Jüdisches Leben in München:Mittelpunkt der Gemeinde

Daneben bemüht sich die Kultusgemeinde um den Alltag der Mitglieder. Sie trägt Einrichtungen vom Kindergarten und einer Grundschule bis zum Seniorenheim und zwei Friedhöfen. Ein weiteres Seniorenheim soll in Kürze entstehen, und es besteht der Wunsch nach einem jüdischen Gymnasium. Die Gemeinde unterhält eine koschere Metzgerei und zwei Ritualbäder, sie organisiert Religionsunterricht und trägt zwei Stadtteilsynagogen, eine in der Georgenstraße, eine in der Possartstraße.

"Wir sind eine Religionsgemeinschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger", sagt Aaron Buck von der IKG. So stellen sich der Gemeinde dieselben Probleme wie christlichen Pfarreien: Sie will nicht schrumpfen und den Stellenwert der Religion unter den Mitgliedern stärken. Und auch hier sind die Plätze für die Kinderbetreuung knapp.

Die Münchner Kultusgemeinde ist mit rund 9500 Mitgliedern die nach Berlin größte jüdische Gemeinde in Deutschland. In den vergangenen Jahren wuchs sie rasch, dank vieler neuer Mitglieder aus Osteuropa. Mittlerweile sind diese Zuwanderungswellen weitgehend vorüber, die Gemeinde ist in München angekommen. Viele Mitglieder leben hier bereits in dritter Generation, sie sind ganz normale Münchner. Doch was klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist eine Normalität, um die die Gemeinde kämpfen muss. Jeder Besucher des jüdischen Gemeindezentrums tritt durch eine Sicherheitsschleuse, die Synagoge steht unter Polizeischutz. "Wir würden gerne sofort die Türen öffnen", sagt Aaron Buck.

"Es ist tragisch, wenn ich sehe, wie Menschen an den Toren der Synagoge rütteln und hineinwollen, aber sie können nicht. Weil sie leider nicht frei zugänglich sein kann wie die meisten christlichen Kirchen." Nicht alles sei so möglich, wie es sich die Gemeinde wünsche. "Es wäre schön, wenn es irgendwann keine Rolle mehr spielen würde, welcher Konfession man angehört, und wir uns als das begegnen und beurteilen, was wir sind: als Menschen", sagt Buck. Das Gemeindezentrum am Sankt-Jakobs-Platz soll ein Schritt dorthin sein: als Mittelpunkt der Gemeinde und als Ort der Begegnung.

Ein ähnliches Schaufenster wünscht sich die liberale jüdische Gemeinde "Beth Shalom". Sie existiert seit 1995 und ist viel kleiner als die IKG, sie zählt knapp 350 Mitglieder. Manche von ihnen sind gleichzeitig Mitglieder der Kultusgemeinde. Die IKG sieht sich als Einheitsgemeinde für alle jüdischen Münchner - doch die Liberalen fremdeln mit dem orthodoxen Ritus in der Synagoge am Sankt-Jakobs-Platz. "Liberal" bedeutet etwa, dass Frauen aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Nicht-jüdische Lebenspartner sind als Fördermitglieder willkommen. Geleitet wird die Gemeinde von Ehrenamtlichen, sie erfüllt alle Aufgaben von der Beschneidung bis zur Bestattung in einem eigenen Bereich des Waldfriedhofs. Auch ein Kulturprogramm gibt es, vier bis fünf offene Veranstaltungen im Jahr, Lerntage und Abende mit Musik und Literatur. Die Mitglieder beten in einem unauffälligen Gebäude, aus Sicherheitsgründen ist die Adresse geheim.

Doch auch die liberale Gemeinde möchte das Hinterhof-Dasein hinter sich lassen. Der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind hat eine moderne Synagoge für sie entworfen, sie soll einmal im Lehel stehen. Derzeit sammelt die Gemeinde Spenden. Sie hätten die Schwierigkeiten unterschätzt, einen ersten Großspender zu finden, sagt Jan Mühlstein, der Vorsitzende von "Beth Shalom". Aber er sei optimistisch. Mühlstein ist überzeugt: Die Wunden der Vergangenheit können erst dann verheilen, wenn es neben einer großen orthodoxen auch wieder eine große liberale Synagoge in München gibt.

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