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Jelinek-Uraufführung in den Kammerspielen:"Wir haben ein Gesetz, und das Gesetz heißt Orgie"

Reichtum und Schönheit, Mode und die Maximilianstraße: Für ihr Stück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" hat sich Elfriede Jelinek mit Münchens teuerster Gegend befasst. Und dabei trotzdem einen thematischen Rundumschlag vollzogen - samt Moshammer-Kopie und Brad-Pitt-Doubles.

Münchner Kammerspiele; Uraufführung: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.

In meiner Badewanne, da bin ich so mondän: Szene mit Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier (v.l.n.r.).

Es ist ein Geschenk, aber keine Überraschung. Vor zwei Wochen feierten die Münchner Kammerspiele die ersten einhundert Jahre ihres Bestehens, und ihr Intendant Johan Simons wünschte sich ein neues Stück von Elfriede Jelinek. Das Thema bestellte er gleich mit, die Maximilianstraße und die Mode, die man dort kaufen kann, wenn man viel Geld für Kleidung ausgeben will.

Das Ersehnte hat er erhalten: einen Riesentexthaufen von klassischer Jelinekscher Façon, 130 Seiten ohne viel Punkt und Komma, aus denen er sich aussuchen konnte, was ihm gefällt. Ein Drittel davon wird er wohl verwendet haben für seine Inszenierung, genau kann man das nicht sagen, weil den Text, der "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" heißt, außerhalb des Theaters niemand lesen darf, nicht vor der Premiere und nicht danach, kein anderes Theater soll ihn je nachspielen - das Geschenk ist exklusiv.

Simons erweist sich als sehr höflicher Beschenkter. Er tut alles, um aus dem mitunter verworrenen, mythisch aufgeladenen, von Idiosynkrasien seiner Autorin durchzogenen Text einen faszinierenden Theaterabend zu machen. Dazu bietet er alles auf, was die Kammerspiele hergeben.

Alles, was die Kammerspiele hergeben

Sechs männliche Darsteller, die größtenteils abenteuerliche Gestalten verkörpern, scharen sich um Sandra Hüller, leuchtendes Zentrum des skurrilen Treibens. Fünf Musiker sitzen in einem halboffenen Glaskasten, spielen Bühnenmusik und einige herrliche Songs für Hüller und Benny Claessens, die nach Großstadt und Vaudeville duften - die Musik schrieb Carl Oesterhelt, welcher über das "Tied & Tickled Trio" mit den Gebrüdern Acher von "The Notwist" verbunden ist, daran erinnert der Sound zwischen Wehmut, Pathos und Asphalt.

Die Bühne ist weit ins Parkett hineingebaut, ein Teil des Publikums sitzt im Hintergrund der Bühne selbst, die Zuschauer schauen sich gegenseitig an, schließlich geht es hier ja um den schönen Schein, und zu Beginn verteilen Bühnenarbeiter sorgsam Eis, das in hundert Plastiksäcken auf der Bühne gelagert worden war. Die Kälte der Maximilianstraße mag damit gemeint ist; auf jeden Fall knirscht es sehr schön, stöckeln die Schauspieler darüber hinweg.