Dieser Mann scheint verwachsen zu sein mit seinen High-Heel-Schuhen. Seit Tina Turner tippelte, tanzte, stolzierte niemand so wie Jorge González auf hohen Hacken durch die Show-Welt. Man kennt den 58-jährigen Deutsch-Kubaner mit „die ssbanische“ Akzent – der einen Magister in Radioökologie besitzt – aus dem Fernsehen als Laufsteg-Trainer von „Germany’s Next Topmodel“ und als Juror von „Let’s Dance“. Er modelt, choreografiert und betreibt eine Künstleragentur. Jetzt ist der „fleischgewordene Stöckelschuh“ (FAZ) zum Botschafter der Deutschland-Tournee des Musicals „Kinky Boots“ ernannt worden, dessen bewegende, wahre Geschichte eines Fabrikanten von Frauenstiefeln für Männer mit höchsten Weihen (sechs Tony Awards, drei Laurence Olivier Awards) ausgezeichnet wurde.
SZ: Was macht es mit einem Mann, wenn er Schuhe mit hohen Absätzen anzieht?
Jorge González: Ich verwandle mich total, wenn ich auf hohen Schuhen gehe. Es verändert einfach deinen Gang. Deine komplette Körpersprache verändert sich. Du betrittst den Raum mit einem anderen Statement. Bämm! Wenn du dich wohlfühlst in solchen Schuhen, gibt dir das Sicherheit. Aber du musst das fühlen.
Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie eigentlich?
Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal gezählt habe, da waren es mehr als 400.
Wie groß ist denn bitte Ihr Schuhschrank?
Die Schuhe haben ein eigenes Lager in meiner Wohnung.
Wie viele davon haben einen hohen Absatz?
Ich denke, 90 Prozent sind hoch.
Haben Sie Lieblingsschuhe?
Ja, die sind von Zaha Hadid, der Architektin, es war eine Limited Edition, und ich konnte ein Paar ergattern. Sie sind Wahnsinn, vom Material her und der Konstruktion. Ein Kunstwerk. Ich liebe auch Rick Owens Plateauschuhe, die habe ich in jeder Farbe, die trage ich fast täglich. Das sind Hackenplateaus, wie in den Siebzigern, sehr besonders vom Design. Und bequem.
Männer können kaum nachempfinden, wie Frauen in High Heels leiden.
Ja, die Männer haben vergessen, dass in den Siebzigerjahren fast alle Männer Plateaus trugen. Ich weiß nicht, ob die damals gelitten haben. Mir selber ging es schon damals sehr gut darin, ich habe mir immer die von meinem Bruder ausgeliehen.
Wenn man noch weiter zurückschaut, dann trugen schon am französischen Hof von Louis IVX. zuerst die Männer von Reitern inspirierte feine Stiefel mit Absatz und Seidentrümpfe – heute wirkt das feminin, damals war das die Haute Couture.
Sie haben Recht. Heute verspotten viele Menschen Männer, die hohe Schuhe tragen, als unmännlich – die sollten sich genau über die Modegeschichte informieren.
Werden Sie, obwohl Sie den femininen Look nun seit 20 Jahren im Fernsehen vorleben, immer noch dafür gemobbt?
Ich lebe nicht wirklich einen femininen Look vor, ich habe meinen ganz eigenen Look kreiert. Aber klar, ich erlebe auch viele Anfeindungen. Aber man kann dich doch eh wegen allem angreifen. Wenn du heute einen ganz normalen Look trägst, sagen sie: Kuck mal, wie langweilig! Gute Kritik nehme ich an, die ist wichtig. Aber Leute, die irgendwas labern, denen sage ich: Du weißt doch nicht, was du redest, tut mir leid, aber geh zum Therapeuten.

Hatten Sie so ein Selbstbewusstsein schon immer?
Natürlich. Wenn du solche Schuhe trägst oder auch sonst anders bist, das bedeutet: Individualismus. Das ist Überzeugung. Das ist Selbstliebe. Das ist Liebe zu geben.
Wer hat Ihnen das beigebracht?
Ich habe das drin in mir. Ich musste das schon als Kind lernen. Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, wo Homosexualität verboten war. Da herrschte Machismo. Ich musste von Anfang an meine eigene Welt kreieren. Ich durfte nicht meinen Optimismus verlieren, dass ich einmal meine Freiheit finde.
Dafür mussten Sie mit 17 weg aus Kuba?
Ja, das war der Preis, den ich dafür bezahlen musste.
Jetzt sind Sie Botschafter für „Kinky Boots“ geworden. In dem Musical geht es um einen Erben, der eine marode Schuhfabrik rettet, indem er eine Marktnische bedient: Stiefel für Transpersonen und Travestiekünstler.
Ich liebe das Musical, es hat so viel zu tun mit mir und meiner Community. Es hat mich schon inspiriert, damals, als es am Broadway herauskam. Da ist so eine tiefgründige Botschaft darin über Freundschaft, Chancen, Toleranz, Respekt. Ich habe gerade bei den Proben den echten Charly, den Schuhmacher, auf den der Film und das Musical zurückgehen, kennengelernt. Das war sehr emotional für mich. Denn diese Botschaft ist so wichtig heute, weil wir diese Menschlichkeit, die Akzeptanz verlieren. Noch dazu gibt es in dem Musical eine parallele Geschichte, in der vieles passiert wie in meinem Leben, das hat mich auch sehr bewegt.

Sie meinen die Geschichte von Simon, der sich als Dragqueen Lola von den strengen Fesseln seines Vaters befreit?
Ja. Ich habe schon als Dreijähriger in den High Heels meiner Großmutter gespielt. Aber mein Vater hat mich erwischt und gesagt: Männer machen das nicht! Er hat versucht, mich zum Boxen und Baseball zu stecken, er wollte einen Macho-Mann aus mir machen. Ich habe das nicht verstanden, genau wie Lola: Warum kann ich nicht so sein, wie ich will? Ich mache doch nichts falsch. Als Lola hat Simon seine Bühne gefunden, seine Gruppe, dort konnte er frei sein und Liebe schenken. Dragqueen ist eine Kunst, die Freude schenkt, Glamour, Spaß, Hoffnung.
Sind Sie jemals als Drag aufgetreten?
Nein, noch nie! Aber das ist ganz oben auf meiner Bucket-Liste. Wenn ich das mache, dann muss das richtig gut sein.
Brauchen Männer wirklich, wie es in „Kinky Boots“ heißt, robustere hohe Schuhe als Frauen, weil die Absätze mehr Gewicht aushalten müssen?
Stimmt schon, Männer sind oft schwerer und brauchen stabilere Schuhe. Ich zum Glück habe eine für einen Mann kleine Schuhgröße, 41, und bin relativ leicht.
Das heißt, Sie finden High Heels in der Frauenschuhabteilung, sie müssen dafür nicht in den Sexshop oder zum Travestie-Bedarf?
Absolut.
„Kinky Boots“ heißt ja salopp übersetzt „Schlampenstiefel“, wie man sie aus dem Rotlicht-Gewerbe kennt, wie im Film „Pretty Woman“. Wieso versprühen hohe Lackstiefel eigentlich so viel Sex?
Ich glaube nicht, dass Stiefel aus irgendeinem Milieu stammen. Das ist nur eine Fantasie der Leute. So ein Stiefel kann auch ganz subtil elegant sein. Sexyness hat nichts zu tun mit dem, was du trägst, sondern wie. Sexyness kommt von deiner Person. Wenn Leute versuchen, sich irgendwie zu verkleiden, sage ich: Finde deine Persönlichkeit, deinen Individualismus, imitiere nicht die Fashion-Magazine, denn jede Person ist anders.

So kennt man Sie noch als Laufsteg-Trainer bei „Germany’s Next Top-Model“. Hat Heidi Klum mit Ihrem Einsatz etwas bewegt für queere Menschen?
Als Bruce Darnell dort aufhörte, habe ich gehört, dass sie jemanden suchen, der die Models trainiert. Ich habe ihnen meine Biografie geschickt, und als ich zum Studio kam, dachte ich, die sagen mir, was ich machen soll. Die sagten: Nein, überleg du dir was! Und Heidi hat das toll gefunden. Ja, sie war damals schon mutig, sie hat auch als eine der ersten Dragqueens in ihre Show geholt. Sie ist total offen für die Welt.
Nun muss man als Mann nicht nur das Selbstbewusstsein mitbringen, auf hohen Schuhen zu laufen, man muss auch die Technik erst lernen ...
Auch Frauen müssen das.
Aber Männer müssen bei Null anfangen. Erreichen Sie die eher, wenn Sie, wie auf Instagram zu sehen, auf dem Fußballplatz Elfmeter versenken – schrittsicher in High Heels.
Alles geht, wenn du deinen Körper beherrschst. Ich springe, tanze schon lange auf High Heels, spiele Fußball damit und Basketball. Ich beherrsche die Technik.
Es gibt auch Kurse, wo Männer lernen, sich nicht die Knöchel zu brechen auf Zwölf-Zentimeter-Absätzen.
Sicher, auch in meiner Chica Walk Academy melden sich Männer, die die Technik erlernen möchten. Nicht nur Leute aus meiner Comunity.
Was ist Ihr allerbester Tipp, wie man auf hohen Absätzen einen sicheren Auftritt hinlegt?Das Allerwichtigste ist: Du musst deine perfekte Passform finden. Da darf nichts wackeln. Das Schuhbett muss eins zu eins zu deinem Fuß passen. Erst dann kannst du anfangen zu trainieren.
Kinky Boots – Das Musical, 28. Oktober bis 9. November, München, Deutsches Theater

