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Julian Nida-Rümelin:Rettet er das Politik-Institut?

Gerhard Schröders früherer Mann für die Kultur kehrt nach München zurück. Im SZ-Interview spricht der Philosophieprofessor über die Chance einer Neu-Organisation der politischen Wissenschaften an der LMU.

(SZ vom 20.12.03) — Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie an der Universität Göttingen und ehemaliger Kulturstaatsminister in Berlin, kehrt an das Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften (GSI) nach München zurück.

Rückkehr nach München: Julian Nida-Rühmelin.

(Foto: Foto: AP)

Am Freitag nahm der 49-Jährige den Ruf an die Ludwig-Maximilians-Universität an. Das GSI gilt wegen der Kürzungsvorgaben der Bayerischen Staatsregierung als existenzgefährdet.

SZ: Herr Nida-Rümelin, warum tun Sie sich das an - den Wechsel an ein bedrohtes Institut?

Nida-Rümelin: Ich hätte mich nicht entschieden, nach München zu kommen, wenn ich erwarten müsste, dass es ein Abbruchunternehmen wird. Ich habe mit dem Rektor und dem Kanzler der LMU sowie am Freitag mit Minister Thomas Goppel gesprochen, der wie ich der Meinung ist, dass die Politikwissenschaft in München Bestand hat und nicht ihre Abwicklung, sondern ihr Umbau notwendig ist.

Das GSI hat nach turbulenten Zeiten jetzt die immense Chance einer inhaltlichen Erneuerung, nachdem zuletzt nur zwei der vorgesehenen acht Professuren besetzt waren. Wir brauchen neue Ziele, Tatkraft, Engagement. Wem die Knie schlottern, den haut leicht etwas um.

SZ: Den Studenten schlottern die Knie. Dürfen die Ihren Wechsel als Signal verstehen, dass das GSI gerettet ist?

Nida-Rümelin: Ich entscheide nicht darüber, aber es ist ein Signal insofern, als ich nicht ohne den Eindruck nach München käme, dass dies langfristig Sinn macht. Allerdings sollte man die schwierige Lage ernsthaft zum Anlass nehmen, sich über eine Neu-Organisation des Studiums insgesamt und speziell der Politikwissenschaft Gedanken zu machen.

Mir schwebt dabei vor, den interdisziplinären Charakter der Politikwissenschaft - mit Recht, Ökonomie, Soziologie, Geschichte und Philosophie - auszubauen und das Studium auf eine breitere Grundlage zu stellen: wie in PPE-Studiengängen in Oxford und an anderen englischen und amerikanischen Universitäten.

PPE steht für "Philosophy, Politics and Economics". Man sollte bei uns auch Jura, Soziologie und Geschichte beteiligen und neben Bachelor- auch Masterstudiengänge einrichten. Um einen Numerus Clausus wird das GSI mit seinen 3000 Studierenden nicht herumkommen. Mit dem breiten Lehrangebot der LMU würde das eines der attraktivsten Studienangebote dieser Art in Europa werden.

SZ: Und dafür ist Geld da?

Nida-Rümelin: Es geht nicht in erster Linie um Geld, sondern um ein neues Profil. Wir müssen überlegen: Für was bilden wir eigentlich aus? München ist als Medienstadt und Verlagsstadt führend in Europa. Können wir da nicht ein neues Angebot machen, das genau auf diese Stärke Münchens zielt und der LMU ein spezifisches Profil gibt? Aus der Not kann so auch eine Tugend werden.

SZ: Allerdings kommen Sie jetzt erst einmal in eine Notsituation hinein. Ist der Wechsel aus Göttingen tatsächlich ein Vorwärtsschritt in Ihrer Karriere?

Nida-Rümelin: Ich hatte in Göttingen einen sehr renommierten Lehrstuhl und gehe nicht ans GSI, um einen zusätzlichen Karriereschritt zu machen, sondern weil es für mich persönlich, für das Institut und für die LMU Sinn macht. Ich habe ja schon einmal fünf Jahre am GSI als Assistent gearbeitet, bin von der Ausbildung her überwiegend Philosoph, war fünf Jahre in der Politik tätig, in München und in Berlin.

Und ich habe das Gefühl, ich kann etwas einbringen bei der Erneuerung des Instituts: philosophisch fundierte, politische Theorie. Das GSI war ja nie führend in der empirischen Forschung, sondern in der Theorie, den normativen Grundfragen der Demokratie. Diese Tradition des Institutsgründers Eric Voegelin, die ich mit anderem theoretischen Hintergrund aufnehmen möchte, muss auch in Zukunft die Stärke des GSI sein: Was für eine Gesellschaft wollen wir? Welche Rolle spielen Gleichheit, Gerechtigkeit, öffentliche Güter? Das sind Themen, die die Leute bewegen.

SZ: Werden Sie sich auch politisch wieder engagieren?

Nida-Rümelin: Nein, das ist für mich persönlich abgeschlossen. Ich bin von Beruf Wissenschaftler, und meine politische Tätigkeit war nie als Berufswechsel gedacht. Meine wissenschaftliche Arbeit war immer völlig neutral gegenüber meinem politischen Engagement.

Übrigens hatten, wenn ich das recht sehe, auch die Konflikte am GSI mit Parteipolitik nichts zu tun. Es ging um Streit zwischen Professoren, um persönliche Ressentiments, aber es ging weder um Politik noch um wissenschaftstheoretische Schulen. Das Institut war ja zum Beispiel immer mehrheitlich konservativ ausgerichtet, hatte aber trotzdem heftige Auseinandersetzungen mit dem Bayerischen Kultusministerium.

SZ: Auch der Fall Oberreuter ist abgeschlossen, oder dürfen wir eine Neuauflage erwarten?

Nida-Rümelin: Da müssen Sie die Institutsleitung fragen. Von außen betrachtet, ist das abgeschlossen.

SZ: Von außen betrachtet: Welchen Ruf genießt das GSI eigentlich in der Szene der Politikwissenschaftler?

Nida-Rümelin: Das GSI war, was die Ausbildung angeht, immer viel besser als sein Ruf, der unter den öffentlichen Konflikten einzelner Professoren gelitten hat. Das Forschungsprofil dagegen war etwas durchwachsen. Aber das ist Vergangenheit: Es ist in einer Phase, in der es sich völlig neu verortet in der Wissenschaftslandschaft.

SZ: Was waren Ihre Bedingungen für den Wechsel nach München?

Nida-Rümelin: Für mich war Voraussetzung, wie in Göttingen zwei Assistentenstellen zu haben, ein Ganztagssekretariat und eine entsprechende Umwidmung des Lehrstuhls. Ursprünglich hieß er ja "Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der politischen Theorie der Gegenwart".

Das finde ich nicht gut, denn der Lehrstuhl von Institutsdirektor Henning Ottmann heißt "politische Theorie und Philosophie" - so wäre der Eindruck entstanden, ich deckte nur einen winzigen Teilbereich seines Fachs ab. Deswegen haben wir verabredet, die Lehrstühle "Politische Theorie und Philosophie I und II" zu nennen. Ottmann macht überwiegend politische Ideengeschichte, ich überwiegend systematische politische Theorie und Philosophie.

Zudem war es wichtig für mich, den Kontakt zur Philosophie nicht zu verlieren, auch für meine Mitarbeiter, denn in Deutschland ist die politische Theorie nicht so etabliert als eigenständiges Fach wie in den USA, wo die Nachwuchsakademiker problemlos aus einem breiten Stellen-Pool wählen können. Hier müssen sie in Politikwissenschaft und Philosophie zugleich qualifiziert sein.

SZ: Wie sollte sich denn die Philosophie, auch wenn sie nicht so bedroht ist wie theologische Fächer in München, heute legitimieren?

Nida-Rümelin: Sie muss sich sogar legitimieren - wenngleich die Entwicklung der Geisteswissenschaften der letzten zwei Jahrzehnte eine eminente Erfolgsgeschichte ist. Bei sechs Prozent liegt die Arbeitslosigkeit fünf Jahre nach Abschluss eines geisteswissenschaftlichen Studiums heute, das ist niedriger als die durchschnittliche Arbeitslosigkeit.

In manchen Fächern dagegen, die völlig unproblematisch erscheinen, wie Maschinenbau, gab es zeitweise 17 Prozent und höhere Arbeitslosigkeit. Es existiert ein Markt für Geisteswissenschaftler, für Philosophen vor allem. Ich hatte Studenten, die sind erfolgreiche Unternehmensberater geworden. Die Philosophie muss nur aus ihrer selbstverliebten Abgeschlossenheit raus und ihre Fragen, etwa der Ethik, in andere Fächer hineintragen, in die Biowissenschaften zum Beispiel. Da kann die Philosophie in München noch viel machen.

SZ: Werden Sie für diese Öffnung stehen?

Nida-Rümelin: Ich mache meine Lehrveranstaltungen häufig auch für Studenten anderer Fächer interessant. Angewandte Ethik etwa ist in Göttingen auch von Studierenden anderer Fächer sehr gut angenommen worden. Doch das wird hier nicht der Schwerpunkt sein. Ich möchte in München eine Brücke schlagen zwischen Politikwissenschaft und Philosophie.