Kabarett:Aufklärung mit Mathe

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Der Kabarettist Jess Jochimsen geht im Lustspielhaus mit dem Lifestyle-Grundvertrauen seines Publikums ins Gericht und bleibt dabei doch immer voller Empathie.

Von Oliver Hochkeppel, München

Es ist immer noch ein Heimspiel, wenn Jess Jochimsen im Lustspielhaus auftritt. "Drei Jugendlieben sind im Raum, eine weiß es nicht mal", konstatiert der 51-Jährige, der in Baldham aufwuchs, bevor er sich zum Studium nach Freiburg verabschiedete. Umso kuscheliger klingt dann sein "Wir machen uns einen schönen Abend". So beginnt er fast immer. Stets wird es dann auch ein gelungener Abend. Aber nur schön bleibt es nie, getreu des Titels eines seiner früheren Programme: "Das wird jetzt ein bisschen weh tun."

Denn bekannt wurde Jochimsen Ende der Neunziger als einer der ersten, die mit den Macken und Selbsttäuschungen der eigenen "Generation X", vor allem aber der 68er-Elterngeneration ins Gericht ging. Heute löckt er den Stachel gegen die Selbstgerechtigkeit ("Ihr seid eh die Guten") des Kabarettpublikums, konfrontiert es im neuen Programm "Meine Gedanken möchte ich manchmal nicht haben" mit seinem Reichtum oder Wahlverhalten. Erschüttert dessen Lifestyle-Grundvertrauen mit perfide plausiblen Rechtfertigungen für seine serbische Putzfrau ("eine Anmeldung wollte sie selbst nicht"). Dass die Geschichte Fake ist, wird erst klar, als er als ihren Nachfolger, den Putzmann Rico einführt, einen Neonazi-Aussteiger, der "selbst zum Putzen zu blöd ist".

Trotzdem gerät das nie zu Frontalkabarett, weil Jochimsen seine Aufklärung in eine literarische Form (er schreibt seit längerem auch Kolumnen und Romane) einbindet und - ein bisschen an Matthias Deutschmann erinnernd - mit Musik garniert, mit traurig-schrägen Songs zu Gitarre, Akkordeon und Xylofon. Auch beim Programmkern, wo es um das mathematische Denken als Waffe gegen Ideologien und Esoterik geht - wegen der Fähigkeit zum "Kürzen und Kehren", also die Dinge auf das Wesentliche herunterzubrechen und von der umgekehrten Richtung zu betrachten - lässt er seine Kronzeugen die Verbindung von Mathematik mit Musik und Dichtung betonen. Das vor allem unterscheidet Jochimsen nämlich von den meisten Kollegen: Seine humorvolle Empathie, hier hell aufleuchtend in Gedanken zur asiatischen Tradition der Gedichte auf dem Totenbett. Wie auch bei den grandiosen Dias aus dem deutschen Realsatire-Schilderwald, die er seit langem als Zugabe serviert.

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