Jüdisches Leben in München:Raus aus dem Hinterhof

Proben zum Musical "Anatevka" in der Jüdischen Gemeinde in München, 2011

Fast 100 Laienschauspieler, fast alle Mitglieder der Kultusgemeinde oder der jüdischen Gemeinschaft, probten im Dezember 2011 das Musical "Anatevka".

(Foto: Stephan Rumpf)

Konzerte, Ausstellungen, Filmfest: Seitdem es das Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz gibt, blüht das Leben der Israelitischen Kultusgemeinde in München wieder auf. Die liberalen Juden von "Beth Shalom" hoffen auf eine ähnliche Renaissance mit einer eigenen Synagoge im Lehel.

Von Jakob Wetzel

Sie soll strahlen, so wie früher. Gelber Marmor rahmte den Thora-Schrein in der Synagoge in der Reichenbachstraße 27, die Wände leuchteten türkis, die Decke und die Frauenempore in sanftem Beige. Kräftige Farben bestimmten den Vorraum, die Wochentagssynagoge. Bis 2015 soll die Synagoge restauriert werden, Bund, Stadt und Freistaat schießen Geld zu, ein eigens gegründeter Verein will den alten Glanz aufleben lassen - im Inneren. Nach außen war sie stets unauffällig, gelegen in einem Innenhof, und selbst von dort kaum als Sakralbau zu erkennen.

Die Synagoge in der Reichenbachstraße ist die älteste erhaltene Synagoge Münchens. Bis 2006 feierte die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) hier ihre Gottesdienste. Die Synagoge ist ein architektonisches Juwel - und sie ist Zeugnis für ein Judentum, das in München der Vergangenheit angehört: für ein zurückgezogenes, verstecktes Gemeindeleben, ein Leben im Hinterhof. Dieses Dasein endete in München 2006: mit der Einweihung des jüdischen Gemeindezentrums am Sankt-Jakobs-Platz.

Wer in Deutschland an Juden denke, der sehe vor sich würdige, fromme Greise mit Bart und verwitterte Grabsteine. Die jüdische Religionswissenschaftlerin Pnina Navè Levinson hat diesen Satz geprägt, er beschreibt ein Missverständnis, wie es entsteht, wenn es kein Miteinander zwischen Juden und Nicht-Juden gibt, keinen Dialog, wenig Kontakt. Und Ellen Presser zitiert diesen Satz, wenn sie beschreiben will, was sich in München geändert hat. Presser leitet das Kulturzentrum der IKG. Sie ist mit verantwortlich dafür, dass das jüdische Gemeindezentrum ein solcher Ort des Dialogs geworden ist.

Das jüdische Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz solle ein Schaufenster des Judentums sein, sagt Ellen Presser. Sie will lebendig und authentisch informieren, auch unbefangen, das Judentum sei schließlich keine missionierende Religion. Doch es geht auch darum, Klischees zu begegnen und Berührungsängste abzubauen, mit Vorträgen, Literaturabenden, jiddischem Kabarett oder mit großen Ereignissen wie den Jüdischen Filmtagen, die vergangene Woche begonnen haben und heuer bereits zum vierten Mal stattfinden. Bis zu diesem Mittwoch werden Filme gezeigt. Am 17. Februar ist der Höhepunkt des Festivals: Das Orchester Jakobsplatz begleitet den Stummfilm-Klassiker "Der Student von Prag", er gilt als weltweit erster Kunstfilm.

Dass Veranstaltungen wie die Filmtage möglich sind, verdankt Ellen Presser der neuen Infrastruktur am Sankt-Jakobs-Platz. Das Kulturzentrum der IKG existiert bereits seit 30 Jahren, doch erst nach dem Umzug gab es die notwendigen Räume, um ein großes Publikum zu erreichen. Im jüdischen Gemeindezentrum befinden sich zwei Veranstaltungssäle, der größere von beiden, der Hubert-Burda-Saal, ist mit bis zu 504 Sitzplätzen der größte Saal in der Münchner Innenstadt zwischen Residenz und Gasteig. Die Räume sind zu mieten. So fand hier unter anderem 2010 der große Festempfang für die Ehrengäste zur Eröffnung des Ökumenischen Kirchentags in München statt.

Mit dem neuen Zentrum seien die Gemeinde und ihr Kulturprogramm schlagartig neu wahrgenommen worden, sagt Ellen Presser: "Es war, als hätten wir uns eine Tarnkappe vom Kopf gezogen." Die Synagogenführungen sind beliebt, an fünf Tagen pro Woche finden mindestens drei Führungen statt. 250 000 Besucher nahmen bislang teil, heißt es bei der Kultusgemeinde, das Interesse sei ungebrochen. Veranstaltungen im großen Saal des Gemeindezentrums sind zuweilen so gut besucht, dass die Gemeinde eine Live-Übertragung in einen Nebenraum einrichtet.

Das Kulturzentrum unterhält außerdem ein Archiv, eine Bibliothek und eine jüdische Volkshochschule. Und es gibt das koschere Gemeinderestaurant "Einstein", es steht jedem offen. Die Speisekarte ist international, sie reicht von Wiener Schnitzel über Humus bis zu mediterraner Küche. Es gibt Gerichte aus allen Teilen der Welt, aus denen Juden nach Israel eingewandert sind. Beliebt ist der Apfelstrudel ohne Milchprodukte.

Mittelpunkt der Gemeinde

Daneben bemüht sich die Kultusgemeinde um den Alltag der Mitglieder. Sie trägt Einrichtungen vom Kindergarten und einer Grundschule bis zum Seniorenheim und zwei Friedhöfen. Ein weiteres Seniorenheim soll in Kürze entstehen, und es besteht der Wunsch nach einem jüdischen Gymnasium. Die Gemeinde unterhält eine koschere Metzgerei und zwei Ritualbäder, sie organisiert Religionsunterricht und trägt zwei Stadtteilsynagogen, eine in der Georgenstraße, eine in der Possartstraße.

"Wir sind eine Religionsgemeinschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger", sagt Aaron Buck von der IKG. So stellen sich der Gemeinde dieselben Probleme wie christlichen Pfarreien: Sie will nicht schrumpfen und den Stellenwert der Religion unter den Mitgliedern stärken. Und auch hier sind die Plätze für die Kinderbetreuung knapp.

Die Münchner Kultusgemeinde ist mit rund 9500 Mitgliedern die nach Berlin größte jüdische Gemeinde in Deutschland. In den vergangenen Jahren wuchs sie rasch, dank vieler neuer Mitglieder aus Osteuropa. Mittlerweile sind diese Zuwanderungswellen weitgehend vorüber, die Gemeinde ist in München angekommen. Viele Mitglieder leben hier bereits in dritter Generation, sie sind ganz normale Münchner. Doch was klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist eine Normalität, um die die Gemeinde kämpfen muss. Jeder Besucher des jüdischen Gemeindezentrums tritt durch eine Sicherheitsschleuse, die Synagoge steht unter Polizeischutz. "Wir würden gerne sofort die Türen öffnen", sagt Aaron Buck.

"Es ist tragisch, wenn ich sehe, wie Menschen an den Toren der Synagoge rütteln und hineinwollen, aber sie können nicht. Weil sie leider nicht frei zugänglich sein kann wie die meisten christlichen Kirchen." Nicht alles sei so möglich, wie es sich die Gemeinde wünsche. "Es wäre schön, wenn es irgendwann keine Rolle mehr spielen würde, welcher Konfession man angehört, und wir uns als das begegnen und beurteilen, was wir sind: als Menschen", sagt Buck. Das Gemeindezentrum am Sankt-Jakobs-Platz soll ein Schritt dorthin sein: als Mittelpunkt der Gemeinde und als Ort der Begegnung.

Ein ähnliches Schaufenster wünscht sich die liberale jüdische Gemeinde "Beth Shalom". Sie existiert seit 1995 und ist viel kleiner als die IKG, sie zählt knapp 350 Mitglieder. Manche von ihnen sind gleichzeitig Mitglieder der Kultusgemeinde. Die IKG sieht sich als Einheitsgemeinde für alle jüdischen Münchner - doch die Liberalen fremdeln mit dem orthodoxen Ritus in der Synagoge am Sankt-Jakobs-Platz. "Liberal" bedeutet etwa, dass Frauen aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Nicht-jüdische Lebenspartner sind als Fördermitglieder willkommen. Geleitet wird die Gemeinde von Ehrenamtlichen, sie erfüllt alle Aufgaben von der Beschneidung bis zur Bestattung in einem eigenen Bereich des Waldfriedhofs. Auch ein Kulturprogramm gibt es, vier bis fünf offene Veranstaltungen im Jahr, Lerntage und Abende mit Musik und Literatur. Die Mitglieder beten in einem unauffälligen Gebäude, aus Sicherheitsgründen ist die Adresse geheim.

Doch auch die liberale Gemeinde möchte das Hinterhof-Dasein hinter sich lassen. Der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind hat eine moderne Synagoge für sie entworfen, sie soll einmal im Lehel stehen. Derzeit sammelt die Gemeinde Spenden. Sie hätten die Schwierigkeiten unterschätzt, einen ersten Großspender zu finden, sagt Jan Mühlstein, der Vorsitzende von "Beth Shalom". Aber er sei optimistisch. Mühlstein ist überzeugt: Die Wunden der Vergangenheit können erst dann verheilen, wenn es neben einer großen orthodoxen auch wieder eine große liberale Synagoge in München gibt.

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