Sheku Kanneh-Mason hätte bei der laufenden Deutschlandtournee des London Philharmonic Orchestra das Erste Cellokonzert von Camille Saint-Saëns spielen sollen. Doch wegen einer Fingerverletzung muss er bis Jahresende pausieren. In Frankfurt sprang am Dienstag noch die Münchner Cellistin Raphaela Gromes ein, in München nun Julia Hagen, aufgewachsen im nahen Salzburg als jüngster Spross einer bekannten Musikerdynastie.
In der Isarphilharmonie zeigt sie, warum ihre Karriere, unter anderem, in den letzten zwei bis drei Jahren endgültig Fahrt aufgenommen hat: Sie hat einen eigenen Ton. Kernig, holzig, dabei süffig warm klingt das 1684 von Francesco Ruggieri gebaute Cello unter ihren Händen. Die 30-Jährige bewältigt die heiklen Doppelgriffe und Flageoletts in Saint- Saëns’ Konzert problemlos, gibt einer intensiven Deklamation aber den Vorrang vor der Demonstration von Technik, agiert zupackend und selbstbewusst. Ein echter Austausch mit dem London Philharmonic kommt dabei noch nicht zustande, entweder aufgrund des kurzfristigen Einspringens oder weil Edward Gardner in seinem bündigen Dirigat nicht allzu viel Verspieltes zulässt.
Ansonsten reist das London Philharmonic mit einem typischen Tourneeprogramm, aber nicht auf allzu ausgetretenen Pfaden. Die als Einstieg gewählte Konzertouvertüre „In the South“ von Edward Elgar ist hierzulande kaum je zu hören, nicht ganz zu Unrecht. Das etwas redundant tosende Tongemälde entstand, als der britische Komponist bei einem Italienurlaub den Schlachten der römischen Antike nachsann.
Nach der Pause erklingt Sergej Rachmaninows Dritte Symphonie von 1935/36, ein faszinierendes, aber auch vertracktes Werk. Edward Gardner, als Chefdirigent des London Philharmonic Nachfolger von Vladimir Jurowski, ist handwerklich ein untadeliger Dirigent, wie er in München schon mehrfach bewiesen hat. Der Aufbau stimmt, wird unaufwändig umrissen wie schon bei Saint-Saëns. Kaum etwas zu merken ist allerdings von der Zerrissenheit der Symphonie zwischen (zu) später Romantik und Moderne, auch nicht von der emotionalen zwischen Sehnsucht und innerer Unruhe, die eine weniger glatte Aufführung hier entdecken kann.

