Johanneskirchen Verstimmungsbild

Abriss, Aufstockung, Mieterhöhung - die Pläne des Investors 6B47 für den Freischützgarten stoßen bei den Anwohnern auf Ablehnung. Sie stimmen gegen alle Veränderungen, haben am Ende aber nichts zu entscheiden

Von Fabian Huber, Johanneskirchen

Die Veranstalter hatten wohl bereits mit einem kontroversen Ausgang gerechnet. Ein Moderator sollte es richten. Doch schon nach zwanzig Minuten dieses galligen Abends schallt Christian Hörmann von der Beraterfirma CIMA der Vorwurf der Parteilichkeit entgegen. "Die Höhenentwicklung scheint Sie mehr zu interessieren als die Freiflächengestaltung", stellt der Schlichter fest. Spöttisches Gelächter im Saal des Englschalkinger Schützenheims. Antwort eines Gasts: "Ihr könnt doch keine Wiese planen, bevor das Haus entworfen ist.".

Das Haus, um das es geht, ist eine Gebäudezeile und seit Jahren Gegenstand hitziger Diskussionen im Münchner Osten: der Freischützgarten. Drei Stockwerke mit Kleingewerbe und Arztpraxen plus Dachgeschosswohnungen, ein zum Sanierungsfall verkommenes Stadtteilzentrum, weitergereicht von Investor zu Investor.

Die Deutsche Wohnen AG verkaufte die Immobilie an der Ecke Johanneskirchner Straße/Freischützstraße 2016 an die Munich Residential GmbH. Die wollte das Gebäude aus den 90er Jahren sanieren, um eine Etage aufstocken, die Mieten teils um das Doppelte auf marktübliche Preise erhöhen, Verträge mit vielen Gewerbetreibenden auslaufen lassen, weil stattdessen Wohnungen gebaut werden sollten - um dann doch abzuspringen und den Freischützgarten 2018 an die 6B47 Germany GmbH zu veräußern.

Für die Nachbarn ist der Freischützgarten ein Sanierungsfall. Geht es nach den Investoren, soll er neu gebaut werden.

(Foto: Florian Peljak)

Auch der Düsseldorfer Investor kündigte Sanierungen, Mieterhöhungen, eine Aufstockung und mehr Wohnungen an, unter anderem mittels eines Ringschlusses, der eine zur Straße gelegene Grünfläche aufgefressen hätte. Der Bezirksausschuss Bogenhausen (BA) lehnte ab, 6B47 präsentierte einen neuen Entwurf und muss mit dem nun vor die Anwohner treten, vornehmlich, um über die Fassaden- und Außengestaltung zu sprechen, so will es der BA. "Ein Stimmungsbild" wolle man einholen, sagt der CSU-Fraktionssprecher Xaver Finkenzeller. Deshalb der Bürgerworkshop. Der Saal ist für etwa 90 Gäste bestuhlt, einige müssen die Präsentation von André Schubert, technischer Projektleiter von 6B47, im Stehen verfolgen. Laut Schubert soll die Zeile abgerissen und dafür ein fünfgeschossiger Neubau mit achtstöckigem Hochpunkt in der Mitte errichtet werden. Zwischen 140 und 160 Ein- bis Vierzimmerwohnungen sind vorgesehen, dazu kleinteilige gewerbliche Nutzung im Erdgeschoss. Bauzeit: zweieinhalb Jahre.

"Wir sind in die Höhe gegangen, weil wir ja in die Breite nicht können", erläutert Schubert. Da ist die Stimmung schon lange gekippt. Eine Hand nach der anderen schnellt in die Höhe. Gemurmel, Unruhe, Zwischenrufe. Am Tag zuvor hatten die Anwohner bei einer Eigentümerversammlung ihre Position diskutiert, erzählt Walter Pfister, Wohnungsbesitzer im nicht betroffenen Westteil des Komplexes. "Die Gebäudestruktur ist noch keine 30 Jahre alt. Der Abriss ist doch ökologischer Irrsinn", ruft eine Betroffene. Eine Kernsanierung würde in etwa genauso viel Zeit in Anspruch nehmen wie ein Neubau, entgegnet Schubert. Sein Plan stößt - nicht überraschend, wie er später zugeben wird - auf wenig Gegenliebe. Ein halbes Hochhaus im Viertel? Da gäbe es wegen des Schalls ja noch mehr Lärm als durch die Bahn ohnehin schon. Und der Schatten erst, motzt Elisabeth Scholz, die in der Freischützstraße genau gegenüber wohnt.

Gut in der Skizze (links) zu sehen: Die Grünfläche sollen auch nach einem möglichen Neubau erhalten bleiben. Skizze: Jühling & Partner

(Foto: )

Immer wieder schreitet Moderator Hörmann ein. Eigentlich hatte er Gruppenarbeiten geplant. Auf Zetteln sollten Wünsche geäußert werden. "Wir sind ja hier kein abstimmendes Plenum", sagt er, bevor er doch klein beigibt, die Freiflächengestaltung von der Tagesordnung streicht und am Ende des Abends die - im Plenum abgestimmten - Anliegen der Nachbarn auf eine Flipchart notiert. Der Tenor ist eindeutig: für Bestandssanierung, gegen Aufstockung, gegen gewerbliche Nutzung oder Kitas im Innenhof, für kleinteiliges Gewerbe zur Straße hin.

Ein Kompromiss scheint in weiter Ferne zu sein. Denn eine Baumehrung wird es geben, bestätigt die BA-Vorsitzende Angelika Pilz-Strasser (Grüne). Am Donnerstag wird der Bogenhausener Planungsunterausschuss die Ergebnisse des Workshops vorstellen, am 11. Juni befasst sich das Plenum damit. Ein bindendes Mitspracherecht haben weder Anwohner noch BA. Am Ende entscheidet das Planungsreferat.