Der „Jazz Sommer“ im Bayerischen Hof ist reich an Superlativen und Alleinstellungsmerkmalen. Schließlich ist er nicht nur das größte und langlebigste internationale Festival seiner Art in München, er ist auch das einzige – 1991 hervorgegangen aus dem ruhmreichen, von Friedrich Gulda getragenen Münchner Klaviersommer. Im traditionsreichen Nobelhotel der Stadt werden auch im Juli 2024 wieder einige aufsehenerregende Jazzkonzerte laufen, wie neulich bei der Programmpräsentation hervorgehoben wurde. Etwa mit dem mehrfach prämierten Gitarrenstar Al Di Meola zur Eröffnung im Festsaal am Dienstag, 16. Juli. Oder mit „der besten Entertainerin des Business“: China Moses. Oder bei einem „Munich Special“ mit dem „groovigsten Trio, das die Stadt zu bieten hat“. Dazu gibt es die Ausstellung „eines der gefragtesten Profi-Fotografen“, Mike Meyer, sowie Musikfilme im „bequemsten Kinosaal Münchens“ direkt im Haus.
Davon könnte die Herzenskämpferin für den „Jazz Sommer“, Hotel-Chefin Innegrit Volkhardt, also durchaus laut und stolz erzählen. Was zum diesjährigen Motto passt, nämlich „Loud and Proud“ – wobei sich dieses eher auf „Jazz als Musik der Befreiung, des Widerstands und des Empowerments bezieht“ und auch auf sein Potenzial für „mitreißendes Entertainment, das auch Spaß machen darf“.
Genau daran hapert es allerdings, zumindest in der Vorstellung der erhofften Besucher. Viele ließen sich im Vorjahr beim Neustart des Festivals nach der Pandemie eben nicht so mitreißen zu den Konzerten unter dem Motto „Bummel durch Europa“; selbst beim Auftritt der Lokalheroen der Jazzrausch Bigband mit eigens dafür geschriebenem Programm im 1500 Menschen fassenden Festsaal blieben etliche Plätze leer, wie der neue Jazzsommer-Leiter, der Kulturjournalist Oliver Hochkeppel, einräumen muss.
Innegrit Volkhardt erkennt darin eine gewisse Schwellenangst vor dem ehrenwerten Haus. Während es für die Übernachtungsgäste wohl ein Hochgefühl darstellt, durch die goldglänzende Drehtüre einzuschreiten, trauen sich offenbar viele Musikfans nicht so recht herein zu den Konzerten, gerade die jungen nicht. Der Instagram-Generation, die zum Michael-Jackson-Memorial auf dem Promenadeplatz pilgert, ist offenbar nicht bewusst, dass dieser und etliche Weltstars dieses Hotel zu einem Musikerhotel gemacht haben.

Um die Attraktivität zu steigern, läuft seit dem Neustart beim „Jazz Sommer“ schon einiges anders: So sind die Drinks etwas günstiger als üblich, und sobald gespielt wird, bleiben die Türen zum Night Club zu und die Leute sind angehalten, nicht respektlos zu schwätzen – das soll den Konzertgenuss für alle steigern. Schließlich verspürt die Hausherrin einen „Auftrag“, diese ihre Lieblingsmusik an den Mann und an die Frau zu bringen. Das beste Mittel ist immer noch ein gutes Konzert: „Ich bin selbst durch ein Live-Erlebnis zum Jazz gekommen“, sagt sie.
Und wer sind nun die Zugnummern des diesjährigen Festivals? Allen voran Al Di Meola, italienischstämmiger Gitarrenguru aus New Jersey, durch die Liebe, Freunde und den Beruf schon lange eng verbunden mit München. Der Tausendsassa hat schon als 19-Jähriger mit der Band von Chick Corea, Return To Forever, im Circus Krone gespielt – und damals auch einen Grammy erhalten. Zusammen mit Paco de Lucia und John McLoughlin schuf er 1981 den Gitarristen-Klassiker „Friday Night in San Francisco“, er galt lange als schnellster Gitarrist der Welt, wurde mehrmals als „Best Jazz Guitarplayer“, aber auch als „Best Acoustic Guitarplayer“ ausgezeichnet. Zu seinem Jubiläum „50 Jahre auf der Bühne“ und kurz vor seinem 70. Geburtstag taucht er beim „Jazz Sommer“ noch einmal in die große Ära seiner Karriere ein und reaktiviert seine Electric Band, mit der er die bahnbrechenden Fusion-Alben wie „Land of The Midnight Sun“, „Elegant Gypsy“ und „Casino“ aufgenommen hat. Noch eine Legende hat er – erstmals auf der Bühne – dabei: Seine 1971er-Les-Paul-Gitarre, die er damals im Studio spielte.

Di Meola steht sicher für das „loud“ des Mottos, das Verstärkte, das Überwältigende. Das Programm legt die Betonung aber auf das „Proud“, den Stolz, den diese einst in der Subkultur, vor allem in der afroamerikanischen Jugend wuchernde Widerstandsmusik weiterträgt. Dafür steht beim „Jazz Sommer“ zum Beispiel Jacques Schwarz-Bart, Sohn des berühmtesten Literaten-Paares aus Guadeloupe. In seiner Musik bringt der Saxofonist den Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit zum Ausdruck. So verarbeitet er mit „The Harlem Suite“ seine Erfahrungen in New York und repräsentiert im bunten Kollektiv Black Lives „die vielfältigen Erscheinungsformen des Lebens der Schwarzen auf der Welt“, wie es im Programmheft heißt. Dabei bringt „Brother Jacques“ oft seine kreolischen und seine jüdischen Wurzeln mit ein, etwa 2005 im Album „Sone Ka La“, dessen Fortsetzung „Sone Ka La 2 – Odyssey“ er nun erstmals mit einer Allstar-Band am 16. Juli in München präsentiert, laut Programm-Info „eine brillante Verknüpfung von Jazz mit der Zouk- und Gwo-Ka-Musik aus Guadeloupe“.
Aus dem französischen Übersee-Departement stammt auch Malika Tirolien, die seit 20 Jahren in Kanada lebt. Die Sängerin gewann ihren ersten Grammy 2013 als Mitglied des umtriebigen Urban-Jazz-Kollektivs Snarky Puppy. Dessen Boss Michael League soll quasi für Tirolien die Gruppe Bokante gegründet haben, in der sie ihre Stimme soulig und funkig und mit kreolischen Texten ausleben darf. Ihre „starke kreolische Persönlichkeit“ (Programminfo) lebt sie aber auch in ganz eigenen Neo-Soul-Projekten aus – afrofuturistisch, spirituell, mit psychedelischen Synthieklängen, Dance-Beats und Rap.
Sie erzählt, sie tänzelt, sie strahlt – und sie bringt mit ihrer Stimme Soul und Blues zum Leuchten: China Moses ist die sympathische Diva, die Verführerin des „Jazz Sommers“. Die Tochter von Dee Dee Bridgewater, aufgewachsen in Los Angeles und Paris, ist ein Multitalent. Sie glänzte in eigenen TV- und Radio-Shows in Frankreich und England, in Musical-Hauptrollen (etwa in „Cabaret“ oder als Billie Holiday), in US-Fernsehserien und Shows. Ganz pur kann man China Moses im Bayerischen Hof erleben, wenn sie nur vom Pianisten Joel Holmes begleitet Kostproben ihres neuen Albums „It’s Complicated“ gibt (18. Juli).

„Der nächste große Star der Musikszene“, das wird für Gregory Potter die Kennedy Administration sein. Deren Anführerin, LaToya Kennedy aus Detroit, machte sich in New York mit ihrem sechsjährigen Dauer-Engagement im Jazzclub „Groove“ einen Namen. Zusammen mit ihrem musikalischen Direktor Ondre J. Pivec arbeitete sie sich zunächst durchs Black American Songbook, längst triumphieren sie mit eigenen Stücken zwischen Soul, Modern Jazz, Hip-Hop und Pop (19. Juli).
Einmalig wird das „Munich Special“ zum Finale am 20. Juli. Den musikalischen Teppich legt ein Trio um den Keyboarder Matthias Bublath, den Bassisten Peter Cudek und den langjährigen Passport-Drummer Christian Lettner aus. Darauf dürfen dann Ehrengäste glänzen wie Ron Williams, Soulsänger, erster schwarzer Kabarettist Deutschlands, erster Hud im Musical „Hair“ hierzulande, stets ein Leuchtturm der Schwarzen-Bewegung. Dazu kommen vier Sängerinnen: Eva Ahoulou, mit Bublath am gerade mit dem deutschen Jazzpreis beteiligten BR-Projekt „Challenge 1923“ beteiligt. Karoline Weidt aus München, die mit ihrem Debüt-Album „The Dream“ die Szene entzückte. Norisha Campbell, einst Volleyballerin im US-Olympiateam, jetzt ebenso erfolgreich als Soul-Champion. Und Kaye-Ree, die Stars wie Busta Rhymes oder Kurtis Blow unterstützte, jetzt ihre persischen Wurzeln im Soul aufgehen lässt, die aber auch mit ihrer Version von Bob Marleys „Is This Love“ bei „The Voice“ Millionen im TV und bei Youtube entzückte. Junge Soul- und Jazzstars mit großem Internet-Fan-Schwarm – auch darin könnte die Zukunft des Münchner „Jazz Sommers“ liegen.
„Jazz Sommer“ im Bayerischen Hof, Dienstag bis Samstag, 16. bis 20. Juli, München, Promenadeplatz 2-6, Telefon 089/2120920, www.bayerischerhof.de, Festivalticket für 160 Euro beim Concierge, Kinofilme in der Astor Cinemalounge: „Miles Ahead“, 16. Juli; „What happened, Miss Simone“, 17. Juli; „Back To Black“, 18. Juli, „The United States vs. Billie Holliday“, 19. Juli; „Whiplash“, 20 Juli
