Kritik:Einsame Klasse

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Mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle wird "Peter Grimes" zur Sternstunde an der Staatsoper.

Von Klaus Kalchschmid, München

Am Ende trägt Peter Grimes den gleichen verdreckten weißen Sonntagsanzug, mit dem sein zweiter Lehrjunge tödlich verunglückt ist. Jonas Kaufmann steht da in Benjamin Brittens Oper ganz alleine barfuß auf der leeren Bühne des Nationaltheaters und bringt, nur vom leisen Tuten eines Nebelhorns begleitet, einzig ein paar fahle, gepresste Töne hervor. Einsamer kann kein Mensch sein. Und als Balstrode (ein Seebär mit Herz: Christopher Purves) den Fischer auffordert, mit seinem Boot in See zu stechen und nicht mehr wiederzukommen, stößt Ellen einen Schrei aus; Peter schaut sie ein letztes Mal schmerzvoll an.

Das war der ergreifende Höhepunkt eines Abends, der auch instrumental zur Sternstunde wurde. Wie Erik Nielsen mit dem ausgeruhten und enorm motivierten Staatsorchester den Furor, aber auch den oft raffiniert gedimmten Farbenreichtum wie den Trauer- und Sehnsuchtston der Britten'schen Partitur ausleuchtete, war grandios.

In Stefan Herheims dichter, manchmal fantastisch irrealer, dann wieder intensiv realistischer Inszenierung beobachtet eine bigotte Dorfgemeinschaft (ebenfalls hervorragend: der Chor der Bayerischen Staatsoper) Peter Grimes in ihrem gewölbten Gemeindesaal (Bühne: Silke Bauer) permanent argwöhnisch, wenn sie nicht auf den Hafen, aufs Meer, in den Mond oder eine Sonnenfinsternis schaut. Dieser Raum kann sich geheimnisvoll weiten und verengen, Theater oder Kirche werden.

Jonas Kaufmann singt und spielt Peter anfangs durchaus selbstbewusst, gibt ihm mit zunehmendem Wahn aber immer gedecktere Töne seines so charakteristischen Tenors, dass Darstellung und Singen verschmelzen. Rachel Willis-Sørensen verkörpert wie in der Premiere vor einem halben Jahr mit traumhaft schönem, gehaltvollem Sopran eine wunderbare anteilnehmende Ellen Orford, die eine starke Frau an Peters Seite geworden wäre. Aber selbst die kleinste Nebenrolle ist in dieser Produktion hervorragend besetzt.

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