Süddeutsche Zeitung

Jonglage:Die Poesie der fliegenden Scheiben

Kolja Huneck hat einen Bachelor in Zirkuskunst und gilt als vielversprechendes Talent. Jetzt plant er eine große Soloshow mit Unterstützung der Stadt München

Es muss nicht Vinyl sein. Kolja Huneck arbeitet auch mit Plexiglas. Und er experimentiert mit allen möglichen anderen Materialien, die sich gut biegen und brechen lassen. Welche das sind? Berufsgeheimnis. Vinylschallplatten brechen auch, wenn sie auf den Boden fallen. Aber die scharfen Kanten können seine Finger aufschneiden, wenn er die Platten hoch in die Luft wirft und wieder auffängt. Huneck reibt seine Handflächen aneinander. Er hat schmerzlich gelernt, dass seine Hände möglichst heil bleiben sollten, weil er sonst nicht arbeiten kann. Huneck ist Objektmanipulator, eine andere Bezeichnung für Jongleur.

"Objektmanipulation bedeutet mehr", sagt er bei einem Gespräch im Café im Erdgeschoss des Gasteigs, es ist auch Illusion dabei und Performance. Er schiebt seine Espressotasse, ein Wasserglas und sein Handy auf dem Tisch schnell hin und her wie die Hütchentrickspieler in den Straßen von New York. Er könnte sich wohl mit dieser fiesen Taschenspielermasche über Wasser halten.

Muss er aber nicht. Denn erstens hat Huneck seit vergangenem Sommer einen Bachelor of Circus Arts in der Tasche, zweitens soeben die Zusage für eine fünfstellige Debütförderung der Stadt München - er plant ein großes Soloprojekt.

Kolja Huneck sei ein vielversprechendes neues Talent im Bereich des zeitgenössischen Zirkus. So beginnt die Begründung der Jury für diese Förderung. Inspiriert von der Schallplatte arbeite er mit dünnen Scheiben von 30 Zentimetern Durchmesser, deren Bewegungsverhalten er erkunde. Seine präzise Erforschung des gewählten Objekts und die Verschmelzung von Bewegung und Licht zu einer abstrakten Performance gepaart mit der Virtuosität der Jonglage habe überzeugt. Mit dieser finanziellen Unterstützung ist die Produktion seines Stücks "CM_30" erst mal gesichert. Jetzt wird er den Musiker in den Niederlanden anrufen, der für ihn die Musik für das Stück komponieren soll.

Huneck, 25, ist in München geboren und aufgewachsen. Seine Eltern sind keine Artisten und doch haben sie seine Berufswahl beeinflusst, indem sie ihn auf die Rudolf-Steiner-Schule in Daglfing gehen ließen. Dieser Schultyp macht nicht jedem Lust auf kreative Selbstständigkeit danach. Aber tatsächlich hat ein Diabolo-Projekt dort Huneck geprägt. Dazu kamen Ferienworkshops bei Lilalu und Erfahrungen bei einer Riemer Jugendzirkusschule. Viele Jahre bildete er ein Duo mit Lukas Brandl, mit dem er seit diesen Schulzeiten befreundet ist. Zusammen hatten sie sich nach dem Abitur bei der renommierten Zirkusschule Codarts in Rotterdam beworben und im September 2015 mit 14 anderen Studenten dort begonnen. Inzwischen geht Brandl mehr in Richtung Zauberei und Schauspiel, Huneck experimentiert mit seinen Platten, mit Licht und Farben.

Am Ende des Studiums, erzählt Huneck, seien sie nur noch zwölf Studenten gewesen. Er hat durchgehalten, seinen Bachelor gemacht. Er könnte sich auch vorstellen, einen Master draufzusetzen. Seinen Beruf zu theoretisieren. Später. Für seine Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit Demenz, mit Erinnerung, mit Verlust und Vergänglichkeit. Dazu passt das Medium Schallplatte, das zerbrechlich und zerkratzbar ist und längst abgelöst wurde durch CDs und vor allem von digitalen Anbietern. Die Platte ist Nostalgie und Metapher.

Das Grundstudium in Rotterdam waren zwei Jahre universelle Zirkusausbildung mit viel Bodenakrobatik, Trampolin, Jonglagetechniken. Und regelmäßig das Wagnis, vor anderen aufzutreten, sich zu zeigen. Dabei hat er gelernt: "Wenn etwas schief geht, dann sollte man einen Plan B haben, der möglichst besser ist als Plan A." Um das Publikum nicht zu enttäuschen, hilft Improvisation. Er benützt dieses Wort nicht, sondern er nennt es "eine Chance", etwas spontan zu entwickeln, wenn etwa etwas ungeplant zerbreche. So wird das Missgeschick zur Performance. Huneck hat sich schon bald in Rotterdam auf Handstand spezialisiert und auf Objektmanipulation. Unter seinem lockeren schwarz-weißen Winterpullover, den er beim Gespräch im Gasteig trägt, zeichnen sich breite Schultern ab. Die Oberarmmuskeln, die seinen 175 Zentimeter großen Körper vom Boden stemmen, lassen sich nur erahnen. Auf Youtube gibt es von ihm ein Video zu sehen, auf dem er wie mühelos, die Beine kerzengerade in der Luft, auf seinen Händen durch den Raum läuft.

Wie hält er sich fit, wo trainiert er jetzt, da er nicht mehr die Hallen der Hochschule zur Verfügung hat? Handstand gehe überall, sagt Huneck. Und jonglieren sei immer dann möglich, wo Raum nach oben ist. Im Sommer kann das eine Wiese unter freiem Himmel sein. Im Winter heißt üben oft nur das Gefühl für das Runde nicht verlieren, das Rollen am Boden und das Balancieren auf dem Nacken, den Schultern, den Armen wiederholen. Seine Platten, er hat sie fast immer und überall dabei.

Huneck führt kein Leben im Zirkuswagen und ist doch viel unterwegs. Noch pendelt er zwischen Rotterdam und München. Ist er hier, schläft er meist bei seinem Bruder auf dem Sofa. Sein Domizil in den Niederlanden will er noch nicht aufgeben, weil er dort viele Quadratmeter für wenig Geld mieten kann. Es ist sein Rückzugsort, wo er alleine sein und in Ruhe neue Tricks ausprobieren kann. Er hat dort Platz für eine Werkstatt, etwa um seine Platten zuzuschneiden. Sollen sie wie die alten schwarzen Tonträger aussehen, dann klebt er rote Etiketten in ihre Mitte. Benutzt er echtes Vinyl vom Flohmarkt, näht er inzwischen einen dünnen Gummirand drumherum, der die Finger vor Schnitten schützen soll. Solche eher zeitaufwendigen Arbeiten erledige er meist auf den langen Zugfahrten, erzählt er. Vor ein paar Tagen erst saß er im TGV nach Paris, um sich Aufführungen von Kollegen anzusehen. Dort gibt es das Kulturzentrum "Le Centquatre", wo auch Gäste trainieren können. Ein tolles Angebot, sagt Huneck. Er hat es genutzt.

Vier Jahre körperliches Training und intensive Beschäftigung mit dem, was Zirkus heute sein kann und will, liegen hinter ihm. "Philosophisch, politisch, zeitkritisch", sagt Huneck, so sollte zeitgenössischer Zirkus sein. Nicht zwingend ein körperliches Spektakel. Er findet, dass man auch traurig aus einer Zirkusvorstellung gehen könne. Kunst habe immer die Aufgabe wachzurütteln und aktuelle Themen zu hinterfragen. Seit zwei Jahren engagiert sich Huneck beim Bundesverband zeitgenössischer Zirkus in Deutschland. Er spüre, dass sich hierzulande viel tue, sagt er. Deshalb finde er es gut, wieder hier zu sein. Er will am Netz mitweben, das jungen Artisten und Künstlern hilft, ihren Beruf auszuüben. Auftrittsmöglichkeiten schaffen, Fördermittel auftun, das nimmt viel seiner Zeit in Anspruch. "Das Ausfüllen von Formularen würde ich am liebsten abgeben", sagt Huneck.

Auf die Förderung der Stadt München hatte er sich mit einem mehrseitigen Portfolio beworben. Von "zirzensischem Minimalismus" und "einer Wanderung durch Goethes Farbenlehre" ist dort die Rede. Dazu ein erstes Video, in dem Huneck, in Gelb, Grün, Orange getaucht, Scheiben auftauchen und verschwinden lässt, mit ihnen ernst und doch spielerisch umgeht. Aus diesen ersten fünf Minuten sollen in den nächsten Monaten 50 werden.

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Quelle:
SZ vom 12.02.2020
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