Jungunternehmer Das ist Münchens erste Start-up-Wohngemeinschaft

Die Grenzen von Arbeits- und Privatleben sind hier fließend.

(Foto: Robert Haas)

Studentenwohnheim-Chic trifft Google-Office-Atmosphäre: 17 junge Menschen teilen Arbeits- und Privatleben. Und kriegen erst einmal Besuch von der Lokalbaukommission.

Von Carolina Heberling

Holzzäune, Vorgärten, Vogelgezwitscher. Der Neubau mit dem grauen Schrägdach scheint gut in die Gegend zu passen: schlichte, weiß-beige Fassade, akkurat gemähter Rasen rechts und links des Eingangs. Doch hinter der roten Tür von Hausnummer 58 verbirgt sich eine ganz besondere Wohngemeinschaft: Im sogenannten "Hyprspace" wohnen Menschen, die gründen wollen. Nach Vorbild von WGs aus dem Silicon Valley vereint das Haus in der Hofangerstraße 17 junge Münchner, die selbst ein Start-up gründen oder bei einem arbeiten. Sie alle sind zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig, manche haben schon gegründet, andere sind noch in der Planungsphase.

Eingezogen sind die Bewohner des Hauses im Frühjahr dieses Jahres. "Das ist unser Co-Working-Space", erklärt Psychologie-Studentin Julia Dillard bei einer Führung durch die WG. Die 26-Jährige zeigt auf einen Bereich, in dem zwei abgerockte Sofas stehen. Nur wenige Wochen nach Bezug wirkt alles noch etwas provisorisch. Nebenan, in der Küche, hat jemand einen Biertisch und Bänke aufgestellt, Julias Mitbewohner rollen gerade selbstbelegte Tacos. "Boah, ist der scharf geworden." Marc Gänsler, 34, einer der WG-Gründer, muss nach dem ersten Bissen kurz innehalten.

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Gemeinsam mit Junggründer Raphael Beese hat er die Immobilie für das Wohnprojekt gesucht. Unterstützung für junge Unternehmer gibt es in München reichlich. So etwa durch die Universitäten oder durch Orte wie das Werk 1 am Ostbahnhof und das Impact Hub nahe der Implerstraße. Hinzu kommen zahlreiche Workshops und Events. Doch ein Wohnprojekt wie der "Hyprspace" ist in München bisher einmalig, auch wegen des angespannten Mietmarkts. Ein großes Haus zu finden, gestaltete sich für Marc und Raphael dementsprechend schwierig. Von Sommer 2016 an hatten die Freunde nach einem solchen Ort gesucht, zahlreiche Hauseigentümer angeschrieben und ihnen ihre Idee vorgestellt. Viele antworteten nicht einmal.

Nach langer Suche haben die jungen Unternehmer dann Ende 2016 doch Glück: Knapp 500 Quadratmeter Wohnfläche, 200 Quadratmeter Garten, 17 Zimmer, sechs Bäder. Erstbezug, in München Ramersdorf. "Ramersvalley", scherzt einer der Bewohner.

Vermieterin Marianne Oltersdorf war vom Co-Living-Projekt der Start-up-Unternehmer rasch überzeugt: "Wir haben für das Objekt viele Angebote bekommen, auch von Firmen, aber die jungen Leute waren sympathisch. Uns hat ihre Idee einfach sehr gut gefallen." Um die Bewohner des Hyprspace zu unterstützen, hat die Vermieterin deshalb auf eigene Kosten eine besonders große Küche mit zahlreichen Kühlschränken und Tiefkühlfächern installiert. "Ich hoffe einfach, dass die Gründer Glück haben und in unserem Haus schöne Projekte entstehen", sagt Oltersdorf.

Doch so wohlwollend wie Vermieterin Oltersdorf stehen nicht alle der WG gegenüber. "Aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung" ist nun die Lokalbaukommission auf das Wohnprojekt aufmerksam geworden und hat den Jungunternehmern einen Besuch abgestattet. "Die Überprüfung ergab im Wesentlichen eine nicht genehmigte Wohnnutzung im Kellerbereich", sagt ein Sachbearbeiter des Referats für Stadtplanung und Bauordnung. Deshalb habe man nun ein Anhörungsverfahren eingeleitet, das für die Bewohner im schlimmsten Fall zu einer "Nutzungsuntersagung in diesem Bereich führen kann". Weiterhin prüfe man, ob es sich bei dem Projekt in Ramersdorf um eine echte WG handle und nicht "um eine gewerbliche Zimmervermietung mit stetigem Nutzerwechsel".

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Für die Bewohner des Hauses ist das keine leichte Situation. Wer zusammenzieht, puzzelt sein Leben mit dem anderer zusammen. Wo soll die Lampe hin? Wer bringt eine Pfanne mit? Brauchen wir ein Bügeleisen? Jede Wohngemeinschaft muss erst ihren Rhythmus finden, gerade in einem Haus, in dem man nicht nur zusammen leben, sondern auch zusammen arbeiten möchte.

Besuch von den Behörden ist da nicht der beste Start ins gemeinsame Wohnen. "Da wir ja ein relativ neues Konzept in der Stadt München sind, verstehen natürlich einige Leute nicht, was wir hier machen und was unsere Ziele sind" sagt Flo Oberhofer, 28, "das ist natürlich absolut nachvollziehbar, aber trotzdem sehr schade." Unterkriegen lassen wollen sich die Gründer dennoch nicht. Nach der ersten Eingewöhnungsphase schaffe man sich bereits eigene Rituale. Beim sonntäglichen "Hyprdine" etwa kochen alle Bewohner gemeinsam, auch die Gemeinschaftsräume nehmen langsam Form an: Im Co-Workspace steht inzwischen eine schicke Couch mit bunten Kissen, dazu Schreibtische, an denen jeder arbeiten kann, eine Palme für das Wohngefühl. Studentenwohnheims-Chic trifft Google-Office-Atmosphäre.