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"Jisr":Ankunft in der neuen Welt

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Blick nach vorn: Mohcine Ramdan (links) hat Jisr zum Klangkollektiv für kulturübergreifende Fantasien gemacht.

(Foto: Ali Malak)

Das Fremde liegt nahe: die Münchner Band "Jisr" hat bei Enja ihr Album "Too Far Away" veröffentlicht

Von Christian Jooß-Bernau

Einsam gleitet Ehab Abou Fakhers Viola in den Raum. Über ihr und um sie herum, flattert, flirrt, vibriert die Oud von Roman Bunka, und unter ihnen pocht und pulst die Gimbri. Mohcine Ramdan spielt die dreisaitige Basslaute der Gnawa, schwarzafrikanisches Ritualinstrument, das gerade mit seinem beschränkten Tonumfang und dem hautwarmen Timbre der Darmseiten ein Geheimnis trägt, das man nie ganz lüften wird. "Too far Away" heißt das Album, das die Münchner Gruppe Jisr bei Enja Records (CD), beziehungsweise bei Free Soul Inc. (LP) veröffentlicht.

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2016 hat der Marokkaner Ramdan, den das Germanistikstudium nach München gebracht hatte, die Gruppe mit zwei geflüchteten Syrern gegründet. Fakher ist bis heute dabei. Jisr selber haben sich zum Kollektiv für Klangfantasien entwickelt, die immer wieder um Ramdans Gimbri und Bunkas Oud kreisen, eine Kombination, die in sich schon von der Erde in den Himmel reicht. Man könnte von Begegnung sprechen, von Toleranz, von Verständnis - und sicher wäre es nicht falsch. Aber das bedächtige Nicken zu fremden Klängen ist am Ende doch die Weltmusik von gestern. Jisr, die sich nicht umsonst programmatisch "Brücke" genannt haben, bauen nicht an der fremden Welt für einheimische Ohren, sondern an einer neuen Welt für alle. Und die ist einem Europäer überhaupt nicht fremd und eigentlich gut bekannt. "Mare Nostrum" haben sie eine Nummer genannt. Es ist eine bis auf das römische Reich zurückgehende, verbindende Soundidee eines jahrhundertelang gemeinsamen Kulturraums. Und der lebte ganz pragmatisch vom Austausch des Güter, Menschen, Künste.

Das Exotische als parfümierte Fantasie des Fremden hat in dieser Klanglandschaft keinen Platz mehr, oder? "Mosque Road" heißt die letzte Nummer. Eine Straße, die auch in der Realität zu einer Moschee führt - die allerdings steht in Bangalore. All diesem herrlichen Mischmasch der Kulturen und Religionen trotzend ist die Nummer eingangs ein Orienttraum wie aus einem Technicolorfilm, lustvolles Spiel mit Klischees, bis Wolfi Schlicks Querflöte ausbricht, Pentatonik und Rhythmus auf seine Belastbarkeit testend versucht, Toncluster zu schichten. Jisr stolpern bei all dem nicht unter der Last des Gedankenüberbaus, sondern schaffen es abzuheben: schon in der zweiten Nummer "Musaka" zum glockigen Sound des Fender-Rhodes, den Embryo-Chefin Marja Burchard spielt. Zwei Schlagzeuger sichern den Zusammenhalt trotz des durchdrehenden Saxofons: Severin Rauch und Matthias Gmelin, der zwingenden Groove und feines Ornament kombiniert. Und Mohcine Ramdans Stimme fängt dann alle wieder ein.

Ist es wirklich möglich, zu weit weg zu sein, wie der Albumtitel verspricht, oder ist diese Welt dafür einfach zu klein. Louis Borda, der argentinische Gitarrist, bringt ein schleppend, schleifendes Tangogefühl in "Tu Ausencia": In der Abwesenheit des geliebten Menschen läuft die Zeit zäh wie Honig, und die Töne der Oud rinnen wie Sand durch die Uhr, und die Mischung der Kulturen löst sich auf in reiner, für alle verständlicher Innerlichkeit. Die wirklich fremden Welten, sie liegen nicht auf der anderen Seite der Erdkugel, sondern in uns selbst.

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Jisr: Too Far Away (Enja Records, CD, Free Soul Inc., LP)

© SZ vom 13.11.2020
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