Jubilar:Gutes Pflaster

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Jubilar: "Es braucht mutige Entscheidungen, um Gutes durchzusetzen", sagt Horst Haffner. Der Sankt-Jakobs-Platz ist einer seiner Lieblingsplätze.

"Es braucht mutige Entscheidungen, um Gutes durchzusetzen", sagt Horst Haffner. Der Sankt-Jakobs-Platz ist einer seiner Lieblingsplätze.

(Foto: Stephan Rumpf)

16 Jahre lang kümmerte sich Horst Haffner als Baureferent der Stadt München um hohes Niveau in der Alltagsarchitektur. Auch jetzt im Ruhestand hat er nichts von seinem Engagement verloren

Von Alfred Dürr

Wer sich mit dem früheren städtischen Baureferenten Horst Haffner zu einem Spaziergang durch das Münchner Zentrum aufmacht, muss in der Fußgängerzone erst einmal den Blick senken. Da liegen sie, eine hellgraue Betonplatte an der anderen. Kaum einen vorübereilenden Passanten kümmert der Straßenbelag von Einkaufsmeilen. Aber Haffner kann lange über Einzelheiten aller möglichen Formen und Wirkungen des Pflasters auf Wegen und Plätzen sprechen. Material, Farbe, Muster von Steinen - auch das habe Einfluss auf das Erscheinungsbild eines Ortes. Und speziell da, am Übergang von der Rosenstraße zur Sendlinger Straße, ist er zufrieden mit dem Muster auf dem Boden, das abwechselt zwischen schmalen Streifen und großen Platten: "Das ist gut verlegt."

Was macht die Qualität von öffentlichen Räumen in der Stadt aus? Was ist aus all den umgestalteten Plätzen und neuen Häusern geworden, die einst für heftige Auseinandersetzungen gesorgt haben? Haffner kann solche Fragen kompetent beantworten. Ein Jahrzehnt lang saß er für die FDP im Stadtrat, bevor er zum Baureferenten der Landeshauptstadt gewählt wurde. Seine Amtszeit endete 2004, nach 16 Jahren. Zum 75. Geburtstag, den Haffner vor wenigen Tagen feierte, verwies Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf das "bedeutende wie enorme städtebauliche Engagement" des damaligen Spitzenbeamten, das sich überall im Stadtbild ablesen lasse.

Bauten der öffentlichen Hand als Ausdruck von Kunst; hohes Niveau auch in der sogenannten Alltagsarchitektur und die Beteiligung der Bürger an Entscheidungsprozessen - das waren Haffners Ansprüche, die er zusammen mit den Akteuren aus Politik, Verwaltung, der Architekten- und Kunstszene umzusetzen versuchte. Massive Kostensteigerungen bei der Sanierung der Kammerspiele oder beim Deutschen Theater seien nicht ihm allein anzulasten, sagt er. "Ich bin froh, dass die Projekte gut geworden sind und heute ganz selbstverständlich dazu beitragen, die Lebensqualität in der Stadt zu verbessern."

Horst Haffner setzt sich auf eine Mauer am Rindermarkt. 2002 wurde diese einstige kleinteilige Fläche nach den Entwürfen des Büros Mahl-Gebhard-Konzepte in ein offenes Areal umgestaltet - zu einer großzügigen Piazza und einem beliebten Ruheort im hektischen Großstadtgetriebe. Zu kahl, zu steril,empörten sich manche in ersten Reaktionen nach dem Umbau. Die Kritik ist verstummt. Sitzmauern und Stufen um den mächtigen Brunnen, die Läden am Rand und ein Café mit Stühlen und Tischen auf dem Platz schaffen die besondere Atmosphäre.

Nur wenige Meter sind es zum Sankt-Jakobs-Platz mit der Synagoge gegenüber dem Stadtmuseum. "Einer meiner Lieblingsorte" sagt Haffner. Aus einer städtebaulichen Wüste, die der Platz mit seinen kriegsbedingten Baulücken lange gewesen sei, habe sich ein städtisches Zentrum entwickelt, mit einem der besten Beispiele für moderne Architektur in der Stadt.

Von klotzigen Bauten und von einer Festung hatten Kritiker in der Planungsphase gesprochen. Auch diese Empörung gibt es nicht mehr: "Es braucht mutige Entscheidungen, um Gutes durchzusetzen." Das gelte auch für die benachbarte Schrannenhalle, deren architektonische Eleganz jetzt nach einigen misslungenen Nutzungskonzepten wieder zur Geltung käme.

Ob Gutes auch beim Max-Joseph-Platz vor der Oper gelingt, ist eine andere Frage. Schon zu Haffners Amtszeit diskutierte man darüber, wie die Tiefgaragen- Zufahrt mitten auf dem Platz sowie die vielen parkenden und rangierenden Reisebusse verschwinden könnten. Nach Jahrzehnten des Stillstands arbeitet das Baureferat nun wieder an einer Lösung. Die Zu- und Abfahrten zur Garage könnten zum Beispiel über Rampen in der Maximilianstraße erfolgen.

Haffner zuckt mit den Schultern. Er sei gespannt, ob man eine Lösung für solche "Schluchten" in der Prachtstraße findet.

Gutes Bauen mit ansprechender Architektur kann also ein ziemlich zäher Prozess sein. Auch das gehört zu Haffners Erfahrungen. Viele Plätze in München sehen inzwischen anders aus als früher: der Harras, das Platzl am Hofbräuhaus, der Wiener Platz oder der einst mit Steinplatten belegte und dann begrünte Königsplatz, um nur wenige Beispiele zu nennen. In den Neunzigerjahren hatte Haffner eine umfangreiche Bestandsaufnahme für 750 Orte in München erarbeiten lassen, die man verbessern könnte. Kaum war das Werk fertig, stoppte die städtische Finanznot Haffners Tatendrang. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Schritte etwas kleiner, die die Stadt auf dem Weg zur Verschönerung der öffentlichen Räume machte. Etwa der Goetheplatz oder vor allem der öde Ratzingerplatz in Obersendling warten nach wie vor auf den Umbau.

Auch im Ruhestand hat Haffner nichts von seinem Engagement für die baulichen Entwicklungen in München verloren. Als städtischer Spitzenbeamter habe man nicht nur die Pflicht, die Beschlüsse des Stadtrats auszuführen, man müsse auch von sich aus aktiv werden: "Man erwartet, dass man vorausdenkt, Potenziale aufzeigt und Lösungen anbietet."

In die aktuelle Politik schaltet er sich dabei nicht mehr ein und in seine frühere Verwaltung hinein will er schon gar nicht wirken. Dafür engagiert er sich beim "Deutschen Werkbund". Dieser Verein hat seit mehr als 100 Jahren wesentliche Impulse zur Industrie- und Gestaltungskultur gegeben. Er fühlt sich einer humanen und sozialen Umwelt verpflichtet.

2006 initiierte der Werkbund auf dem Gelände der ehemaligen Luitpold-Kaserne in Schwabing eine außergewöhnliche Wohnsiedlung des japanischen Architekten Kazunari Sakamoto. Das Modell mit den schlanken, bunten Häusern in unterschiedlichen Höhen erzeugte weit über München hinaus Aufmerksamkeit. Haffner war in der Jury des Architektenwettbewerbs. Schon im Planungsstadium scheiterte das Quartier allerdings an mancherlei Bedenken im Stadtrat. Bemängelt wurde zum Beispiel, dass das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie nicht stimme.

Heute gelte es, sich beim Bauen den Herausforderungen des technischen und gesellschaftlichen Wandels zu stellen. Das Wohnen in der Gemeinschaft gewinne eine besondere Bedeutung. Neue Formen, wie zum Beispiel die Förderung von Genossenschaften, sind für Haffner zentrale Themen, über die im Werkbund diskutiert wird. Eine schöne und menschliche Stadt: Dazu gehören für Haffner sowohl das richtig ausgewählte Pflaster auf den Plätzen als auch sozial und ästhetisch anspruchsvolle Neubau-Quartiere, in denen sich die Bewohner wohlfühlen.

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