Opernfestspiele:Große Emotionen in Miniaturen

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Opernfestspiele: Auch ein Heldentenor sucht die leisen Töne: Für Jonas Kaufmann ist der Liedgesang nicht zuletzt auch Stimmhygiene.

Auch ein Heldentenor sucht die leisen Töne: Für Jonas Kaufmann ist der Liedgesang nicht zuletzt auch Stimmhygiene.

(Foto: Wilfried Hösl)

Wieder gut bei Stimme: Jonas Kaufmann und sein Pianist Helmut Deutsch begeistern das Publikum im Nationaltheater.

Von Jutta Czeguhn, München

Die Verschlusszeiten während des harten Lockdowns haben viele große Opernstimmen zum Lied, zur kleinen Form getrieben, ins biedermeierliche Hausmusik-Setting quasi. Nun, einen wie Jonas Kaufmann muss man gewiss nicht hintragen zu Schubert, Schumann, Liszt oder Mahler. Der hat seinen Heldentenor immer schon gerne fremdgehen lassen, und in schöner Regelmäßigkeit, zwischen durchschlagenden Wagner-, Verdi-, Verismo-Alben oder schauerlichen Christmas-Song-Klimbim, auch für die zarte Liedkunst missioniert. Zur Stimmhygiene, wie er sagt, vor allem aber aus einer großen Leidenschaft heraus. Und weil er dabei in Helmut Deutsch seit mehr als 30 Jahren ein seelenverwandtes Rückgrat hat. Auch wenn die beiden eine irgendwie telepathische Verbindung pflegen, hat Kaufmann seinen alten Klavier-Professor 2020 ins musikalische Homeoffice bitten müssen, um "Selige Stunde" aufzunehmen, ihr bislang wohl persönlichstes Liedbuch, das sie jetzt in der Staatsoper aufblätterten.

Um Effekthascherei geht es nie

Euphorisch werden die beiden willkommen geheißen im nahezu ausverkauften Nationaltheater. Die Erleichterung ist atmosphärisch greifbar, hatte Kaufmann doch zuletzt wegen einer Covid-Erkrankung und "den Auswirkungen auf seine Stimme" Auftritte in "Cavalleria Rusticana" und "Pagliacci" am Royal Opera House absagen müssen. Bis auf ein paar wenige Räusperer, winzige Eintrübungen im ersten Lied "Adelaide" ist davon aber nichts mehr zu hören. Beethovens Kleinod gibt den Ton vor für alles Folgende; da rauschen die Wellen, Nachtigallen flöten, lyrische Ichs flehen nach der Unerreichbaren, zuweilen bis ins Grabe. Ein Album "voller Zugaben" hat Deutsch "Selige Stunde" genannt, das den ersten Teil des Konzerts ausmacht. Große Emotion ist da in Miniaturen verdichtet: Schuberts "Der Musensohn", Schumanns "Widmung", Brahms "Waldeinsamkeit", aber auch Trouvaillen wie Zemlinskys titelgebende "Selige Stunde". Kaufmann ist keiner, der so etwas mit akademischer Distanz herunterdoziert. Mögen Lied-Puristen seine Piano-Technik kritisiern, wenn das Mezza-voce zuweilen, wie markiert, ins kaum Hörbare rutscht, wenn Vokale beim Öffnen nasal ausleiern, oder der Tenorissimo den Schallpegel mit opernhafter Gradezza auch mal bis zur Unbehaglichkeit ausschlagen lässt. Doch um Effekthascherei geht es nie, wer genau hinhört, entdeckt nicht nur große Empfindsamkeit, sondern auch unerbittliche Präzision im Singen.

Nach der Pause dann Liszt, aus "Freudvoll und leidvoll", dem zweiten Lockdown-Album der beiden. Noch mal alle Emotionen, vom wütenden Peitschenknaller "Vergiftet sind meine Lieder" bis zur fünften Zugabe, dem Schlaflied von Brahms, hingehaucht als Rausschmeißer, weil das hingerissene Publikum sie einfach nicht gehen lassen will: "Guten Abend, gut' Nacht".

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