Es hätte so schön sein können. Abdullah Ibrahim, der südafrikanische Pianist und prominenteste Wahl-Chiemgauer des Jazz, sollte den diesjährigen Jazzsommer im Bayerischen Hof eröffnen, als Botschafter des Veranstaltungsmottos „What The World Needs Now“. Das wäre nicht nur versöhnliche und erhabene Musik gewesen, sondern auch ein eleganter Verweis auf die integrative Kraft des Jazz, der als internationale Kunst das Kleinliche des Menschlichen gerne in der Toleranz des Kreativen auflöst. Aber es hat nicht sollen sein.
Der alte Herr, der in den vergangenen Jahren gerne erzählte, wie die alpenvorländischen Nachbarn ihm beim Üben auf seinem Fazioli am offenen Fenster zuhörten und auch schon mal spontan applaudierten, starb am 15. Juni im Alter von 91 Jahren, ein Grandseigneur des Jazzklaviers, der in seinem langen Künstlerleben vielen Menschen den Weg in die Musik gewiesen hat. Das verbindet ihn mit seinem jungen Kollegen Alfredo Rodriguez, der mit seinem Trio kurzfristig für das Eröffnungskonzert am 28. Juli gewonnen werden konnte. Denn auch für den kubanischen Pianisten ist Musik das Tor zur Welt. Über seinen Mentor Quincy Jones schaffte er den Einstieg in die internationale Szene und bewährt sich seit zwei Jahrzehnten als Latin-Virtuose auf jazzigem Fundament.
Alfredo Rodriguez ist kein Ersatz für Abdullah Ibrahim, eher eine Alternative. Aber die beiden Künstler haben eine weitere biographische Gemeinsamkeit. Denn in wichtigen Momenten ihrer Karriere tauchte ein Förderer auf. Bei Abdullah Ibrahim war es Duke Ellington, der dem Exilanten der Apartheid durch Kooperationen weiterhalf, bei Alfredo Rodriguez Meister Jones, der den Newcomer als Rising Star unterstütze. Und bei Fabiola Méndez ist es der Latin-Pop-Promi und Grammy-Preisträger Bad Bunny, der internationale Aufmerksamkeit auf seine Landsfrau lenkte.
Als der spätestens durch seinen Super-Bowl-Auftritt zum Weltstar avancierte Puerto-Ricaner im vergangenen Jahr bei den Tiny Desk Concerts zu Gast war, gehörte sie mit ihrer traditionell klingenden Cuatro zum Line-up seiner Band. Für Fabiola Méndez war das ein wichtiger Schritt. Denn die Mini-Konzerte, seit 2008 vom unabhängigen National-Public-Radio-Netzwerk Amerikas als Video-Auftritte organisiert, haben sich über die Jahre hinweg als erfolgreiche Musik-Events etabliert und sind längst ein Motor für Karrieren. Daher häufen sich auch bei Fabiola Méndez seit Tiny Desk mit Bad Bunny und ihrem eigenen Stream-Auftritt in der Reihe die Angebote.

Der Jazzsommer lädt die Sängerin, Songwriterin und Spezialistin für das zehnsaitige Nationalinstrument Puerto Ricos am 31. Juli nun in seinen Night Club. Und öffnet damit das musikalische Festival-Spektrum neben Kuba in eine weitere Richtung der Latin-geprägten und Jazz-getönten Musik.
Überhaupt ist es eine bunte stilistische Mischung, die der SZ-Journalist Oliver Hochkeppel, seit vier Jahren künstlerischer Leiter des Jazz Sommers, präsentiert. Mit dem Sirius Quartet und Joo Kraus bringt er am 28. Juli ein zeitgenössisch klassisches, aber ebenso jazzend versiertes Streichquartett mit Trompete und Electronics zusammen.

Der kanadisch-amerikanische Multiinstrumentalist Jowee Omicil lädt sich am 29. Juli die marokkanische Sängerin Malika Zarra in die Band und verknüpft eigene Haitinische Wurzeln mit nordafrikanischen Einflüssen. Der spanische Pianist Daniel Garcia Diego orientiert sich am 30. Juli einerseits am Flamenco-Jazz seiner Heimat, blickt mit seinem Trio stilistisch aber längst auch in Richtung Karibik. Und am Schluss des Festivals sorgen der Pianist Tord Gustavsen und der Saxofonist Trygve Seim am 1. August als Premiere in der Duo-Konstellation für eine musikalische Entschleunigung im Stil des skandinavischen Kammerjazz.
Der große stilistische Bogen von Havanna bis Oslo ist zum einen eine programmatische Entscheidung. Er ist darüber hinaus auch ein Zeichen, wie komplex es inzwischen geworden ist, Festivals zu gestalten, die sich nicht auf einen klar begrenzten Bereich festlegen wollen.

Seit 1991 bereits ist der Bayerische Hof Teil des ein Jahrzehnt zuvor im Amerikahaus ins Leben gerufenen Klaviersommers. So wie sich das ursprüngliche Profil mit Piano-Schwerpunkt schnell auf andere Konstellationen ausweitete, machte auch der Jazzsommer über die Jahre mehreren Transformationen mit. Seit 2006 ist das Hotel am Promenadeplatz der einzige Veranstaltungsort und bündelt die Konzerte in seinen Räumlichkeiten. Das ist Chance und Grenze zugleich. Denn einerseits muss das Publikum nicht von Ort zu Ort ziehen, um die Konzerte zu erleben. Andererseits ist es eine Herausforderung, in einem Hotel mit Gastbetrieb das Flair eines Festival-Flows zu entwickeln, in dem sich die Menschen treiben lassen können.
Der Jazzsommer verknüpft daher die Konzerte mit ergänzenden Ausstellungen wie in diesem Jahr den berühmten Fotografien, die Ralph Quinke in Malibu von Miles Davis in der „Tutu“-Phase gemacht hat. Oder man kann sich über die Konzerte hinaus auch in den hauseigenen Cinema-Lounge niederlassen, um Musik-Filme zu genießen. Der Sprung aus dem Haus heraus jedoch bleibt aus. Fasst man das global gedachte Festival-Motto daher etwas kleiner und fragt danach, was München brauchen könnte, wäre ein umfassend in der Stadt verankertes internationales Jazzfestival durchaus eine Option. Kulturell größer denken, statt sparen – „What The World Needs Now“.
Jazz Sommer, Montag 27. Juli bis Samstag 1. August 2026, Bayerischer Hof

