Ängste von Münchner Juden„Ich will nicht, dass sie mir eine aufs Maul hauen!“

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Über jüdisches Leben und Antisemismus spricht die ehemalige Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Eva Ehrlich, in deren Synagoge.
Über jüdisches Leben und Antisemismus spricht die ehemalige Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Eva Ehrlich, in deren Synagoge.
Johannes Simon

Die liberale Gemeinde Beth Shalom klärt Polizisten über jüdisches Leben und alltäglichen Antisemitismus auf. Was die frühere Vorsitzende Eva Ehrlich den Beamten berichtet und was ihr ein besonderes Anliegen ist.

Von Andrea Schlaier

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Zwei Frauen steigen kurz hintereinander in einem Bürokomplex das nüchterne Treppenhaus nach oben. Im ersten Stock macht die erste halt vor einer schlichten Tür. Sie blickt sich zur anderen um, die ihr folgt: „Vom LKA?“ Die Angesprochene schüttelt den Kopf: „Nein, vom Innenministerium.“ Die beiden lachen. Sie sind heute nicht im Dienst, aber, wie sich hinter der Tür gleich zeigen wird, an diesem Tag umgeben von Menschen, die beim Freistaat für Recht und Ordnung sorgen. Alle sind sie in den Hinterhof dieser modernen Anlage gekommen, weil sie wissen wollen: Wie lebt es sich als Jude in München, welche Traditionen gibt es, welchen Alltag?

Seit 2022 organisiert die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München in ihren Räumen regelmäßig Führungen für bayerische Polizeibedienstete aller Gattungen: Das geht von der Streifenbeamtin über den Zivilfahnder bis zu Mitarbeitern des Landeskriminalamts oder des Innenministeriums. „Das Interesse ist sehr groß“, sagt Eva Ehrlich, bis vor Kurzem Vorsitzende von Beth Shalom. An diesem Tag findet die 28. Veranstaltung dieser Art statt. Oft sitzen hier Einsatzkräfte, die mit antisemitischen Vorfällen zu tun hatten oder Dienst schoben bei einer Demonstration. „Was wir machen, ist Aufklärungsarbeit“, sagt Ehrlich. „Antisemitismus ist dort am stärksten, wo man überhaupt keine Juden kennt.“ Mit diesem Satz empfängt sie an diesem Dienstag auch die knapp 30 Gäste.

Zum 28. Mal sind Angehörige der bayerischen Polizei und des Innenministeriums Gäste der Gemeinde. Die Nachfrage der Ordnungsbehörden ist groß.
Zum 28. Mal sind Angehörige der bayerischen Polizei und des Innenministeriums Gäste der Gemeinde. Die Nachfrage der Ordnungsbehörden ist groß.
Johannes Simon

Sie sitzen auf ockergelben Stühlen in der Synagoge von Beth Shalom, einem schlichten Raum, der mit durchscheinenden, weißen Vorhängen vom Rest des Saales abgetrennt ist. Vorn steht auf einem erhöhten Podium Eva Ehrlich am mächtigen Pult, wo im liberalen Judentum auch Frauen aus der Tora vorlesen dürfen. In ihrem Rücken der hölzerne Tora-Schrank mit erhabenem Davidstern an der Front, an der Seite hängt ein kurioser Fund: Der ehemalige Beth-Shalom-Rabbiner Walter Rothschild hat das wertvoll bestickte grüne Samttuch zufällig auf einem Berliner Flohmarkt entdeckt. Es ist der Tora-Vorhang aus der New Yorker Gemeinde Beth Hillel, die Leo Baerwald nach seiner Emigration dort gegründet hat. Baerwald war der letzte Rabbiner in der alten liberalen Münchner Hauptsynagoge, die im Juni 1938 auf Befehl Adolf Hitlers dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Der kostbare Fund hängt jetzt in München: Auf einem Berliner Flohmarkt hat der ehemalige Rabbiner von Beth Shalom, Walter Rothschild, diesen früheren Tora-Vorhang der New Yorker Gemeinde Beth Hillel entdeckt.
Der kostbare Fund hängt jetzt in München: Auf einem Berliner Flohmarkt hat der ehemalige Rabbiner von Beth Shalom, Walter Rothschild, diesen früheren Tora-Vorhang der New Yorker Gemeinde Beth Hillel entdeckt.
Johannes Simon

Eva Ehrlichs Vortrag ist durchzogen von Anekdoten, Persönlichem, einer Melange aus erlittener Geschichte und skizzierten Bräuchen, vor allem aber vom dringenden Wunsch, Stereotype zu durchbrechen: „Sie kennen wahrscheinlich gar keine Juden. Schauen Sie mich an, ich habe weder eine krumme Nase noch sonst was. Meine Mutter war blond und hatte blaue Augen und hat trotzdem vier KZ hinter sich gebracht und überlebt.“

Die gebürtige Pragerin listet die Unterschiede auf zwischen orthodoxem Judentum, wie es in der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern beheimatet ist, und dem liberalen. „Der größte ist, dass die Frauen bei den Liberalen gleichberechtigt sind. Es gibt Rabbinerinnen und Kantorinnen. Vor dem Krieg war das liberale Judentum die vorherrschende Strömung in Europa.“ Beth Shalom, 1995 gegründet, sei mit seinen etwa 650 Mitgliedern deutschlandweit die größte Gemeinde ihrer Art.

Manuel Seltier, 48, arbeitet bei der Autobahnpolizei. Er sitzt mitten im Publikum und hat sich eine Kippa aufgesetzt, die am Eingang der Gemeinderäume ausliegen. „Beruflich habe ich eigentlich wenig Schnittmengen mit dem Judentum, aber für mich geht es heute darum, die eigene Sensibilität zu schärfen, wenn man mal in eine Auseinandersetzung kommt.“ Er halte es für wichtig, als Polizist auf der Straße zu wissen, welche Probleme es gibt, die man im Judentum so mit sich trage. „Wie wir gehört haben, gehen viele mit ihrem jüdischen Glauben ja auch nicht hausieren, und so gibt es ein großes Geheimnis darum.“

Eva Ehrlich hatte zuvor ausführlich geschildert, dass sie es vermeide, öffentlich als Jüdin in Erscheinung zu treten. Sie trage keinen Davidstern als Schmuck um den Hals, stelle den Chanukka-Leuchter nicht ins Fenster, wird ihr im Restaurant unkoscheres Essen serviert, verweise sie auf ihre Laktose-Intoleranz und umgehe damit, als Mensch mosaischen Glaubens identifiziert zu werden. „Ich will nicht, dass sie mir eine aufs Maul hauen!“

„Die bayerische Polizei ist sehr aufmerksam und sehr streng“, lobt Eva Ehrlich

Natürlich ist der 7. Oktober 2023 Thema, genauso wie Ehrlichs Abneigung gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Es scheint der 77-Jährigen aber auch Anliegen zu sein, sich bei ihren Gästen zu bedanken: „Die bayerische Polizei ist sehr aufmerksam und sehr streng, auch mit der Verfolgung der Straftaten gegen Juden. Wir leben hier auf der Insel der Glückseligen!“

Kürzlich waren bei Beth Shalom Spitzenvertreter der bayerischen Polizei und Justiz zu Gast. Es sei angeregt worden, die Führungen künftig auch für die Polizeipräsidenten aller bayerischen Bezirke anzubieten, sagt Eva Ehrlich. Ausgeflaggt sind sie als Fortbildungen, die von den Seelsorgern der Polizei begleitet werden. An diesem Dienstag ist Pastoralreferentin Angelika Zwerger dabei. „Das ist ein ganzheitliches Projekt, um einen Zugang zum Judentum zu kriegen. Wir wollen auch ganz sinnlich Informationen transportieren, deshalb gehen wir jetzt noch israelisch essen und nachmittags bekommen wir noch eine Führung zu jüdischem Leben in der Stadt.“

Polizeiseelsorgerin Angelika Zwerger begleitet regelmäßig Gruppen zur Fortbildung bei der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom. Weil die auch „sinnlich“ sein soll, wird nach dem Vortrag gemeinsam koscher gegessen.
Polizeiseelsorgerin Angelika Zwerger begleitet regelmäßig Gruppen zur Fortbildung bei der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom. Weil die auch „sinnlich“ sein soll, wird nach dem Vortrag gemeinsam koscher gegessen.
Johannes Simon

Bettina Mosbach, 51, ist diejenige, die im Treppenhaus die Frau hinter sich gefragt hatte, ob die wie sie auch beim LKA sei. „Ich bin Daktyloskopin, kann also Spurenverursacher anhand von Fingerspuren identifizieren.“ Beruflich habe sie keine Schnittmenge mit dem Thema des heutigen Tages. „Aber wir kriegen ja alle das Weltgeschehen mit und ich finde es erschreckend, wenn Mitbürgerinnen und Mitbürger einfach nicht mehr auf die Straße gehen dürfen, weil sie Angst haben müssen, wegen ihrer Religion verfolgt, beschimpft, bespuckt oder zusammengeschlagen zu werden.“ Sie sei außerdem beeindruckt von dem, was sie über das liberale Judentum erfahren habe: „Ich wusste gar nicht, wie viel da akzeptiert und toleriert wird. Das finde ich großartig!“

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