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Jazz:Wonach ihr der Kopf steht

Johanna Summer © ACT / Gregor Hohenberg

Jung, aber schon facettenreich: Jazzpianistin Johanna Summer gehört zu den großen Hoffnungen des deutschen Jazz. München ist ein gutes Pflaster für sie, 2018 gewann sie den "Jungen Münchner Jazzpreis", jetzt residiert sie zwei Monate im Künstlerhaus der Stadt "Villa Waldberta".

(Foto: ACT/Gregor Hohenberg)

Jazzpianistin Johanna Summer ist Stipendiatin an der "Villa Waldberta", arbeitet dort an neuen Ideen - und stellt ihr erstaunliches, aktuelles Album vor

Von Oliver Hochkeppel

Mit dem Wetter haben sie kein Glück. Als die Pianistin Johanna Summer und der Sänger Atrin Madani am vergangenen Mittwoch in der Villa Waldberta ankamen, kippte es gerade. Seitdem liegt das imposant über dem Starnberger See thronende "Künstlerhaus der Landeshauptstadt München" in Feldafing fast durchgehend in Wolken und Regen. Trotzdem waren Summer und Madani vom Zauber des Ortes gefangen, vom Prunk der Gründerjahre, von der Burgromantik samt Park und dem Turm, von dem aus man den kompletten See überblicken kann. Musiker sind üblicherweise Reisende, jetzt waren sie in Zeiten der Corona-Isolation glücklich, mal wieder aus Berlin herauszukommen. Die aus Plauen stammende Johanna Summer, die ohnehin nur deshalb in der ungeliebten Hauptstadt lebt, weil es beruflich so viele Vorteile hat, genauso wie der waschechte, aus Schöneberg stammende Berliner mit iranischen Wurzeln Atrin Madani.

Seit 1982 bewohnen Künstlerinnen und Künstler monatsweise die fünf Appartements dieses 1902 von einem niederländischen Verleger als "Felsenheim" erbaute, 1925 vom deutschstämmigen New Yorker Arzt Franz Koempel übernommene und schließlich nach Kriegs- und Nachkriegs-Interimsverwendungen von seiner Frau Berta der Stadt München als Stiftung überlassene Traumschloss. Seit 2005 im Rahmen von Stipendien, die an städtische Projekte oder die Kooperation mit einer Münchner Kulturinstitution gebunden sind. "Diese Bindung an städtischen Einrichtungen hat den Blick etwas verengt und die Auswahl eingeschränkt, mitunter ist der Aufenthalt zur Hotelalternative geworden, bei der die Künstler dann tagsüber in der Stadt waren, aber hier nichts passiert ist", konstatiert Martin Rohmer vom Kulturreferat, der vor gut einem Jahr die Leitung übernommen hat. Damit der Genius loci der Villa Waldberta wieder mehr Ausdruck in künstlerischen Projekten findet, will er auf ein Ausschreibungsmodell übergehen, den Weg dahin über Kulturausschuss und Stadtrat hat er vor der Corona-Krise geebnet.

Der Aufenthalt von Summer und Madani ist jedenfalls ein Versuchsballon. "Musiker waren hier bisher unterrepräsentiert", sagt Rohmer, was der Besucher schon am eher mäßigen und herzhaft verstimmten Klavier erkennen kann - eine der ersten Aktionen nach Summers Ankunft war die, einen Klavierstimmer zu holen. Um das zu ändern, wandte er sich an Christiane Böhnke-Geisse, die als eine Art Kuratorin geeignete Kandidaten für die Villa Waldberta finden soll. Bis 2014 war Böhnke-Geisse mehr als 20 Jahre lang als Programmchefin entscheidend daran beteiligt, die Unterfahrt zu einem der besten europäischen Jazzclubs zu machen. Seit zwei Jahren leitet sie das "Schwere Reiter" im Kreativquartier, eine Spielstätte mit Schwerpunkt auf Neue Musik, und sie sitzt in diversen Musikjurys - was alles zusammen zu Johanna Summer als erstem Vorschlag führte.

2018 nämlich gewann Summer den Jungen Münchner Jazzpreis, und das auf so eindrucksvolle Weise, dass sie fortan nicht nur bei Böhnke-Geisse auf dem Zettel stand. 40 Minuten lang improvisierte sie pausenlos und Medley-artig über diverse Standards, ohne die Spannung oder ihren eigenen Ausdruck zu verlieren. Eine hohe Kunst, an der schon die besten Jazzpianisten gescheitert sind, weshalb SZ-Kritiker Ralf Dombrowski auch von einer "großartigen Siegerin und einer kleinen Sensation" sprach. Umso bemerkenswerter, weil die damals gerade 23-Jährige eigentlich ein Spätstarter ist. Zwar waren Talent wie Spaß an der Musik früh erkennbar, doch Summer hatte viele Interessen, wäre auch gerne Fußballerin geworden. Erst mit 16 kristallisierte sich heraus, dass "Klavierspielen das ist, was ich am besten kann und was mich am meisten catcht," wie sie sich erinnert. Mit Pop und Klassik aufgewachsen, folgten an der Musikschule und bei "Jugend musiziert" die entsprechende Grundausbildung. Zum Improvisieren kam sie erst beim Studium an der Musikhochschule Dresden, der legendäre Freejazz-Drummer Günter "Baby" Sommer war ein entscheidender Impulsgeber. Ihr 2016 während des Studiums gegründetes Trio mit Tobias Fröhlich am Bass und Jan-Einar Groh am Schlagzeug machte dann schnell auf sich aufmerksam, bereits 2017 konnte man das erste Album "Juvenile" veröffentlichen.

Der Gewinn des Solistenpreises des Jungen Deutschen Jazzpreises 2019 rief dann endgültig Siggi Loch auf den Plan, den Chef des Münchner Jazz-Labels Act. Passte Johanna Summer doch gleich in zwei seiner Programm-Schwerpunkte: Zu den zahlreichen Aufnahmen mit herausragenden Jazz-Pianisten wie zur Reihe "Young German Jazz", die einst mit Michael Wollny startete, dem inzwischen wohl prominentesten deutschen Jazzpianisten. An den erinnert einiges bei Summer, zum Beispiel der enge Bezug zur klassischen Romantik. So heißt Summers Ende April erschienenes Act-Debüt auch "Schumann Kaleidoskop", und darauf sind nicht etwa Jazz-Standards die Vorlagen für ihre Solo-Improvisationen, sondern eben Werke von Robert Schumann. Also etwas, das sie schon seit der Kindheit begleitet, gehörten doch die "Kinderszenen" und das "Album für die Jugend" zu ihren frühesten Eindrücken als Musikhörerin wie als Klavierschülerin - zumal der Zwickauer Schumann auch noch ein Kind und Held ihrer Heimatregion ist.

Es ist ein erstaunliches Album geworden, virtuos, spannend, voller Eigenleben und mit kluger Dramaturgie, damit angefangen, dass Summer immer zwei eigentlich gegensätzliche Stücke zusammenspannte. Auch wenn die geplante Release-Tour jetzt erst einmal ausgefallen ist, ist die Szene hellhörig geworden. Und Summer freut sich über die merkliche Aufmerksamkeit, zu der sie auch die Einladung auf die Villa Waldberta zählt. Zwei Monate wird sie in Feldafing bleiben, für einen Monat hat sie Atrin Madani mitgebracht, einer der ersten, mit denen sie nach ihrem Umzug nach Berlin zusammenarbeitete. Seit 2018 sitzen die beiden auch gemeinsam im BundesJazzorchester (Bujazzo), der Kaderschmiede der deutschen Jazzjugend, in der jedes Mitglied einen Zweijahresterm mitmachen darf. "Wir haben eine unglaubliche Zeit erwischt," berichtet Summer, "wir waren im Vergleich zu den Jahrgängen davor extrem viel unterwegs, zweimal in den USA, in Kanada, in Israel. Wir haben großes Glück gehabt."

Für ihre Zeit in Feldafing haben sich die beiden gleich am ersten Tag auf das Erarbeiten eines "West Side Story"-Programms geeinigt. Vielleicht schon eine Vorlage fürs nächste Act-Album, ist Siggi Loch doch ein ausgewiesener Freund von Konzepten, die Bekanntes und Beliebtes neu und persönlich aufarbeiten. Das Konzert zum Villa-Waldberta-Aufenthalt bestreitet Summer freilich alleine, mit ihrem Schumann-Programm am Freitag, 3. Juli, von 20.30 Uhr bis 21.30 Uhr im Schwere Reiter. Live und als Stream. In dieser Kombination ist dann auch ein Auftritt in der Unterfahrt geplant, am Samstag, 25. Juni, 20.30 Uhr mit ihrem Trio - "das auch völlig anders klingt als noch vor einem Jahr", wie sie mit leuchtenden Augen erzählt.

© SZ vom 10.06.2020

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