Eröffnung des „Bachfests München“Volles Programm mit Johann Sebastian

Lesezeit: 3 Min.

Der Windsbacher Knabenchor und das Freiburger Barockorchester spielten zur Eröffnung vier Bach-Kantaten.
Der Windsbacher Knabenchor und das Freiburger Barockorchester spielten zur Eröffnung vier Bach-Kantaten.
Bachfest

Mehr als 300 Veranstaltungen sollen im November in München für Johann Sebastian Bach begeistern. In der Isarphilharmonie wurde das Festival eröffnet.

Von Michael Stallknecht

SZ bei Google bevorzugen

Gleich gegenüber dem Gasteig HP8 kommen Bach-Fans momentan direkt in den Himmel. Genauer: In die Himmelsburg, die Weimarer Schlosskirche, in der der große Johann Sebastian knapp zehn Jahre lang Hoforganist war. Dabei handelt es sich zwar eigentlich nur um einen Wellblech-Container, den die Thüringer Tourismus GmbH auf Reisen schickt, die Kirche ist bereits vor gut 200 Jahren abgebrannt.  Aber mittels einer VR-Brille kann man es sich beim Aufstieg über die Emporen ordentlich schwindeln lassen.

Am Eröffnungswochenende des „Bachfests München“ wollen noch nicht allzu viele in den Himmel, die Mitarbeiterin aus Thüringen schiebt es auf das schlechte Wetter. Auch drinnen in der Isarphilharmonie gibt es am Nachmittag noch einige freie Plätze. Dabei ist das offizielle Eröffnungskonzert ausgesprochen hochkarätig besetzt, nicht nur in Gestalt von Innenminister Joachim Herrmann, der den Freistaat Bayern vertritt.

Der Windsbacher Knabenchor und das Freiburger Barockorchester geben gemeinsam vier geistliche Kantaten Bachs, ein Auftakt buchstäblich mit Pauken und Trompeten, die Bach nicht immer zur Verfügung hatte. Wohl aber zum Michaelisfest in Leipzig, für das er „Es erhub sich ein Streit“ und „Man singet mit Freuden vom Sieg“ schrieb. Die Windsbacher bewältigen die kurvenreichen Eingangschöre mit makelloser Präzision, die Choräle mit ebenso perfekter Intonation. Staunenswert die dynamische Bandbreite, die der künstlerische Leiter Ludwig Böhme seinem Chor abgewinnt, ebenso die Balance der Stimmen untereinander.

Das Freiburger Barockorchester wartet dazu mit leuchtenden Soli auf, auch an seltenen Instrumenten wie der Oboe da caccia, dem Violoncello piccolo oder dem Barockfagott, zum eingelegten Konzert für drei Violinen BWV 1064R treten sogar gleich drei gleichwertige Sologeiger an. Und finden dennoch im Kollektiv zu einem ausgewogenen Klangbild, das manch rüde Alte-Musik-Ruppigkeit souverän hinter sich lässt.

Deutschlandweit gibt es regelmäßig stattfindende Bachfeste

Auch die Gesangssolisten sind nicht umsonst in der gesamten Bach-Szene gefragt, der Tenor Patrick Grahl etwa, der eindringlich vom Text her gestaltet und zugleich die sanglichen Farben ausschöpft, oder der weiche und klare Countertenor von Benno Schachtner. Nie zu vergessen natürlich die Meisterschaft Bachs, der jeder seiner über 200 erhaltenen Kantaten eine eigene Atmosphäre gibt, in „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ mit ihrem sanften Dämmerlicht, im sensationellen „Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott“, in der das sanfte Läuten der Totenglocke ins Erdbeben des Jüngsten Gerichts umschlägt.

Nicht umsonst ist Bach „der meist aufgeführte Komponist weltweit“, wie Hansjörg Albrecht, der künstlerische Leiter des Bachfests, zu Konzertbeginn sagt. Und so gibt es auch einige regelmäßige Bachfeste, in Leipzig natürlich und in Stuttgart zum Beispiel, aber auch das der Neuen Bach-Gesellschaft, das jährlich in einer anderen Stadt stattfindet. In diesem Jahr zum dritten Mal in München, nach 1927 und 1990.

Dabei hat Bach nie einen Fuß nach München gesetzt. Lieber beruft man sich deshalb in der bayerischen Landeshauptstadt auf die Gründung des Münchener Bach-Chors unter Karl Richter oder auf das „Erste Münchener Bachfest“ des weithin vergessenen „Münchener Bach-Vereins“ im Jahr 1925. Was das 99. Bachfest der Neuen Bach-Gesellschaft, so die etwas steile These Albrechts, quasi gleichzeitig auch zu einem 100. macht. Möglicherweise dient es ja der Kompensation für die verlorenen Jahre, wenn man die Sache jetzt gleich richtig groß aufzieht: Mehr als 300 Veranstaltungen werden sich den ganzen November lang mit Bach beschäftigen, in historischer Aufführungspraxis wie im Eröffnungskonzert ebenso wie verjazzt oder in Gestalt einer nach Bach’schen Formprinzipien improvisierten Passion. Im Café Luitpold, offiziell zum Festival-Kaffeehaus erhoben, kam man sogar täglich Bach am Klavier genießen, neben einer frisch gebackenen Bach-Torte.

Alle sollen mitmachen, in einem partizipativen Akt

Zu den Initiatoren gehören außer Albrecht als ehemaligem Leiter des Münchener Bach-Chors Stephanie Jenke, die als Geschäftsführerin des Gasteigs praktischerweise gleich das HP8 als Festivalzentrum zur Verfügung stellt, sowie Anna Kleeblatt. Die Kulturmanagerin hatte für München in den vergangenen Jahren bereits das „Faust-Festival“ sowie das „Flower-Power-Festival“ gestaltet, nach ähnlichem Prinzip: Alle sollen mitmachen, in einem partizipativen Akt sozusagen musikalischer Selbstermächtigung.

Die Kirchen sind diesmal ebenso mit im Boot wie viele große Museen und Bürgerhäuser, aber auch viele private Initiativen. „Bach in Space“ mit Bildern der Nasa gibt es ebenso wie „Bach by Bike“, Gottesdienste ebenso wie „Tanzen zu Bach“ oder einfach „Bach am Bach“ als Klangperformance. Sogar Bach ohne Bach, in Konzerten, bei denen keine einzige Note von Bach erklingen wird, die aber trotzdem zum Bachfest München gerechnet werden. Ebenso wie Veranstaltungen in ganz Bayern, beispielsweise im Augsburger Dom, die mit in den großen Chor einstimmen sollen.

Finanzielle Unterstützung vom Freistaat gibt es dafür dennoch nicht, ebenso wenig von der Stadt München. Im Gegenteil: Die mehr als 100 Partner müssen an die Organisatoren einen Beitrag für die Vermarktung ihres Projekts zahlen, je nach Größe und Anzahl ihrer Events. Fragt sich am Ende nur, ob sich das für sie auszahlt. Sprich, ob es in München genug Bach-Fans gibt, die alle die Veranstaltungen hören und sehen wollen oder auch nur können.

Bachfest München, noch bis 30. November, www.bachfest.info

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Christiane Lutz: Sie Opernregisseurin, er Startenor
:„Ich bin sehr gerne Frau Kaufmann, aber ...“

Opernregisseurin Christiane Lutz über ihr Leben als Partnerin des Klassikweltstars Jonas Kaufmann, als freischaffende Künstlerin, Working-Mom und Hundemensch, der in München gerade eine Katzen-Oper inszeniert.

Von Jutta Czeguhn

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: