Es kommt nicht alle Abende vor, dass der Ausnahme-Pianist Igor Levit auf der gleichen Bühne auftritt wie Vicky Leandros, die deutsch-griechische Sängerin und Chansonnière. Zuerst also die warmwortige Hymne „Ich liebe das Leben“ von der Schlagerdiva im Glitzerkleid. Und anschließend Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn-Bartholdy und das Adagietto aus der 5. Sinfonie von Gustav Mahler auf dem Flügel. Und irgendwie passte das doch sehr gut zusammen. So erlebte der Berliner Pianist Igor Levit mit diesem Auftritt bei der Eröffnung der 39. Jüdischen Kulturtage am Mittwoch bei der Israelitischen Kultusgemeinde am St. Jakobsplatz ein Münchner Kontrastprogramm.
Hier im Hubert-Burda-Saal, in warmen Tönen fast höhlenmäßig illuminiert, eine Community, die mittels des anspruchsvollen Programms, das schon lange zum festen Bestandteil des Münchner Kulturherbstes geworden ist, die jüdische Identität pflegt. Begleitet von einer wirklich großen Gesellschaft, gut 600 Gäste, allervorderst Franz Herzog von Bayern, dazu der Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs Hans-Joachim Heßler, Justizminister Georg Eisenreich, viele Landtagsabgeordnete und Stadträte, Kulturreferent Marek Wiechers, Kammerspielintendantin Barbara Mundel, Künstlerinnen wie Anne-Sophie Mutter oder Sunnyi Melles, Schauspieler Axel Milberg, Medizingrößen wie Herzchirurg Bruno Reichardt, Hoteliers, Unternehmer, General- und Honorarkonsuln. Sehen und gesehen werden – es ist ein Statement für Unterstützung, man kann es sich wohl gesellschaftlich fast nicht mehr leisten, nicht alljährlich bei diesem Festakt aufzuscheinen.


Und andererseits hatte Igor Levit einen Abend zuvor, in der Isarphilharmonie, einen Kulturauftritt, von dem erst mal nicht so klar war, wie er ausgehen würde – und wie warm der Empfang dort sein würde. Da stand er gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Leitung des Dirigenten Lahav Shani auf der Bühne.
Die Befürchtungen zuvor waren groß gewesen – die Münchner Polizei hatte mehr Kräfte als üblich eingesetzt. Denn einige Konzerte dieses Orchesters waren von massiven Störungen begleitet gewesen, in Paris hatte es einen gefährlichen Zwischenfall mit Bengalos gegeben, die in den Rängen von propalästinensischen Demonstranten abgebrannt wurden. Shani selbst war Wochen zuvor gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern vom Musikfestival im belgischen Gent ausgeladen worden. In München wurde es dann aber ein glanzvolles Konzert, ohne Störungen, mit nur wenigen Demonstranten vor den Türen.
Igor Levit äußert sich immer wieder politisch; bei der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage befragt von Moderator Gil Bachrach, wie er mit Anfeindungen zurechtkomme, sagte er: „Anfeindungen gab es schon früher. Da drohten Neonazi-Arschgeigen, mich von der Bühne zu schießen. In den vergangenen zwei Jahren aber war es anders. 90 Prozent der Menschen, die ich aus meinem Telefonbuch gestrichen habe, haben mich nicht beleidigt, sondern sind einfach verschwunden.“ Das „Wegdriften durch Verschwinden“ sei viel schlimmer als direktes verbales Angreifen.
Judith Epstein, die Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition, sagte, man wolle an diesem Abend „die Schönheit, Vielfalt und den Reichtum unserer jüdischen Kultur“ feiern. Auch sie mache „das Schweigen und die steigende Gleichgültigkeit vieler Menschen“ gegenüber dem wachsenden Antisemitismus traurig. Hausherrin Charlotte Knobloch beklagte in ihrem Grußwort: „Es hat in diesen Tagen regelrechte Angriffe aus der Kulturszene gegen Juden gegeben.“ Für Justizminister Georg Eisenreich inakzeptabel: „Die Kultur sollte ein Bollwerk gegen Antisemitismus und Hass sein.“
Oberbürgermeister Dieter Reiter, Schirmherr der Kulturtage, war nicht persönlich gekommen, grüßte per Videozuschaltung in diesem Sinne: „Dagegen muss man entschieden vorgehen und alles dafür tun, dass jüdisches Leben noch präsenter im öffentlichen Leben wahrgenommen und geschätzt wird.“
Die Jüdischen Kulturtage dauern bis zum 4. Dezember. Informationen unter www.juedischekulturmuenchen.de

