Jung und aufstrebend:Diese Münchner IT-Firmen mischen weltweit mit

Firmen wie Bragi, Tado oder Konux entwickeln kabellose Kopfhörer, lassen die Heizung zu Hause per Handy steuern - oder helfen der Deutschen Bahn, pünktlicher zu werden.

Von Pia Ratzesberger

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Celonis

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Quelle: SZ

Bastian Nominacher steht an der 25. Straße (hier im Bild: in der Mitte), Midtown Manhattan, jetzt also auch noch New York. Er und seine beiden Mitgründer eröffnen hier ein neues Büro, die Schreibtische zur Miete reichten die ersten Wochen, doch nun sind sie um die 30 Leute, suchen immer noch mehr, genau wie daheim, in der Radlkoferstraße an der Theresienwiese. Nominachers Firma verkauft Software, die momentan ziemlich gefragt ist, sogar einer der weltweit größten Hersteller vertreibt sie, SAP. Mit diesem Deal seien sie von einer Sekunde auf die andere weltweit verfügbar gewesen, Indien, Südkorea, Australien, was nicht sonst noch alles, am Telefon lärmt im Hintergrund die Avenue. Vor fünf Jahren erste Konferenzen in der Wohnung, nun hat Nominacher, 31, Konzerne wie Edeka oder Nestlé als Kunden. Seine Software hilft den Unternehmen, all die Daten zu nutzen, die sie ohnehin sammeln. Wenn die Einkaufsabteilung einen Deal abschließt, wenn ein Mitarbeiter eine Spesenabrechnung einreicht, immer fallen Daten an, die sonst brach lagen. Dabei lässt sich aus ihnen ablesen, welcher Schritt zu lange dauert, welcher überflüssig ist, was nicht funktioniert. Ohne einen Unternehmensberater zu engagieren.

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Bragi

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Man kennt das aus den Fernsehshows am Samstagabend, der Moderator kündigt die nächste Attraktion an, den nächsten Gast, doch plötzlich hält er inne. Sein Blick verrät, dass der Assistent im Ohr flüstert, die Hilfe aus dem Off. Solch einen Assistenten will Nikolaj Hviid jedem bieten, er entwickelt kabellose Kopfhörer, die sich über Bluetooth mit dem Handy verbinden. Die nicht nur Musik abspielen, sondern mit ihren 27 Sensoren den gesamten Besitzer ergründen. Seinen Herzschlag, seine Schritte, seinen Kalorienverbrauch; die Maschine im Ohr weiß alles. Auch Apple hat im vergangenen September solche kabellosen Kopfhörer vorgestellt, Samsung hat ein eigenes Modell auf den Markt gebracht. Die sogenannten "Earables" sollen nach den "Wearables", also tragbaren Computern wie intelligenten Armbändern, das nächste Ding sein. Immerhin hat Hviid schon vor zwei Jahren mehr als drei Millionen US-Dollar eingesammelt, und zwar nicht von klassischen Investoren, sondern über die Internetplattform Kickstarter. Also Unterstützern, die schon damals hofften, dass sie sich irgendwann einen Assistenten aus der Sendlinger Straße ins eigene Ohr setzen können.

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Magazino

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Quelle: SZ

Die Tochter einer Apothekerin hatte ihm von dieser Maschine erzählt, die er am liebsten gleich nach Hause getragen hätte. Von einem Roboter, der das richtige Medikament aus Hunderten von Fächern auswählte, der nicht, wie seine Roboter-Kollegen in den Autofabriken, nur Bewegungen wiederholte, sondern verstand. Einen solchen Gehilfen wünschte sich Frederik Brantner damals für seine Wohnung. Er versammelte Bekannte im Büro seines Vaters, zum Fantasieren, zum Tüfteln. Für dein Wohnzimmer aber, sagten die, sei so ein Ding viel zu kompliziert, vergiss es. In Warenlagern aber, das könnte funktionieren. Es funktionierte. Brantner, 32 Jahre alt, baut mit seiner Münchner Firma Magazino, die er vor vier Jahren mitgründete, intelligente Maschinen für die Logistikbranche, auch für Apotheken. Die Roboter fahren sehend durch die Lager, entscheiden jedes Mal aufs Neue, wonach sie als Nächstes greifen. Siemens beteiligt sich an der Firma, das Büro an der Landsberger Straße misst mehr als 550 Quadratmeter. In München verstünden die Investoren eben, was eine Firma wie Magazino wolle, sagt Brantner. Denn hier in München verstehe man etwas von Maschinenbau.

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Reflekt

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Quelle: SZ

Früher waren das noch Szenen in Science-Fiction-Filmen, die Luft flirrte, das plastische Bild eines Autos erschien im Raum, die Leute staunten. Heute können Automobilhersteller ihren Kunden neue Modelle tatsächlich in Datenbrillen einblenden, den Wagen mal in rot, mal in weiß präsentieren, ohne ihn vorzufahren. Augmented Reality nennt sich diese Technik, reale und visualisierte Welt vermischen sich; in der Virtual Reality taucht man dank der Brille komplett in die Umgebung ein. Auf beides hat sich die Münchner Firma Reflekt spezialisiert, der Mitgründer Kerim Ispir, 37, arbeitete früher einmal bei Metaio, dem Unternehmen für Augmented Reality, das Apple aufgekauft hat. Er glaubte schon vor vier Jahren, dass es sich lohnen würde, eine eigene Firma zu gründen, weil es wohl keine Technologie gebe, die die Zukunft so stark beeinflussen werde. Augmented Reality nämlich verändert auch die Produktion, Firmen können ihre Prototypen mit Entwürfen abgleichen, Bedienungsanleitungen direkt in der Fabrik einblenden. Bosch war einer der ersten Kunden, hat sich mittlerweile an Reflekt beteiligt, bald wollen sie in Los Angeles ein Büro eröffnen - die Zentrale aber bleibt in München.

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Tado

Tado

Quelle: Tado

Er trat durch die Türe, schon wieder war es so dampfig, schon wieder dauerte es so lange, bis die Klimaanlage die Hitze von Boston vertrieb. Daheim in München dann das andere Temperaturextrem, immer war die Wohnung zu kalt, wenn Christian Deilmann am Abend die Türe zuzog. Wie schön wäre es doch, dachte er, wenn sich all die Geräte schon einschalten würden, wenn er auf dem Heimweg ist. Wenn im November die Heizung bereits bollern würde, im August die Lüftung surren. Gemeinsam mit zwei Kollegen aus dem Studium entwickelte Deilmann, heute 34 , ein Thermostat, mit dem sich die Heizung vom Handy aus regulieren lässt: Die App registriert, wenn sich der erste Bewohner der Wohnung nähert und heizt hoch; sie versteht, wenn der letzte die Wohnung verlässt und schaltet die Heizung herunter. Bis zu 30 Prozent Kosten könne man so sparen, behauptet die Münchner Firma, auf die Investoren mehr als 50 Millionen Euro gesetzt haben und deren größter Konkurrent im Silicon Valley lauert, in Palo Alto. Nest nennt sich die Firma, die mittlerweile zum Mutterkonzern von Google gehört, Alphabet, und wohl das Projekt Google Home bereichern soll. Tado allerdings gibt es in den USA auch schon.

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Konux

Andreas Kunze, 2016

Quelle: Alessandra Schellnegger

Ihr größter Fan ist wahrscheinlich der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, aber er setzt ja auch auf sie. Denn vielleicht wird er es einmal den paar Jungs aus Sendling zu verdanken haben, dass die Züge im ganzen Land pünktlicher einfahren. Andreas Kunze entwickelt mit seinen zwei Mitgründern in der Flößergasse intelligente Sensoren, die Verkehrsunternehmen wie der Bahn in Echtzeit melden sollen, welche Weichen sie warten müssen, bevor diese brechen. Bevor Dutzende Züge sich verspäten und eine Firma Millionen kosten. Investoren aus den USA haben Kunze ihr Geld überlassen, unter anderem Andreas von Bechtolsheim, ein deutscher Entrepreneur, der in den Neunzigerjahren als einer der ersten in Google investierte und der Kunze irgendwann in einer Butze auf seiner Garage in Palo Alto schlafen ließ. An einigen Weichen der Bahn hat Konux seine Sensoren bereits angebracht, sie messen die Vibrationen, den Druck, später sollen sie im gesamten Netz Defekte melden. Platz ist in den Büros in der Flößergasse noch viel, mehr als 30 Leute sitzen bislang hier, der Andrang aber ist groß: Mehr als 1000 Leute haben sich in den vergangenen Monaten bei Konux beworben.

© sz.de/imei
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