Kurzkritik:Schmerzliche Wehmut

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Das Jewish Chamber Orchestra, Wen-Sinn Yang, Gesine Cukrowski und Götz Otto im Volkstheater.

Von Harald Eggebrecht, München

Es war ein Abend im neuen Volkstheater, an dem das Jewish Chamber Orchestra München unter seinem Dirigenten Daniel Grossmann mit dem souveränen Meistercellisten Wen-Sinn Yang eine Reihe ironisch-melancholischer auch schmerzlich-leiser Musikstücke von Davis Popper, Leone Sinigaglia, Robert Schumann, Leó Weiner und Mieczyslaw Weinberg spielte und dabei eine insgesamt wunderbar nachdenkliche, geradezu intime Stimmung schuf. In die passten genau die Vortragenden Gesine Cukrowski und Götz Otto, die aus den jeweiligen autobiografischen Erinnerungen von Elisabeth Bergner und Fritz Kortner so einfühlsam und einnehmend lasen, dass die beiden Theaterlegenden, die in den Zwanzigerjahren vor allem in Berlin größte Triumphe feierten, bevor sie dem Naziterror entfliehen mussten und zum Glück konnten, gewissermaßen zum Leben erweckt wurden.

"Erlaubst Du wohl, Dir ein Geschichtchen zu erzählen?" wird an neun Stationen in ganz Deutschland, von Hamburg bis Berlin, präsentiert. Die Veranstaltung gehört zu den Feierlichkeiten zum Gedenken an "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Und sie sollte auch daran erinnern, dass der "Bund deutscher Volksbühnen", wie Bernhard Müller, Geschäftsführer der Volksbühne München in seiner Begrüßung betonte, 1890 in Berlin vor allem von jüdischen Künstlern gegründet worden war.

Die Mischung aus etwa der so virtuosen wie zarten Serenade für Cello und Streichorchester von David Popper oder der ungemein geschmeidigen, kantablen Romanza des Italieners Sinigaglia und den Texten, in denen Bergner-Cukrowski und Kortner-Otto beschrieben, wie sie ihre unstillbare Leidenschaft fürs Theater entfalteten und auch gegen skeptische Eltern durchsetzten, berührte unmittelbar. Es war, als führe die jeweilige Musik gleichsam den Gedankengang der Erzählungen der beiden unvergessenen Schauspieler fort. Umgekehrt schien die Musik manchmal die Vorlesenden unmittelbar zu inspirieren.

Riesenbeifall für einen Abend voller Nachdenklichkeit und voll von jenem Schmerz, der Bergner und Kortner erfüllte, als sie nach der Barbarei ins Land der Täter zurückkehrten. Davon tönte auch Weinbergs Concertino, das Wen-Sinn Yang so nobel wie klar gelang.

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