Sommerzeit ist Festivalzeit, und so schwärmen auch die Münchner Jazz- und Weltmusikfans seit jeher gerne aus. Für herausragende Musikerlebnisse mit Festivalflair muss man gar nicht weit fahren. Ein nach Entfernung gegliederter Überblick aus Münchner Perspektive.
Rundreise um den Starnberger See

Wirklich nur ein Katzensprung ist es zum Starnberger See, wo vom 7. bis 16. August zum 14. Mal das Seejazz Festival stattfindet. Zwischen 25 Kilometer – nach Starnberg – und 40 Kilometer ist die Reise lang, wandern die Konzerte doch seit jeher an die schönsten Spielorte rund um den See.
Los geht es am 7. August mit dem österreichischen Duo des grandiosen Pianisten David Helbock und der nicht minder eindrucksvollen Bassistin Julia Hofer im Rittersaal des Schlosses Kempfenhausen. Am 12. August ist der Münchner Gitarrist Vlado Grizelj (Etna, Passo Avanti) mit seinem Quartett und dem 30 Karrierejahre bilanzierenden Programm „Purple Sky“ auf dem Tutzinger Museumsschiff zu Gast.
Mit der Barrelhouse Jazzband gibt sich am 13. August im Pallaufsaal in Münsing die älteste nicht-institutionelle Jazzband Europas und immer noch eine der besten Traditional-Truppen die Ehre. Ein Revival erwartet einen am 15. August im Bürgersaal Feldafing: Die alten Recken Joerg Widmoser, Peter Wölpl, Peter Christl und Harald Rüschenbaum lassen mit UP ihre Latin-Fusionband der Achtzigerjahre wieder aufleben. Und am 16. August beschließt die Schweizer Band SoulVision im Pöckinger beccult das Festival mit einem „Tribute To James Brown“.
14. Seejazz Festival, Samstag bis Sonntag, 7. bis16. August, diverse Spielorte, www.seejazz.de
Zwischen Rosen und Brunnen

Schon voll im Gange ist der Augsburger Jazzsommer, der 80 mit dem Zug wie mit dem Auto zügig erreichbare Kilometer entfernt ist. Er besticht nicht zuletzt durch das Setting: Wie gewohnt treten auch bei der 34. Ausgabe internationale Stars mittwochs im Rosenpavillon des Botanischen Gartens auf. Noch zu sehen sind der im Quartet von Branford Marsalis berühmt gewordene Ausnahmepianist Joey Calderazzo mit seinem Trio (29. Juli), das Oktett der Berliner Pianistin und ECM-Künstlerin Julia Hülsmann (5. August) und zum Festivalabschluss der Vibrafonist und Lokalmatador Wolfgang Lackerschmid. Der ehemalige Chet-Baker-Weggefährte bereitet sich mit seinem international besetzten All-Star-Quartett groovend auf seinen 70. Geburtstag im September vor (12. August).
Noch nicht so berühmte Jazzer bespielen samstags den Brunnenhof im Zeughaus. Hier stehen noch an: das Quartett der jungen Gitarristin Christina Zurhausen, die Grungerock mit Modern Jazz verschmilzt (25. Juli) sowie das preisgekrönte, aus der Amsterdamer Jazzszene rekrutierte Quintett des britischen Saxofonisten Sam Newbould (1. August). Und das Trio des Schlagzeugers und Komponisten Olivier Le Goas, bei dem sich der Veteran der französischen Szene mit jungen Talenten aus den USA und Norwegen zusammengetan hat (8. August).
34. Internationaler Augsburger Jazzsommer, noch bis Mittwoch, 12. August, Botanischer Garten und Brunnenhof Zeughaus, augsburger-jazzsommer.de
Offen für Experimente

135 äußerst malerische Kilometer, entweder über Lenggries an der Isar entlang oder über den Tegernsee, dann den Achensee entlang – so gelangt man in die Silberstadt Schwaz zum Outreach Festival, das traditionell am ersten Augustwochenende stattfindet. Der seit dem Studium in New York lebende Trompeter Franz Hackl gründete es 1993 in seiner Geburtsstadt, um die Verbindung zur Heimat zu halten.
Interdisziplinär, genreübergreifend, ganzheitlich, innovativ, das sind die Leitlinien des inzwischen von Hackl und dem Bassisten Clemens Rofner gemeinsam geleiteten Festivals. So ist das Outreach bis heute offen geblieben für Experimente, für Grenzgänge hin zur Performance und für das Aufgreifen gesellschaftspolitisch relevanter Themen. Ein Beispiel dafür ist schon das in der Corona-Ausgabe aus Not eingeführte, aber seither beibehaltene Prinzip, dass die drei Bands der drei Abende jeweils gemeinsam auf der großen Bühne im SZentrum stehen und abwechselnd drei Sets spielen. Ungewöhnliche Bögen kann man so erleben. Am ersten Abend geht es vom gesetzten Outreach Orchestra, in dem Hackl langjährige Weggefährten aus Europa und den USA versammelt, über das frisch gegründete internationale Quartett The Earth Synth zum Trio des New Yorker Pianisten und Produzenten Spike Wilner.
Der Freitag steht stark unter Münchner Vorzeichen. Gesellt sich doch Gregor Hübners Munich Composer Collective neben das Nils Kugelmann Trio, das ja ebenfalls eine Münchner Band ist – auch wenn der Bandleader inzwischen nach Berlin abgewandert ist. Das großartige britische Quartett Riversphere des Saxofonisten Iain Bellamy (mit dem herausragenden Gitarristen Rob Luft) komplettiert diesen Abend. Am Samstag steht das Beste der jungen österreichischen Szene im Mittelpunkt: das Trio des Gitarristen Kenji Herbert und das Quartett Sweetlife der Saxofonistin Yvonne Moriel (siehe Jazzfestival Saalfelden). Als Glanzlicht kommt der ukrainische Pianist Vadim Neselovski dazu. Er präsentiert seine brandneue Suite „Perseverantia“, eine natürlich von den Vorgängen in seiner Heimat inspirierte Reflexion über Mut, Resilienz und Hoffnung in Zeiten existenziellen Widerstands.
Schon lange sind die drei Konzertabende im SZentrum nur der Kern des Festivals. Die „Outreach Academy“ für den Nachwuchs startet schon Wochen vorher. Die traditionelle Ausstellung eines bildenden Künstlers wird in der erstmaligen Kooperation mit „kunst4life“ zu einer Gemeinschaftsausstellung des ARTforums Telfs samt „Days of Art“ mit Diskussionen und Live-Musik im Matoi-Haus erweitert. Und wie schon in den Jahren zuvor präsentiert sich der überwiegend heimische Nachwuchs bereits vom 3. August an auf der Surheim Stage, dem Showroom der Hackl'schen Trompetenwerkstatt.
34. Outreach Music Festival, Donnerstag bis Samstag, 6. bis 8. August, Silbersaal SZentrum Schwaz, outreachmusic.org
Marathon in den Bergen
150 Kilometer, und man gelangt zu einem Branchenprimus: Im vergangenen Jahr wurde das Jazzfestival Saalfelden vom Europe Jazz Network mit dem „Award for Adventurous Programming“ ausgezeichnet. Das Festival im Salzburger Land gehört seit 46 Jahren zu den Pflichtterminen der Jazz-Afficionados. Ein Drittel der inzwischen fast 30 000 Besucher kommt nach Erhebungen des veranstaltenden Tourismusverbands aus Bayern.
Seit Mario Steidl 2004 die Intendanz übernommen hat, läuft hier vor allem, was jung, wild und angesagt ist. Und das vier Tage lang nahezu rund um die Uhr. Auf der Mainstage im Kongresszentrum, bei den „Short Cuts“ im Kunsthaus Nexus, in der Otto-Gruber-Halle, im Stadtpark und auf diversen Almen und Wanderungen. Fast 60 Konzerte sind es wieder, mehr als die Hälfte davon kostenlos.
Zu den Highlights gehören die wegweisenden US-Bands Chicago Underground Duo (mit Rob Mazurek und Chad Taylor), Yeah NO (mit Chris Speed, Jim Black, Skúli Sverrisson und Cuong Vu) und das Before the Bloom-Quintett von Marta Sanchez Quintet. Europäische Stars sind unter anderem das neue Duo von Andreas Schaerer und Daniel Garcia, das französische All-Star-Quartett Sauvages Paradis oder die norwegische Flötistin Henriette Eilertsen.
Das stets mit einem Kompositionsauftrag verbundene Mainstage-Eröffnungskonzert am Freitag bestreitet heuer die Saxofonistin Yvonne Moriel mit einem eigens dafür zusammengestellten internationalen Sextett. „Strange Motion“ heißt ihr Projekt. Das vielleicht nachhaltigste Eröffnungsprojekt fand vor zehn Jahren statt: Dafür gründete der Bassist Lukas Kranzelbinder Shake Stew, mittlerweile vielleicht die erfolgreichste österreichische Jazzband. Anlässlich dieses Jubiläums gibt es nun „The Big Shake – A Saalfelden Homecoming“. Gemeinsam mit Bürgermusik und Eisenbahnermusi zieht Shake Stew vom Rathausplatz zum Congress und bringt den Saalfeldener Stadtkern zum Beben.
46. Jazzfestival Saalfelden, Donnerstag bis Sonntag, 20. bis 23. August, verschiedene Spielorte, jazzsaalfelden.com
Die ganze Welt in der Altstadt

Und noch ein Branchenprimus, zwar 170 Kilometer entfernt, dafür aber mitten in Bayern (auch wenn das manche Franken anders sehen): Das Nürnberger Bardentreffen ist das größte Weltmusikfestival Europas, obendrein als „Kultur für alle“ komplett eintrittsfrei. Rund 200 000 Besucher wälzen sich jährlich an drei Tagen zu den acht Bühnen des offiziellen Programms durch die Altstadt. Zugleich tummeln sich dort Hunderte Straßenmusiker.
Eine immense Klangwolke des globalen Pop mit allen Facetten ist aus dem kleinen Treffen politisch bewegter Liedermacher anno 1976 geworden. Und wie die Jahreszahl verrät, gibt es heuer doppelten Grund zum Feiern: 50 Jahre Bardentreffen und den 450. Todestag des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs, zu dessen Ehren das Bardentreffen damals ins Leben gerufen wurde. Das zu diesem Anlass besonders üppige Programmheft lässt die Geschichte des Festivals vielschichtig Revue passieren.
Aber im Kern geht es wie immer ganz um die Gegenwart und ihre musikalischen Interpretatoren. Auf den acht Bühnen des offiziellen Programms sind bei 76 Konzerten und Veranstaltungen unter anderem zu erleben: die mit dem österreichischen Amadeus Award ausgezeichnete Rapperin Nenda und ihr Landsmann, der Singer-Songwriter und Blues-Virtuose Norbert Schneider; die portugiesische Sängerin Joana Amendoeira mit dem brasilianischen Gitarristen Fred Martins und der bayerische Volksmusikerneuerer und Scharfrichterbeil-Preisträger Maxi Pongratz; die italienische Stimmakrobatin Lavinia Mancusi und die katalanische Sängerin Magalí Sare mit Manel Fortià am Kontrabass. Und so viele mehr.
Bardentreffen Nürnberg, Donnerstag, 30. Juli, bis Sonntag, 2. August, Altstadt Nürnberg, bardentreffen.de
Für Fans der Gitarre

Von der Stadt aufs Land: Nur ein paar Kilometer weiter liegt Hersbruck im Nürnberger Land. Ein Städtchen ohne überregionale Attraktionen, das aber der Gitarrist Johannes Tonio Kreusch in den vergangenen 20 Jahren für viele zu einem wichtigen Punkt auf der Landkarte gemacht hat. Als künstlerischer Leiter hat er das Internationale Gitarrenfestival Hersbruck zu einem der wichtigsten seiner Art und einem Mekka für Freunde der sechs Saiten aus aller Welt gemacht.
Weil er, selbst ein anerkannter Virtuose der klassischen Gitarre, dank seiner Kontakte auch große Namen ins Nürnberger Land locken konnte. Aber auch, weil er als einer der Ersten mit der Spezialisierung der meisten anderen Gitarrenfestivals brach. Von der spanischen bis zur Gypsy-Gitarre, vom Fingerstyle bis zum Flamenco, vom Barock bis zum Jazz: Alle Facetten der akustischen Gitarre finden hier Platz und Gehör. Nicht nur in den Konzerten, sondern begleitet von Vorträgen, Ausstellungen und einem umfangreichen Workshop-Programm, bei dem auch die auftretenden Stars mitmachen. Mit dem AOK-Bildungszentrum hat man ein veritables Festival-Zentrum, mit der Geru-Halle inzwischen einen zentralen Konzertort gefunden.
Und das Konzept verfestigt. Bei der 26. Ausgabe vom 8. bis 14. August sind mit Ausnahme des Tango-Nuevo-Abends, den die Jazz-affine Akkordeonistin Louise Jallu mit ihrer Band bestreitet, und der „Noche Flamenco“ mit Karen Lugo und dem Chicuelo Trio alle Abende mit Doppel-, zweimal sogar mit Dreifach-Konzerten bestückt. Das reicht von der „Blues-Night“ mit Al Jones und Hollie Rogers über die „Classical Guitar Gala“ mit Philippe Villa, Marcin Dylla und Pavel Steidl, die „Fingerstyle Night“ mit Yuliya Lonskaya, Alexandr Misko und Petteri Sariola bis zu „Art of the Duo“ mit dem Amadeus Guitar Duo und dem Duo Adam Woch & Robert Guzik und dem abschließenden „Guitars Unlimited“-Abend. An dem stellen erst die „Hersbruck Festival Strings“ vor, was sie im Laufe der Tage unter der Leitung von Jürg Kindle erarbeitet haben. Dann geht es mit dem vietnamesisch-französischen Jazzgitarren-Star Nguyên Lê und dem Drum’n’Koto-Trio des kanadischen Bassisten Chris Jennings, das auf einzigartige Weise Jazz mit traditioneller fernöstlicher Musik verbindet, auf die Schlussrunde.
26. Internationales Gitarrenfestival Hersbruck, Samstag bis Freitag, 8. bis 14. August, gitarre-hersbruck.de
Jazz-Woodstock
Zum Abschluss noch einmal 175 Kilometer in die andere Richtung. Näher als die Oberpfalz oder Franken liegt für viele Oberbayern Diersbach, eine kleine österreichische Gemeinde hinter Schärding – Heimat des Inntöne Festivals mit dem schönen, weil treffenden Untertitel „Jazz auf dem Bauernhof“. Vermutlich wird deshalb auch dieses Festival von ebenso vielen bayerischen wie österreichischen Jazzfreunden frequentiert. Schon seit der Posaunist, Label-Chef und Groß-Impresario (unter anderem für den Jazz in Passau) Paul Zauner sein 1995 noch anderswo gegründetes Festival aus Ärger über abspringende Spielorte 2002 einfach auf den elterlichen Bauernhof verpflanzte. Erst recht, seit er es während Corona von Pfingsten auf Juli und von der Scheune auf die Wiese verlegte und in ein wahres Jazz-Woodstock verwandelte.
Weil das ein vom Wetterglück abhängiges enormes finanzielles Risiko darstellt, geht Zauner heuer erstmals in den August (vom 14. bis 16.) und (leider) mit den Hauptacts zurück in die Scheune. Da wird es wieder eng werden, bei all den prominenten, zumindest interessanten Namen, die Zauner aufbietet. Er hatte nämlich schon immer ein Näschen für kommende Größen. Stars wie Gregory Porter, Jazzmeia Horn oder Kamasi Washington haben hier schon gespielt, als sie noch nicht berühmt waren.
Wobei die meisten der diesjährigen Gäste zumindest in der Jazzwelt bereits einen herausragenden Rang einnehmen. Wie zum Beispiel der französische Bassist Stéphane Kerecki, der sein tolles neues Quartett-Projekt „Liberation Songs“ vorstellt. Oder der polnische Piano-Virtuose Krzysztof Kobyliński, der solo spielen wird. Oder der New Yorker Tenorsaxofonist JD Allen, der schon mit zahlreichen Größen von Betty Carter bis Geri Allen arbeitete. Oder der technisch unfehlbare, in allen Genres beheimatete Trompeter Markus Stockhausen. Oder das Duo der Free-Veteranin Aki Takase mit dem Saxofonisten Daniel Erdmann. Oder die schwedische Multiinstrumentalistin, Sängerin und Enterainerin Gunhild Carling, die schon mit Postmodern Jukebox oder dem Count Basie Orchestra auftrat und 70 Millionen Aufrufe auf Youtube hat. Die Genannten ergeben nicht einmal die Hälfte des Programms, sind aber für Kenner schon Grund genug, alles andere Mitte August abzusagen.
Inntöne Jazzfestival, Freitag bis Sonntag, 14. bis 16. August, Diersbach bei Schärding, inntoene.com

