Julia Killet Vordenkerin

"Die Denker brauchen wir", sagt Julia Killet.

(Foto: Sonja Marzoner)

Sie organisiert politische Seminare

Von Thomas Anlauf

Julia Killet, 34, Geschäftsführerin des Kurt-Eisner-Vereins und Linke-Politikerin: An der Wand hängt eine großformatige Zeichnung. Ein Mann in Rodins Denker-Pose sitzt auf einem Fels. "Scheiße, Scheiße, Scheiße", denkt er sich. Unter ihm eine Frau, die Angela Merkel ähnelt. "Super, super, super", steht neben ihr geschrieben. "Die Denker brauchen wir", sagt Julia Killet und dreht sich eine Zigarette. "Sie werden mehr und mehr ausgerottet in unserer Gesellschaft." Die groß gewachsene Frau hat es zu ihrem Beruf gemacht, andere zum Denken, zum Nachdenken zu bringen. Seit fünf Jahren ist die Politikwissenschaftlerin Geschäftsführerin des Kurt-Eisner-Vereins und Regionalbüroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei "Die Linke" nahe steht. Seither hat sie Hunderte Seminare und Workshops organisiert - ob zum Thema Gender, Friedenspolitik, Antifaschismus oder Europapolitik. "Wir bilden Menschen zum kritischen Denken, aber auch zu kritischem Handeln", sagt sie.

Eigentlich wollte die gebürtige Rheinländerin Journalistin werden, einige Jahre arbeitete sie auch als freie Mitarbeiterin im Lokalteil einer Zeitung. Doch der Kosovo-Krieg, Gerhard Schröders Agenda 2010, "mit dem sich die SPD komplett verabschiedet hat von der sozialen Idee", so Killet, trieb sie in die Politik. Sie ging auf den Gründungsparteitag der damaligen WASG in Nordrhein-Westfalen, später unterstützte sie die Linke im Wahlkampf in NRW, die 2010 in den Landtag einziehen konnte. Der Erfolg macht sie heute noch stolz, und sie ist auch bis heute ihrer Partei treu geblieben - sogar in der Diaspora der Linken, in Bayern, wo sie seit fünf Jahren lebt und arbeitet. In München hat sie bereits für den Landtag und den Stadtrat kandidiert. "Trau Dich, wähl a Zuagroaste", lautete ihr Wahlkampfslogan.

Die Zuagroaste hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich gut akklimatisiert in München. "Wir leben hier im schönsten Bundesland", schwärmt Julia Killet. Und immer, wenn sie am Anfang ihrer Münchner Zeit Heimweh hatte, ist sie nicht etwa in den Zug gestiegen in den tiefen Westen der Republik, wo ihr Urgroßvater und ihr Großvater unter Tage gearbeitet hatten. Nein, sie ging lieber in die Berge. Auch einen bayerischen Volkstanzkurs hat sie absolviert, nur ein Dirndl hat sie noch nicht gefunden, das ihr gefällt. "Ich würde ja am liebsten sagen: I bin a Münchnerin", sagt sie lächelnd in leicht rheinischem Akzent.

Diese herzliche Liebe zum traditionellen Bayern hätte man bei der selbstbewussten jungen Frau, die sich eine "rheinische Mentalität" attestiert, nicht vermutet. Im vergangenen Sommer organisierte sie unmittelbar vor dem G-7-Gipfel in Elmau den "Internationalen Gipfel der Alternativen" in München, mit mehr als 100 Workshops und zahlreichen prominenten Rednern, etwa der indischen Globalisierungsexpertin Jayati Ghosh und dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler.

Im Januar nimmt Julia Killet ein Sabbatjahr und zieht in eine kleine Wohnung an den Schliersee, um durchzuschnaufen. "Es waren schon fünf heftige Jahre", sagt sie. Aber 2017 wird sie wieder kraftvoll durchstarten. Das steht fest.