet werden. Bei regelmäßigen Besuchen im Knast wollen die Reptilienexperten auch kleine Krokodile oder Schlangen mitbringen, um Gefangenen zu zeigen, dass Exoten keine Prestigeobjekte sind. Es soll ja Menschen geben, die Tiere als lebende Schmuckstücke mit sich herumtragen.

Als weiteres Projekt ist ein Schildkrötenteich auf dem JVA-Gelände angedacht, die Gefängnisleitung soll bereits ihr Wohlwollen signalisiert haben. Was die Chefs der JVA aber nicht erlauben: Dass sich Häftlinge Schlangen in Terrarien halten. Man befürchtet, dass an den Behältnissen doch einmal versehentlich ein Spalt breit offen bleibt, sich die Tiere aus dem Staub machen und womöglich im weitläufigen Leitungssystem der Haftanstalt einnisten. Auch sogenannte Gefahrentiere, giftige Schlangen zum Beispiel, dürfen nicht ins Gefängnis. Es soll schließlich ein sicherer Ort bleiben.

© SZ vom 28.02.2015/bica
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