VortragsreiheBäume für die Jugend

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Joseph Beuys im Jahr 1979.
Joseph Beuys im Jahr 1979. Hans Dürrwald/dpa

Wegbegleiter und Zeitzeugen erinnern an den vor 100 Jahren geborenen Künstler Joseph Beuys - und gehen der Frage nach, wie relevant Beuys heute noch ist.

Von Evelyn Vogel, München/Traunreut

So manchem Zeitgenossen blieb Joseph Beuys ein ewiges Rätsel. Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod, sehen viele in dem Mann mit dem Hut nur noch den Künstler mit dem Fett und dem Filz. Doch reduziert man Beuys auf sein museales Werk, wird man ihm kaum gerecht. Sein Gesamtkunstwerk besteht eben nicht allein aus den Arbeiten, die er hinterlassen hat. Viel wichtiger war sein Blick auf die Menschen, die Politik und die Gesellschaft. Wichtig war, was und wie er gedacht hat, wie er seine Schüler und Bewunderer dazu brachte, mitzudenken, selbst zu denken, weiterzudenken. Dieses Gesamtkunstwerk nicht nur zu erfassen, sondern es im Sinne der von ihm propagierten "sozialen Plastik" zu leben, kann durchaus anstrengend sein.

Und doch kommt einem, gerade wenn man auf das Engagement der "Fridays for Future"-Generation blickt, die Idee, dass ein Teil dessen, wofür Beuys stand, diesen jungen Menschen nahe sein könnte. Und man fragt sich: Müsste dieser Künstler, der seiner Zeit so weit voraus war, heute nicht zeitgemäßer denn je sein? Und müssten sich nicht vor allem diese jungen, engagierten Menschen für das Angebot interessieren, das im Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag von Beuys gemacht wird? Ein zugegebenermaßen sehr selektiver Blick auf das Programm und sein Publikum fällt ernüchternd aus. Wo blieben die jungen Menschen? Wo drückten sie den Altersdurchschnitt der Ausstellungs- und Diskussionsbesucher, der, vorsichtig gesagt, eher bei 50 plus lag?

Neben den bundesweiten Ausstellungen bemühte sich die Pinakothek in München, Beuys dezentral zu den Menschen zu bringen. Auch an Orte, die jungen Menschen und teils auch bildungsferneren Schichten zugänglicher sind als manches Museum. Gerade ging eine einwöchige Veranstaltungsreihe zu Ende, in der unter dem Titel "In jedem Detail das Ganze" nicht nur Museen wie die Pinakothek der Moderne und das Lenbachhaus in München sowie Das Maximum in Traunreut mit dabei waren, sondern auch die Münchner Kammerspiele und die Bayerische Akademie der Schönen Künste, das Meta Theater in Moosach bei Grafing und die Gemeinde Tyrlaching. Es ging darum, Zeitzeugen zu befragen, besondere Aspekte zu verhandeln und mithilfe von Johannes Stüttgen, eines Schülers und engen Weggefährten von Beuys, tief in dessen Gedankenwelt einzutauchen.

Johannes Stüttgen (links) und Wolfger Pöhlmann haben die Reihe "In jedem Detail das Ganze" zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys organisiert.
Johannes Stüttgen (links) und Wolfger Pöhlmann haben die Reihe "In jedem Detail das Ganze" zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys organisiert. Veranstalter / oh

Vieles war auch erhellend. Und wer noch nie die Geschichte gehört hat, wie Beuys damals auf Einladung der Galerie Schellmann-Klüser das Environment "zeige deine Wunde" in der Maximilianstraßenunterführung installierte und wie es zum Ankauf durch das Lenbachhaus kam - was bekanntermaßen in der Stadt einen Kulturkampf auslöste und fürs Lenbachhaus zum "Game Changer" in der Ankaufspolitik wurde - kam auch unterhaltungstechnisch ein wenig auf seine Kosten. Auch den Ringvorträgen Stüttgens folgte man durchaus gerne. Weil der 76-Jährige es vermochte, die Beuys'schen Gedanken und Schlagworte wie "soziale Plastik" und "jeder Mensch ist ein Künstler" Schicht für Schicht zu durchdringen und die Zuhörer nicht nur mitzunehmen, sondern gedanklich weiterzuführen.

Über allem aber schwebte immer die Frage: Was bleibt? Werden es am Ende die Baumpflanzungen sein, die sich auf Beuys "7000 Eichen"-Aktion bei der Documenta 7 in Kassel beziehen und 2015 vom Museum Das Maximum in Traunreut neuerlich angestoßen wurden? Uralte Basaltsteinstelen, die aus der Vergangenheit kommen, und junge Eichen (oder andere, klimaresistentere Bäume), die in die Zukunft wachsen? Werden sie dafür sorgen, dass man Joseph Beuys' künstlerisches und gedankliches Erbe auch in Zukunft als zeitgemäß empfindet? Vielleicht. Auf jeden Fall sollten alle, die sich Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft machen, mal bei Beuys reinschauen. Es lohnt sich.

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