Kurz nach dem Zivilisationsbruch, an einem Frühsommertag im Mai 1945, fuhr ein Mann mit dem Auto in das mittelfränkische Dorf Arberg, um seine Tochter nach Hause zu holen. Er hatte das Mädchen im Sommer 1942 bei einer Bekannten auf einem Bauernhof vor den Nationalsozialisten verstecken lassen. Er selbst hatte die Shoah in der „Judensiedlung Milbertshofen“ überlebt. Die jahrelange Zwangsarbeit in einem Batterie-Rüstungsbetrieb hatte ihn körperlich gezeichnet, er konnte nur noch schlecht sehen.
Jetzt war das NS-Regime besiegt. Fritz Neuland wollte sein einziges Kind wieder bei sich haben und buchstäblich in Frieden leben, ohne den offenen Judenhass, den die Familie jahrelang ertragen musste. Die zwölfjährige Tochter aber weigerte sich, zu ihrem Vater ins Auto zu steigen und „zu all den Menschen zurückzukehren, die mich so beleidigt hatten“. So erinnert sich das Kind von damals, Charlotte Knobloch, geborene Neuland, heute Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, an das Wiedersehen mit dem Vater.
Zweimal musste Fritz Neuland das Dorf ohne seine willensstarke Tochter verlassen. Beim dritten Mal fügte sie sich. Vater und Tochter fuhren zurück in ihre Stadt, zurück nach München. Ausgerechnet nach München.
„Wir dürfen nicht zulassen, dass Hitler und die Seinen das letzte Wort behalten“
Dass die einstige „Hauptstadt der Bewegung“, wie die Nazis München nannten, nach der Shoah wieder zu einer dauerhaften Heimat für Juden werden sollte, wird der spätere Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel einmal als „Wunder“ bezeichnen. Fritz Neuland hatte daran einen großen Anteil. Anders als die überwiegende Mehrheit der Juden, welche den Völkermord überlebt hatten, war er entschlossen, im Land der Mörder zu bleiben und einen Neubeginn zu wagen. München war sein Zuhause.
Er hatte vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und noch bis 1938 eine Anwaltspraxis am Stachus unterhalten. Unter größter Gefahr hatte er versucht, Juden im Unrechtsstaat durch juristischen Beistand zu helfen. Jetzt, nach der Befreiung fühlte er sich verpflichtet, gute Rahmenbedingungen für jüdisches Leben in München zu schaffen. Charlotte Knobloch schreibt in ihrer Autobiografie mit dem Titel „In Deutschland angekommen“: Vater habe gesagt, „wir müssen an unsere Traditionen als Juden anknüpfen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hitler und die Seinen das letzte Wort behalten.“
Bereits am 16. Juni 1945 beantragte Neuland beim bayerischen Kultusministerium die Wiedergründung einer religiösen Gemeinschaft – die frühere Israelitische Kultusgemeinde in München (IKG) existierte seit 1942 nicht mehr. Wie die Historikerin Juliane Wetzel in einem Aufsatz darlegt, teilte Neuland dem Ministerium mit, dass rund 430 Jüdinnen und Juden damals in München lebten.
Einen Monat später, am 15. Juli 1945, kamen 105 Menschen im jüdischen Altenheim in der Kaulbachstraße 65 zu einer konstituierenden Sitzung zusammen – das unversehrt gebliebene Gebäude war für viele Juden nach der Befreiung die erste Anlaufstelle in München. Die Anwesenden gründeten die IKG neu, nur 68 Tage nach der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, die auch das Ende der Shoah markierte.



Fritz Neuland wurde Vizepräsident, das Präsidium übernahm der Kinderarzt Julius Spanier, der einst in der Müllerstraße 20 praktiziert und von 1939 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt 1942 das israelitische Krankenheim geleitet hatte. Erster Nachkriegsrabbiner in München wurde Aaron Ohrenstein, ein in Berlin geborener polnischer Jude, den die Amerikaner im KZ Dachau befreit hatten.
Neuland und Spanier richteten den Verwaltungssitz der neu gegründeten Gemeinde in der Herzog-Max-Straße 7 ein. Das war nicht irgendeine Adresse: Ganz in der Nähe hatte sich bis Juni 1938 die Münchner Hauptsynagoge befunden – ein Bauunternehmen hatte den Prachtbau auf Hitlers Befehl noch fünf Monate vor den Novemberpogromen den Erdboden gleichgemacht, angeblich um an dem Ort einen Parkplatz zu errichten.
Am 7. September 1945 feierten hier die Gemeindemitglieder nun zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana den ersten Gottesdienst. Radio München übertrug live aus dem Gebetssaal. Wie die Historikerin Wetzel recherchiert hat, kamen bei dem Gottesdienst auch Kultgegenstände zum Einsatz, die umsichtige Juden während der Jahre der Verfolgung auf dem jüdischen Friedhof an der Garchinger Straße vergraben hatten.
Mit dem „Palästina-Express“ nach Bogenhausen
Neuland, Spanier und andere deutsche Juden, die das Gemeindewesen aufbauen und in Deutschland bleiben wollten, zählten gleichwohl zu einer Minderheit im jüdischen München der Nachkriegszeit. Die Stadt an der Isar, in der sich bereits Anfang der 1920er-Jahren brutaler Antisemitismus offenbart und die NSDAP gegründet hatten, wurde für einige Jahre zum Zentrum jüdischer Displaced Persons (DPs). Diese nannten sich selbst: „Sch’erit hapleta“, hebräisch für „der gerettete Rest“.
Im Umland Münchens entstanden einige Auffangstätten für ehemalige KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter, denen die Nationalsozialisten ihre Heimat und Familienangehörige genommen hatten. Sie wurden in ehemaligen Kasernen, Klöstern oder Krankenhäuser untergebracht. Solche DP-Camps gab es in Freimann, Landsberg, Pocking oder Föhrenwald. In Markt Indersdorf bei Dachau hatten Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNRRA, in einem Kloster ein Heim für jüdische und nicht-jüdische Waisen aufgebaut, deren Eltern von Nazis in den Lagern ermordet worden waren.

Forschen zum Holocaust:Münchens verschleppte Kinder
Studierende der Ludwig-Maximilians-Universität haben das Schicksal einer jüdischen Volksschulklasse aus München erforscht. Im litauischen Kaunas fragen sie sich, was die Kinder wohl als Letztes gesehen haben – bevor sie erschossen wurden.
Die meisten DPs stammten aus Osteuropa. Viele konnten oder wollten nicht in ihre Heimat zurück. Stattdessen bereiteten sie sich in den Camps auf die Ausreise nach Palästina oder in die USA vor. „Während der Jahre 1945 bis 1951 war München Durchgangsstation für Zehntausende Juden auf ihrem Weg in die Emigration“, schreiben die Wissenschaftler Tamar Lewinsky und Anthony D. Kauders in einem Aufsatz.
Die DPs begannen schnell, sich zu organisieren. Am 25. Juli versammelten sich laut Lewinsky und Kauders 96 Delegierte aus 46 Camps im Kloster St. Ottilien. Sie beendeten das Treffen mit einer symbolischen Zeremonie im Bürgerbräukeller in München. An dem Ort, an dem Hitler so oft seinen Hass hinausgeschrien hatte, verlasen jetzt Juden zwischen Thorarollen offizielle Forderungen nach einem jüdischen Staat und Gleichberechtigung des jüdischen Volkes.
Rasch gründete sich ein Zentralkomitee der befreiten Juden in Bayern (ZK). Dessen erster Kongress fand am 27. und 28. Januar 1946 im Münchner Rathaus statt. Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland berichteten über das Ereignis. Auch der erste bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD) war anwesend. Im Fokus stand die Rede des damaligen Präsidenten der zionistischen Arbeitergewerkschaft und späteren ersten Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte einen Bericht über den Kongress im Rathaus auf ihrer Titelseite und zitierte Ben-Gurion mit den Worten: „Wir werden weder rasten noch ruhen, bis wir das Ziel jedes Volkes, Freiheit und Unabhängigkeit, erreicht haben.“


Jüdisches Leben florierte in München. Internationale und nationale Hilfsorganisationen richteten in der Stadt ihre Zonenhauptquartiere ein, wichtig für die Holocaust-Überlebenden war vor allem das „American Jewish Joint Distribution Committee“, kurz Joint, oder das „Bayerische Hilfswerk für die von den Nürnberger Gesetzen Betroffenen“. Diese Vereinigungen hatten Büros in Bogenhausen bezogen. Dort, genauer in der Möhlstraße, wurde das erste jüdische Gymnasium in einer europäischen Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet, es existierte bis 1951.
Es gab jüdische Zeitungen und Zeitschriften sowie kulturelle Veranstaltungen. 1948 feierten Tausende Menschen vor dem Sitz des Zentralkomitees in der Möhlstraße die Gründung des Staates Israel. Im Bereich der Möhl- und Sieberstraße sei das „pulsierende Zentrum jüdisch-gesellschaftlicher Aktivität“ gewesen, so Lewinsky und Kauders. „Die Trambahn dorthin wurde im Volksmund ‚Palästina-Express‘ genannt.“

Während die Sch’erit hapleta der zionistischen Bewegung anhingen und München verlassen wollten, verfolgten Juden wie Fritz Neuland, die schon vor der Shoah in München gelebt hatten, ganz andere Interessen. Sie sahen sich eher in der Tradition eines assimilierten deutschen Judentums und versuchten, innerhalb der neu gegründeten IKG die jüdische Kultur und Religion wiederzubeleben. Es kam zu Spannungen.
Charlotte Knobloch berichtet in ihrer Autobiografie über ein abendliches Treffen im Hause Neuland. Ihr Vater, IKG-Präsident Spanier und Rabbiner Ohrenstein rangen darum, wie sich die Gemeinde künftig gestalten solle. Spanier vertrat den Standpunkt, dass nur Juden Mitglieder der Gemeinde werden könnten, welche bereits vor 1938 in Deutschland gelebt hätten. Fritz Neuland dagegen wollte die IKG auch für die osteuropäischen DPs öffnen. Ohrenstein unterstützte Neuland: Kein Jude dürfe sein Herz oder Haus vor einem Juden verschließen, so zitiert Charlotte Knobloch den Rabbiner.
In einer bereits im Juli 1945 verabschiedeten Satzung hieß es, dass jeder „Israelit“ und jede „Israelitin“ mit Wohnsitz oder ständigem Aufenthalt in München oder Oberbayern automatisch Mitglied der Kultusgemeinde sei. Schon im März 1946 zählte die IKG rund 2800 Mitglieder. „Eher als Nebenprodukt“, so Historikerin Wetzel, sei in München die nach Berlin und Frankfurt größte jüdische Nachkriegsgemeinde entstanden, da einige DPs aus unterschiedlichen Gründen nun doch nicht auswanderten. Die Differenzen zwischen dem scheinbar gegensätzlichen deutschen und osteuropäischen Judentum innerhalb der Gemeinde sollten sich erst in den 1950er-Jahren auflösen.
Dass München für eine jüdische Gemeinde nach dem NS-Terror wirklich dauerhaft wieder ein Zuhause werden würde, zeigte sich zum ersten Mal vielleicht am 20. Mai 1947: Die Mitglieder weihten zusammen mit Vertretern des US-Militärs, der Politik und von Glaubensgemeinschaften die Synagoge in der Reichenbachstraße ein. Dieses in einem Hinterhof gelegene Gotteshaus hatten die Nationalsozialisten einst nicht angezündet, aus Angst, die Flammen könnten umliegende Gebäude beschädigen.
Jetzt war die Synagoge neu gestaltet. Die Anwesenden gedachten der ermordeten sechs Millionen europäischen Juden. IKG-Präsident Spanier, der damalige Oberbürgermeister Karl Scharnagl und US-General Lucius D. Clay hielten Reden. Der Besucher Abrascha A. Arluk berichtete später, dass er zum ersten Mal Juden in Frack und Zylinder beim Beten gesehen habe. Aus jüdischer Sicht sei die Einweihung ein „wichtiges Ereignis“ gewesen.
Charlotte Knobloch, damals eine Jugendliche, erinnert sich, wie ihr Vater an dem Abend nach Hause kam. Sie habe ihn selten so glücklich erlebt. „Ich wusste, dass dieser Abend ein bedeutender Moment im Leben meines Vaters war.“

