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Jugendgewalt in München:"Die Polizei wird als Störenfried empfunden"

Jugendgewalt in der Schule und auf der Strasse Gesellschaft

Ein Kräftemessen? Eine Mutprobe? Eine Eskalation? Immer öfter kommt es nicht nur unter Jugendlichen zu Auseinandersetzungen - sondern es kracht auch mit den Einsatzkräften.

(Foto: imago/Rolf Kremming)

Inszenierte Schlägereien haben in München Polizei und Rettungskräfte überrascht. Worum geht es bei der Jugendgewalt? Eine Sozialwissenschaftlerin antwortet.

Interview von Cristina Marina

Schlägereien zwischen alkoholisierten Jugendlichen hat es schon immer gegeben. Schlägereien, die junge Menschen nur vortäuschen, um herbeieilende Helfer anzugreifen, sind hingegen ein neues Phänomen. Worum es häufig geht, wenn Jugendliche gewalttätig werden, erklärt Gabriele Rohmann, Leiterin des Archivs der Jugendkulturen in Berlin.

Frau Rohmann, vor zwei Wochen eskalierte eine Party im Englischen Garten in München, die eintreffenden Polizisten wurden beleidigt und mit Flaschen beworfen. Am Samstag wurde offenbar eine Schlägerei vorgetäuscht, um Einsatzkräfte anzulocken, die dann wiederum angegriffen wurden. Wird es unter Jugendlichen Trend, sich mit Rettungskräften oder Polizisten anzulegen?

Damit wäre ich vorsichtig, es kann sich auch um punktuelle Ereignisse handeln. Vergleichbares kennen wir in der Form noch nicht. So etwas gab es bisher eher in anderen Kontexten, eskalierende Facebook-Partys unter Alkohol-Einfluss zum Beispiel. Da waren die Ausschreitungen mit der Polizei aber nicht vorher geplant. Ähnliches kennen wir auch aus dem Fußball-Kontext oder von Demonstrationen. Da sind die Anlässe allerdings andere.

Inwiefern?

Die Fußball-Krawalle haben sozusagen eine längere Tradition: Es gibt die berühmte "dritte Halbzeit", Hooligan-Krawalle, die Ultra-Ausschreitungen, gewalttätige Fans, die sich zu Schlägereien verabreden. Ihre Motivation liegt entweder in der Rivalität der Gruppen oder einfach nur im Spaß an der Gewalt, dem Erleben von Action. Die Polizei wird dabei als Störenfried empfunden, deswegen wollen beide Parteien sie austricksen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich bei Demonstrationen teilweise wiederholt. Anders war es bei den Halbstarken-Krawallen der 1950er Jahre.

Die hatten ja enorme Dimensionen. Im Dezember 1956 zum Beispiel zogen an die 4000 Jugendliche durch die Dortmunder Innenstadt, pöbelten Passanten an, es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Wie unterschieden sich ihre Motive von denen der heutigen Randalierer?

Damals ging es um eine Art Kompensation. Da war quasi ein Dampfkessel aufgegangen. Die Jugendlichen wollten sich Freiraum verschaffen in der regressiven Gesellschaft, in der sie damals lebten. Im Ruhrgebiet ist es zum Beispiel oft nach Filmen oder Konzerten von Bill Haley passiert, es ging um Rock 'n' Roll.

Erleben manche Jugendliche die Übergriffe gegen Einsatzkräfte heute vielleicht auch als eine Art Rebellion?

Es gibt in jedem Fall Gewaltdynamiken, die nichts mehr mit dem Anlass zu tun haben. Sie sind zum Beispiel als Randphänomen bei Demonstrationen zu beobachten, wo Jugendliche unabhängig von ihrer politischen Haltung oder vom Agieren der Polizei Krawalle veranstalten. Teilweise konnte man das beim G20-Gipfel in Hamburg oder bei den Erster-Mai-Demos in Berlin beobachten. Da gibt es Überschneidungen mit dem Antrieb mancher Fußballfans.

Wie entsteht eine solche Gewaltdynamik?

Aus Untersuchungen von Fußball-Krawallen wissen wir, dass eine Entgrenzung von Gewalt stattfinden kann. Das ist dann wie ein Sog, dem sich einige Menschen nicht entziehen können. Diejenigen, die diese Entgrenzung, diesen Rausch schon einmal erlebt haben, berichten, dass plötzlich alle Schranken fallen, das Feld völlig offen für Gewalt ist. Anfangs wird von den Gruppen, die sich zur Gewalt verabreden, oft noch vereinbart, dass es fair und kontrolliert zugehen soll, doch am Ende gibt es dann trotzdem kaputte Scheiben und verletzte Menschen. Wenn die Gewalt eine Eigendynamik entwickelt, helfen im Vorfeld getroffenen Vereinbarungen nicht mehr.

Was hilft, um aus dieser Gewaltspirale auszusteigen?

Wenn sie sich einmal dreht, wird es schwierig, für Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Wenn man Teil einer solchen Gruppe ist und merkt, dass einem selbst etwas zu weit geht, sollte man sich entfernen, aus der Dynamik aussteigen. Egal, was die anderen aus der Gruppe machen. Denn die Gruppe kann einen sozialen Druck ausüben: Wenn ich cool sein und dazu gehören will, bin ich dafür anfälliger, mitzumachen.

Was können harte Strafen ausrichten?

Natürlich muss man Jugendliche zur Verantwortung ziehen. Allerdings ist auch bekannt, dass die abschreckende Wirkung von harten Strafen auch bei Jugendlichen in der Regel ausbleibt. Es wird also dadurch am Ende nicht viel erreicht.

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