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Jazz:Neuer Klang alter Kinoklassiker

Der Saxofonist Jason Seizer widmet sich auf seinem neuen Album "Vertigo" wieder der Filmmusik

Von Oliver Hochkeppel

Gerade ist sein Album "Vertigo" erschienen, und natürlich wäre der Saxofonist Jason Seizer mit seinem Quartett in diesem Monat auf Release-Tour gewesen, mit Auftritten beim Jazzfest München und beim Ammertöne Festival in Weilheim. Wenn die fehlende Live-Präsenz schon bei anderen Musikern ein heftiger Schlag ist, die neue Alben am Start haben, so trifft sie Seizer noch einen Tick härter. Einmal, weil er mindestens so viel hinter den Kulissen wie mit seiner Musik auf der Bühne unterwegs ist - ob als Programmmacher der Unterfahrt, dann seit 2003 als künstlerischer Leiter und Produzent des "Pirouet"-Labels (auf dem auch "Vertigo" erschienen ist) oder seit 2013 als Gastgeber seines "Jazz Salons" im Heppel & Ettlich. Nicht zuletzt deswegen ist "Vertigo" sein erstes Album seit fünf Jahren und obendrein eine Art Fortsetzung des zuletzt veröffentlichten "Cinema Paradiso": Ein 2018 im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks vor Publikum aufgenommenes Live-Album, das einmal das Momentum des Augenblicks der früheren Studio-Aufnahme gegenüberstellt, zum anderen zeigt, wie sich die neben Seizer mit Pablo Held am Klavier, Jonas Westergaard am Bass und Fabian Arends am Schlagzeug stimmig, nachhaltig und hochkarätig besetzte Band und ihr Projekt weiterentwickelt haben.

Jason Seizer; Jason Seizer

Pflegt einen eigenwillig puristischen, inzwischen lyrischer werdenden Ton: Saxofonist Jason Seizer.

(Foto: Konstantin Kern)

Wie der Titel schon verrät, hat sich Seizer wieder der Filmmusik zugewandt, was einige schon seinerzeit überraschend fanden: Ist Seizer doch ein reinrassiger Verfechter des auf die improvisatorische Freiheit pochenden Modern Jazz samt seiner prägenden rhythmischen, harmonischen und modalen Elemente. Was bei näherer Betrachtung kein Widerspruch ist. Viele der heutigen Jazz-Standards sind in den Fünfziger- und Sechzigerjahren als Filmmusik entstanden, und auch Seizer greift absolute Klassiker auf, sowohl was die Filme wie ihre Komponisten betrifft. Max Steiners "Camp By The Lake" aus John Fords "The Searchers" etwa, Alex North' "Streetcar Named Desire"-Titelmelodie oder titelgebend Bernhard Herrmanns "Love Theme" aus Hitchcocks "Vertigo".

Eigene Stücke wie Seizers "My Reverie" kommen nun dazu, doch auch sie klingen bis hin zum "Somewhere Over The Rainbow"-Zitat nach großem alten Kino. Getreu Seizers Credo werden die Melodien nur angedeutet, dienen vielmehr als Inspiration für eigene Variationen und Eingebungen. Und doch verleihen sie Seizers früher oft sehr sprödem Spiel eine lyrischere Note. Was hier in wundervoll genussreichem, immer spannendem Hardcore-Jazz mündet, geradezu zukunftsweisend konservativ.

Jason Seizer: "Vertigo", Pirouet Records

© SZ vom 26.11.2020
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