Als die Welt im Pandemie-Chaos versank, begann für Josi Miller eine neue Zeit. Im Unterschied zum größeren Teil der Weltbevölkerung war das für die gebürtige Leipzigerin eine gar nicht mal so schlechte. Denn neben all ihren Verheerungen brachte die globale Seuche mitunter ja auch etwas mit sich, das im 21. Jahrhundert zur Kostbarkeit geworden ist: Entschleunigung.
Für Miller, die zuvor über Jahre als Tour-DJ für Hip-Hop-Acts wie Frauenarzt, Trettmann oder Fatoni unterwegs war, kam diese auferlegte Form der Entschleunigung just zur rechten Zeit. Mit dem Drive einer Hochbegabten hatte sie sich auf eine Weise ins Tourleben gestürzt, die von Jahr zu Jahr mehr an ihr zu zehren begann. Gegen Ende dieser ebenso aufregenden wie aufreibenden Reise durchlebte Miller bei einem Festivalauftritt mit Fatoni erstmals den Worst Case des Live-Betriebs: Kreislaufzusammenbruch und Panikattacke auf der Bühne. Die Diagnose: Angststörung.
Es folgte eine Zeit, in der sie sich zwischen bezahlter und unbezahlter Therapie nicht selten mit schweißnassen Händen und Herzrasen hinters DJ-Pult schleppte, schlicht um ihre künstlerische Existenz weiter aufrechtzuerhalten. Erst der gezielte Einsatz von Antidepressiva brachte sie an einen Punkt, an dem sie wieder ohne Angst die Bühne zu betreten vermochte.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Entstehung ihres fantastischen Debütalbums „4 Stages Of Sleep“ auch als eine Form von Selbsttherapie begreifen. Es ist einerseits Ausdruck der Verwandlung einer Hip-Hop-DJ in eine Schöpferin satt strahlender Electronica, die mit dem Einsetzen der Pandemie erstmals die Muße fand, sich in die Finessen der Produktion hineinzufrickeln. Es ist andererseits aber eben auch künstlerische Reflexion und Aufarbeitung einer Zeit zwischen Insomnie, Panikattacken und fragiler mentaler Gesundheit.
Konzeptuell aufgeteilt in den vierteiligen Schlafzyklus zwischen Einschlaf- und traumintensiver REM-Phase, entfaltet Miller hier eine musikalische Erzählung von subtilem Seltenheitswert im Club- und Partykontext. Eine, in der sich die Zerrissenheit einer Künstlerin zwischen der Lust an durchwachten Nächten und der Sehnsucht nach Stille gleichermaßen in drastisch changierenden Beats-per-Minute spiegelt wie in den variierenden Stimmungen zwischen träumerisch-melancholischem Downtempo und knackigen Breakbeat- und Rave-Nummern.
Erschienen ist das Album auf Herbert Grönemeyers Label
Und dann ist da ja noch diese wunderbar ätherische Form von Pop-Appeal, mit der die stimmbegabte Produzentin etwa einen Klassiker wie Richard Sandersons „Dreams Are My Reality“ aus dem Feten-Film „La Boum“ in eine Miniatur verwandelt, die seit ihrem Erscheinen nicht nur Herbert Grönemeyer den einen oder anderen wohligen Schauder über den Rücken gejagt haben dürfte.
Herbie der Große ist jedenfalls Fan, sonst wäre „4 Stages Of Sleep“ nicht auf seinem kleinen, feinen Indie-Label „Grönland Records“ neben Krautrock-Helden wie Neu! oder Nina Hagen erschienen. Kurzum: Von Josi Miller, der wohl spannendsten deutschen Produzentin seit den Anfängen der Berliner Techno-Grande-Dame Ellen Allien, wird gewiss noch zu hören sein. Nun schönerweise erst mal live und für lau auf dem Theatron-Festival.
Josi Miller, Samstag, 22. August, 19 Uhr, Theatron-Festival, Olympiapark

