Als Jesper Munk im April 2018 sein drittes Album „Favourite Stranger“ veröffentlichte, verhieß die Zukunft Großes. Demonstrierte der gebürtige Münchner auf seiner zweiten Platte für das Major-Label „Warner Records“ doch genau jenen Wagemut, den es manchmal braucht, um den nächsten Schritt zu gehen. Aus dem jungen Bluesrock-Spezialisten mit Punk-Appeal, der auf dem Cover des Vorgängeralbums „Claim“ noch mit größtmöglicher Lässigkeit im Unterhemd posierte, war auf „Favourite Stranger“ plötzlich ein samtener Crooner im Smoking geworden, der in Songs wie „Solitary“ die Tiefe des Soul für sich entdeckt hat.
Sechs Jahre ist diese Verwandlung jetzt her. Und spricht man mit Jesper Munk am Telefon über diese Zeit, so wird schnell klar, dass es nicht die leichteste für ihn war. Denn wie es eben so ist in den höheren Sphären der Musikindustrie, geht dort auch gerne mal zu einem gewissen Grad jene Unabhängigkeit für Künstler flöten, die in dem Wörtchen „Indie“ als Ableitung von „Independent“ steckt.
„Wir waren irgendwann einfach nicht mehr kongruent“, sagt Jesper Munk, und verdeutlicht sein Selbstverständnis als Musiker aus dem Indie-Fach mit einem Einblick ins Major-Nähkästchen: „Wenn es heißt, man bräuchte da jetzt noch 40 Prozent mehr Midtempo-Nummern auf dem Album, dass es funktioniert, ist das eine andere Sprache, als ich sie spreche. Und dann muss man sich natürlicherweise trennen.“
Munk, heute 31 Jahre alt, erzählt das alles vielmehr abwägend und selbstkritisch als im Groll. Er habe sich damals vor lauter Ausführungsdruck schon auch selbst das eine oder andere Bein gestellt, sagt er. Und natürlich sei er den Leuten, die bei Warner an ihn geglaubt haben, bis heute dankbar. „Aber dieser zahlenorientierte Teil der Industrie war einfach total falsch für mich. Am Ende habe ich mich dann so quergestellt, dass sie mich rausschmeißen mussten.“
Seine Solo-Karriere hatte er nie aus den Augen verloren
Für den Wahlberliner war es im Rückblick gewiss die richtige Entscheidung. Er ist dann schnell in eine Sphäre eingetaucht, die ihm einerseits ein erfrischendes Kontrastprogramm zum Major-Label-Kosmos bot, andererseits aber auch neue Horizonte eröffnete. Zum einen als Gründungsmitglied der experimentellen Post-Punk-Band P.D.O.A. (Public Display Of Affection), die er mit seiner damaligen Partnerin Madeleine Rose ins Leben rief. Und zum anderen als Gitarrist der wavigen Art-Noise-Band Plattenbau.
Seine Solo-Karriere hat er dennoch nicht aus den Augen verloren. Er hat sie vielmehr im Stillen vorangetrieben, indem er sich über die letzten fünf Jahre hinweg immer wieder mal ans Songwriting gemacht hat. „Eher schwappend als linear“ sei das Ganze vorangeschritten, sagt er. Den Durchbruch brachten ihm dann The Cassette Heads. Ein Soul- und Jazz-Kollektiv, das ein eigenes Format unterhält, in welchem es Musikerinnen und Musiker zu Sessions einlädt, um in diesen aus dem Stand heraus einen Song des Gastes auf Kassette aufzunehmen.
Sieht man sich das Session-Video zu Jesper Munks Ballade „Rush“ auf Youtube an, glaubt man ihm nur zu gern, dass er sich unmittelbar in diese Truppe verknallt hat. „Perfekt aufeinander zugelaufen“ sei das mit diesen Jungs, mit denen er sich so sicher wie noch nie mit einer Band gefühlt habe. Kein Wunder also, dass man die Zusammenarbeit erst mit dem Cover-Album „Taped Heart Sounds“ intensivierte, und die Cassette Heads später auch Munks neues Album „Yesterdaze“ veredelten, um ihn nun auch auf Tour zu begleiten.
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Und doch ist „Yesterdaze“ letztlich Jesper Munk pur. Er hat diese Platte nahezu im Alleingang aufgenommen, selbst produziert – und schließlich komplett eingetütet mithilfe seines neuen Managers Gerald Huber beim Indie-Label „Glitterhouse“ untergebracht. Das Album repräsentiere für ihn eine „unangestrengte Form des Neustarts“, sagt er.
Das kann man unbedingt so stehen lassen. Fügen sich die zwölf auf dem pluckerigen Sound einer alten Roland TR-505 Drum Machine basierenden Songs in ihrem süßen Sehnen doch derart geschmeidig zu einer Art Soul mit anderen Mitteln zusammen, dass sie wie aus einem locker flockigen Guss wirken.
Erstaunlich genug. Lebt Jesper Munk hier doch nicht zuletzt sein Faible für klangliche Kontraste aus, etwa indem er den künstlichen Sound der Maschine mit organischen Elementen verbindet, um dieser damit ein neues Eigenleben einzuhauchen, wie er sagt. Den größten Kontrast hat Munk aber im Hinblick auf sich selbst und seine künstlerische Rolle geschaffen: Er hat nun, anders als das früher einmal war, wieder die volle Kontrolle.
Jesper Munk, 26. November, Club Stereo, Nürnberg; 27. November, Volkstheater, München (ausverkauft); 28. November, Westpark, Ingolstadt (solo); 29. November, Rocket Club, Landshut (solo); 1. Dezember, Algasing, BB Forum (solo)

