Kneipe Schwabing "Jennerwein" Alpenkitsch und Diva Desaster

Ein Besuch in der alten Schwabinger Kultkneipe "Zum Jennerwein" gerät zur Suche nach der verlorenen Zeit.

Von Ursula Auginski

Wie sieht ein Wirt vom "Jennerwein" aus? Ein Wirt der sagenumwobenen Schwabinger Kultkneipe in der Belgradstrasse? Wo die 68er 'rumhingen, qualmten und tranken, was das Zeug hielt? Wo Studenten politisierten und die Anmache auf alte Macho-Art ablief? So ein Wirt wäre doch bestimmt mindestens ein Mittfünfziger, bierbäuchig, mit seit Jahren herausgewachsener Kurzhaarfrisur und 6-Monate-Stoppelbart! So ein Wirt trinkt öfter mal mit seinen Gästen einen Kurzen, macht derbe Späße und lässt alle Fünfe g'rade sein. Oder?

Alpenkitsch und Diva Desaster

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Aber Bernhard Steinweg, der heutige Wirt, ist stets gut frisiert, perfekt rasiert, eine gepflegte Erscheinung. Ein zurückhaltender Münchner, das Äußere dezent bis unauffällig. Der 41-Jährige achtet auf seine Gesundheit, unter der Woche raucht und trinkt er möglichst nicht, hält sich fit und schlank. Vor Arbeitsbeginn im "Jennerwein" poliert er Gläser, schaut, dass alles ordentlich und sauber ist: "Jederzeit können Kontrollen kommen", begründet er. Kommt ein Gast reingeschneit, schenkt Bernhard sofort Bier aus, die Bewegung bleibt knapp und ausreichend. Kein überschäumendes Temperament. Nach dem Polieren wird das Handtuch akkurat gefaltet und über einen Schubladengriff gelegt.

Keine 68er mehr

20 Uhr am Tresen: kaum vorstellbar, dass hier auch gefeiert wird, so ruhig ist es hier. "Leider kann ich nie vorhersagen, wie der Abend wird," erklärt Bernhard ruhig. Aber öfter mal soll der Schuppen brummen. Später wird es gemütlich, in einer Ecke sitzen zwei Blondinen, die kichernd ihre Personalien in ein "Raucher-Clubverzeichnis" hineinkritzeln - im "Jennerwein" sind Raucher selbstverständlich noch willkommen, ein überdimensionales Abluftsystem an der Decke sorgt für fast lupenreine Luft.

Am Fenster räsonnieren zwei Mittdreißigerinnen über ein unbekanntes Problem und an der Theke hat Bernhard Stammgäste um sich geschart. Eine füllige Brünette stellt sich vor als "Nina von der Firma Jägermeister": sie überprüfe, ob auch genügend Werbemittel vorhanden sind, also Kneipenutensilien wie Tabletts oder Aschenbecher mit dem berühmten Kräuterlikör-Logo und -Schriftzug. Nina sendet starke weibliche Signale - Bernhard bleibt cool. Alltag im Jennerwein.

Geht draußen am Fenster einer vorbei, winkt Bernhard. Er kennt fast alle hier in der Gegend: "Der Jennerwein ist eine Kiez-Kneipe für die Leute aus der Umgebung. Es soll bayerisch sein, bodenständig. Unprätentiös soll es sein, für Leute, die etwas zu erzählen haben, die ihre Persönlichkeit selber 'reintragen, die sich nicht durch Trends beeinflussen lassen." Dennoch, das 68er-Publikum kommt kaum noch. "Die schauen höchstens mal 'rein, sind zufrieden, dass alles noch so ist wie früher, und gehen gleich wieder", erzählt Bernhard.

"Mobiliar ohne Designaussage"

Naja, ganz so wie früher ist es wohl nicht. Alpenländischer Retro-Kitsch ziert die beiden Schankräume, vom Hirschgeweih-Lampengestell bis zum Ölgemälde-Abziehbild. Dazu das 70er-Jahre-Remake einer Psychedelic-Tapete. Die Leute mögen es. Oder zumindest stört es sie nicht: schließlich macht der Alpen-Look nicht allein den Flair aus, den der Laden seit 1961 hat: "Die Kneipe soll den notwendigsten Zweck erfüllen", sagt Bernhard. "Das Mobiliar darf zwar nicht zusammen brechen, ist aber ohne Designaussage."

Im Detail wären das: alte Holztische, Bänke und Stühle, der knorrige Tresen, aber auch die mit vergilbten Postern zugeklebten Wände, der verschlissene Zigarettenautomat, der Knabberzeug-Spender. Vor allem auch der gute Draht zum Wirt und das uralte Wissen, das seit '61 überliefert ist: hier geht es ungezwungen zu, hier unterhält man sich schnörkellos und ist weitgehend sich selbst.

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