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Junge Literatur:Aussichten in ungewissen Zeiten

Im Münchner Literaturhaus ist erstmals der Doppelfeld-Preis für literarische Debüts vergeben worden - er ist ein Zeichen der Ermutigung für junge Autorinnen und Autoren

Von Antje Weber

Die im Dunkeln sieht man nicht. Vier junge Schauspielerinnen und ein Schauspieler warten unbeleuchtet auf der Bühne des Literaturhaussaals, während hinter ihnen auf einer Leinwand die Theatinerkirche erstrahlt. Doch wenig später werden die Studierenden der Theaterakademie selbst ins Licht gerückt - und lassen wiederum andere leuchten: In einer Leseperformance stellen sie engagiert und einfühlsam fünf ausgezeichnete Debütromane vor.

Literaturhaus

Auf der Dachterrasse des Literaturhauses plaudert Laudator Max Czollek (links) vor der Preisverleihung mit Hauptgewinner Cihan Acar, der für seinen Roman "Hawaii" 6000 Euro erhält.

(Foto: Literaturhaus München / Emma Hernadi)

Denn darum geht es ja beim Doppelfeld-Literaturpreis, der an diesem Abend zum ersten Mal verliehen wird: junge Autorinnen und Autoren sichtbar zu machen. Nicht ganz einfach in diesem Jahr, in dem die Verleihung verschoben werden musste und nun mit den derzeit üblichen Einschränkungen nachgeholt wird: allzu wenige Gäste, kein Stehempfang. Dafür ist der live gestreamte Abend besonders aufwendig gestaltet und macht Lust darauf, die Autoren und ihre Bücher näher kennenzulernen. Denn die Initiative von Vera und Volker Doppelfeld - den Stiftern - sowie Kulturmanager Thomas Girst von der BMW Group, zusammen mit dem Literaturhaus einen neuen Preis ins Leben zu rufen, ist ja wirklich "ein wichtiges Zeichen in dieser Zeit"; das sagt Literaturhaus-Chefin Tanja Graf in ihrer Begrüßung. Ein Zeichen ist auch, dass der Preis in diesem Krisenjahr, das viele Kulturschaffende existenziell trifft, gleich einmal großherzig aufgestockt wurde.

Und so gibt es nun neben dem mit 6000 Euro dotierten Hauptpreis an Cihan Acar für sein Debüt "Hawaii" vier mit je 3000 Euro dotierte Förderpreise: für Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land", Marina Frenks "Ewig her und gar nicht wahr", Dana von Suffrins "Otto" und Nadine Schneiders "Drei Kilometer". Sie alle werden an diesem Abend nicht nur mit der Lesung, sondern auch Videos und Gesprächen vorgestellt - in ihrer ganzen schönen Unterschiedlichkeit.

Denn anders als "vielstimmig" (Graf) kann man die Auswahl wirklich nicht bezeichnen. Raphaela Edelbauer erzählt von einem österreichischen Dorf, in dem auch metaphorisch ein Loch klafft - und damit irritierend neu vom Holocaust. Die anderen Werke umkreisen insbesondere das Thema Herkunft: Nadine Schneider beschreibt den Sommer 1989 im rumänischen Banat, Marina Frenk und Dana von Suffrin erzählen von jüdischen Familien zwischen Moldawien und München. Auch Hauptpreisträger Cihan Acar zeichnet einen melancholischen Helden zwischen zwei Welten: Sein Ich-Erzähler Kemal, ein gescheiterter Fußballer mit türkischen Wurzeln, taumelt durch heiße Sommertage in Hawaii. Das liegt nicht in der Südsee, sondern in Heilbronn; es ist ein Stadtviertel "zwischen Betonwand und Autowaschanlage, Wettbüro, Shoppingcenter und Strip-Club", wie Laudator Max Czollek zusammenfasst. Und was dort passiert, wirft Fragen auf, die für unsere Gesellschaft von einiger Brisanz sind.

Die Sommerhitze, so Czollek in seiner nachhörenswerten Rede, ist hier natürlich eine "Metapher für die aufgeheizte Stimmung, die unterhalb der Oberfläche des Romans brodelt und am Ende offen herausbricht". Denn der Roman endet mit Gewalt, mit Straßenschlachten zwischen rassistischen Wutbürgern und türkischstämmigen "Kankas". Damit werfe Acar die Frage auf, wer eigentlich auf der anderen Seite eines solchen von rechts herbeigedachten und -gebombten Bürgerkriegs stehen würde, so Czollek: "Wer wird die Menschen schützen, wenn der Staat es offensichtlich nicht einmal schafft, die rechten Chatprotokolle und Adressabfragen bei seiner Polizei zu unterbinden?" Anders gefragt: "Was bedeuten der NSU, die Angriffe von Halle und Hanau für diejenigen, die von diesen Angriffen bedroht werden?" Und welche Handlungsoptionen bleiben auf der Suche nach einer Gesellschaft, in der man "ohne Angst verschieden sein kann"? Eine Option, so Czollek, sei die Kunst; seien Schriftsteller, die wie Acar "mit einem wachen Auge" davon erzählen, dass es heißer wird in diesem Land: "Wir werden verdammt angewiesen sein auf solche Bücher, je höher die Temperatur steigt."

Wie könnte sich der junge Autor von dieser Laudatio nicht verstanden fühlen? Doch auch dafür dankt Cihan Acar am Ende noch einmal explizit: dass bei diesem Preis alle Shortlist-Autoren ausgezeichnet wurden, dass es keine Verlierer gebe. "Wir stehen alle am Anfang", sagt er, in einer "ähnlichen Ungewissheit". Ein solcher Debütpreis kann Gewissheiten stärken, das hatte Raphaela Edelbauer zuvor deutlich gemacht: Sie hat ihren zweiten Roman bereits fertig und den dritten an diesem Tag begonnen. Es kann weitergehen.

Der Live-Stream ist noch bis Sonntag, 20 Uhr, kostenlos abrufbar über die Webseite stream.reservix.io/1599200 (Zugangscode: preis2020).

© SZ vom 19.09.2020

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