Als der Sozialpädagoge Jürgen Franke zusammen mit seinem Kommilitonen Frank Bergmeyer 1990 das Substanz eröffnete, ahnte er wahrscheinlich noch nicht, dass er in diesem von ihm geschaffenen Wohnzimmer der Münchner Subkultur die nächsten Jahrzehnte regelrecht leben würde. Mit 65 Jahren ist Franke diese Woche verstorben.
Ganz selten hatte man ihn seit der Eröffnung außerhalb des Substanz angetroffen. Nur ab und zu gönnte er sich einen Konzertbesuch andernorts. Allerdings fanden zahlreiche Konzerte ohnehin auch im Substanz statt. So spielten hier unter anderem Jeff Buckley, Thin White Rope oder Monster Magnet. Hier debütierten Größen wie Martina Schwarzmann oder die Sportfreunde Stiller. Mitunter gaben Bands wie Giant Sand hier sogar unangekündigte Zusatzkonzerte, nachdem sie Tage zuvor zum Beispiel die Muffathalle gefüllt hatten. Oder sie überraschten, wie Fettes Brot, die Besucher mit einem unangekündigten Auftritt. Franke war für solche spontanen Gigs leicht zu gewinnen. Zu ganz besonderen Anlässen stand er mit den Substanz All Stars, kurz: SAU, sogar selbst auf der Bühne und spielte den Bass.
Aber auch anderen Künsten gegenüber war Franke stets aufgeschlossen. Als zum Beispiel die Radiolegende Karl Bruckmaier für den Bayerischen Rundfunk die New Yorker Poetry Slam-Szene entdeckt hatte und dergleichen dann auch in Deutschland ausprobieren wollte, war Franke sofort neugierig und überließ Bruckmaier die Bühne. Später übernahmen dann Rayl Patzak und Ko Bylanzki dort den Slam, den sie mit anderen Slams in Deutschland und überhaupt in der ganzen Welt vernetzten. Jaromir Konecny, der hier seine ersten Erfolge feierte, konnte Franke dann auch von einem tschechischen Abend überzeugen, auf welchem er Geschichten vorlas, es traditionelle tschechische Speisen gab und tschechische Musik lief.
Der English Comedy Club durfte im Substanz regelmäßig englisch-sprachige Stand-up-Comedians präsentieren, und selbst die eine oder andere Podiumsdiskussion fand hier ein interessiertes Publikum. Aber auch für so merkwürdige Veranstaltungen wie den Jesus-Look-A-Like-Contest oder einen Luftgitarren-Wettbewerb konnte der Wirt Franke sich begeistern. Wer einen so großen Club wie das Substanz führt, war wohl auch auf immer neue Ideen angewiesen. Insbesondere im Sommer blieben nämlich auch mal die Gäste des Wetters wegen aus, wenn im Substanz nicht gerade eine Fußballweltmeisterschaft auf Großleinwand zu sehen war. Dann aber auch wieder mit allerlei Rahmenprogramm.
Die After Wiesn-Partys während des Oktoberfests waren eine Notwendigkeit, um mit der wohl kommerziellsten Veranstaltung im Substanz das vorausgegangene Sommerloch in der Kasse wieder zu füllen. Tagsüber vermietete Franke sein Wirtshaus zudem an Produktionsfirmen, die hier Filme drehten. Weil er ohnehin zugegen war, kann man den jungen Jürgen Franke auch als Wirt im deutschen Spielfilm „Bandits“ sehen. „Wenn man tot ist, fressen einen die Würmer“, sagt in der entsprechenden Szene Jutta Hoffmann als Marie zu Jasmin Tabatabai als Luna und ergänzt: „Ich will aber nicht gefressen werden. Ich will brennen.“ Jürgen Franke, der direkt und indirekt nicht nur die Münchner Kultur bereicherte, hat sein Leben lang gebrannt!

