Jugendherberge Schlafkojen, Privatbäder, kleine Zimmer

Auf der Baustelle in Neuhausen kann man in einem Musterzimmer heute schon sehen, wie die Räume künftig aussehen werden. "Stockbetten wird es bei uns immer geben", sagt zwar Bauleiter Weixler. Aber sie werden, wenn man so will, künftig neu in Szene gesetzt: Sie sind nicht mehr einfach in den Raum hineingestellt; vielmehr sind sie künftig fest an der Wand verankert. Ein Schreiner hat jedes einzelne Bett zu einer Art Schlafkoje ausgestaltet, über breite Trittstufen in der Mitte, die im ersten Moment wirken wie überdimensionale Bücherregale, gelangen die Übernachtungsgäste in die obere Betten-Etage.

Bauleiter Ralf Weixler (links) und Jugendherbergs-Vorstand Winfried Nesensohn stehen im ehemaligen Speisesaal, der gerade abgerissen wird.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch im Bad wird sich einiges ändern. Etagendusche und Etagenklo gehören der Vergangenheit an, sagt Weixler. Künftig hat jedes Zimmer sein eigenes Bad und seine eigene Toilette. Um mehr Pärchen und Familien unterzubringen, wird es in dem gesamten Komplex mehr Zwei- oder Vierbettzimmer geben als bislang. Mehr als sechs Betten pro Zimmer wollen die Verantwortlichen in Neuhausen künftig ohnehin nicht mehr anbieten. Und dennoch: "Wir denken nach wie vor in Einheiten von 30 Personen", sagt Vorstand Nesensohn. Kernzielgruppen seien weiterhin Schulklassen, Musik- und Freizeitgruppen, Sport- und andere Vereine, die gemeinsam etwas erleben wollen. Eine Jugendherberge müsse mehr bieten als nur einen Platz zum Schlafen, "wir haben auch einen Bildungsauftrag", sagt Nesensohn.

Deshalb sehen die Planer immer auch genügend große Gruppen- und Aufenthaltsräume vor. Und in Neuhausen wird künftig in der neuen Herberge auch ein Kulturpädagoge als Ansprechpartner für Lehrer und Gruppenleiter fest angestellt sein, der zum Beispiel Theater- und Museumsbesuche vermitteln oder weitere Bildungs- sowie Kulturangebote in München entwickeln soll. 28 bis 30 Millionen Euro fließen in den Um- und Neubau des Hauses. Die Gäste, die auch im neuen Haus Mitglied im Jugendherbergswerk sein müssen, werden künftig für die Übernachtung etwa 20 bis 25 Prozent mehr bezahlen müssen als bislang - mit dem Umbau des Hauses steigt auch der gebotene Standard. Auch die Zahl der Betten wächst, von bislang 360 auf künftig mehr als 400. Vor allem das neue Bauwerk am Winthirplatz wird mehr Platz bieten, weil es mehr Stockwerke haben wird als die alten Bauten.

Dieser Neubau war allerdings nicht unumstritten. Zweimal musste Architekt Putz mit seinem Team in der Stadtgestaltungskommission antreten. Das Gremium, in dem unter anderem Vertreter des Stadtrats, verschiedener Behörden und freie Architekten vertreten sind, störte sich an dem ursprünglich von Graft vorgelegten Entwurf. Der sah unter anderem ein groß eingeschnittenes Foyer vor, das sich über zwei Stockwerke erstreckte. Vielen in der Stadtgestaltungskommission war das zu "aufgeregt", zudem störten sie sich an der ursprünglich geplanten Metallfassade.

Mittlerweile haben die Berliner ihren Ursprungsentwurf überarbeitet, unter anderem wurde der Foyer-Durchlass kleiner, statt der geplanten Metall- kommt nun eine Putzfassade. Architekt Putz hofft dennoch, dass seine Ursprungsidee im Grundsatz erhalten bleibt: Das Grün des Winthirplatzes soll durch das große, mit viel Glas versehene Foyer hinübergezogen werden in den ebenfalls mit Bäumen und Hecken bepflanzten Innenhof. Und der Zeitplan? Sofern alles klappt, sollen der Neubau am Winthirplatz wie auch das sanierte Haus an der Wendl-Dietrich-Straße im ersten Quartal 2021 eröffnet werden.

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