Jazz:Lieblich ist anders

Evelyn Huber

Die Harfe ist bei Evelyn Huber kein Hintergrundinstrument. Nicht bei ihrer Art zu spielen.

(Foto: Evelyn Huber)

Der Abschied von "Quadro Nuevo" fiel der Harfenistin Evelyn Huber nicht leicht. Doch sie hat genug Energie, um neu durchzustarten

Von Oliver Hochkeppel

Es war ein Abschied auf Raten. Seit 2008 war die Harfenistin Evelyn Huber festes Bandmitglied von Quadro Nuevo, der erfolgreichsten deutschen Welt- und Salonmusik-Truppe. Sie rückte als Nachfolgerin des verunglückten Gitarristen Robert Wolf an die Seite des Holzbläsers und Bandleaders Mulo Francel (mit dem Huber schon seit 1997 im Duo Tango Lyrico spielte), des Akkordeonisten Andreas Hinterseher und des Bassisten und Perkussionisten D.D. Lowka. Und ging fortan die extreme Schlagzahl mit, die Quadro Nuevo mit seiner Reiselust und dem enormen Pensum von gut 140 Konzerten pro Jahr vorlegte. Die Erosion begann vielleicht auf der Buenos-Aires-Tour für das Projektalbum "Tango" 2015. Auf die kam als fünfter Mann Chris Gall mit, seit langem einer der besten Jazzpianisten Deutschlands. Was Begehrlichkeiten beim Rest der Band weckte. Beim Großprojekt "Flying Carpet" vor drei Jahren fiel das noch nicht ins Gewicht, weil bei dem orchestralen ägyptisch-arabischen Verbund mit Cairo Steps ohnehin deren Pianist an Bord war. Doch spätestens vor "Mare", wo es mal wieder "zurück zu den Wurzeln", zu heiter-mediterraner Musik gehen sollte, wurde die Besetzung wieder ein Thema.

"Ich habe wirklich um meinen Platz in der Band gekämpft," sagt Huber, "doch was willst du mit einer Harfe ausrichten gegen das, was dir das Klavier von einem Weltmeister wie dem Chris anbieten kann." So wuchs Gall eben doch in die vierte Position hinein, und weil er auch noch eigene Jazz-Projekte hat, spielten auf der auch mal Gäste wie der Gitarrist Philipp Schiepek oder der Vibrafonist Tim Collins.

Selbst allerdings konnte sich Huber mit einer Gastrolle nicht anfreunden. "Die Band war viele Jahre mein Lebensmittelpunkt. Da auszuhelfen, das funktioniert nicht. Wir haben das einmal probiert, aber das hat mir genauso weh getan wie den Jungs." Ganz oder gar nicht, so fühlte es sich für sie an. Was jetzt eben erst einmal gar nicht bedeutet. Blieb für Huber die von Corona verschärfte Frage, worauf sie ihre Energien nun lenken sollte. Eine Kombination aus alten Freundschaften und neuen Kontakten ist es, die sie jetzt durchstarten lässt.

Vielleicht muss man vorausschicken, dass Huber ja nach wie vor etwas sehr Seltenes anzubieten hat. Gehört sie doch zur ersten Generation der immer noch sehr überschaubaren Zahl der Harfenistinnen, die das Instrument aus dem Korsett der Klassik befreit und ihm neue Klangfarben, Ausdrucks- und Einsatzformen beschert haben. Schon parallel zum klassischen Studium an der Münchner Musikhochschule und der Lehrtätigkeit dort wie an der Guildhall School of Music in London besuchte Huber Jazz-Workshops in den USA und begann mit den verschiedensten Ensembles zu spielen, etwa dem des Klezmer-Königs Giora Feidman.

Ihre vielleicht erfolgreichste Band dieser Zeit war Lauschgold, ein Trio mit der Geigerin Martina Eisenreich und dem Performance-Schlagwerker Wolfgang Lohmeier. Das lassen die drei jetzt wieder aufleben, zunächst mit drei Konzerten in Pfaffenhofen, Friedrichsdorf und Unterschleißheim Anfang August. So arbeitsintensiv wie etwa Quadro Nuevo wird das freilich nie werden, "schon alleine, weil die Martina mit ihrer ganzen Filmmusik zu viel zu tun hat," wie Huber erklärt. Aber es gibt ja auch noch ganz neue, vielversprechende Allianzen. Ein Duo mit dem Cellisten und Klarinettisten Christopher Herrmann zum Beispiel, und ein Trio mit den jungen Gypsy Swing-Revoluzzern Gustavo Strauss und Jakob Lakner, das spätestens im Herbst richtig angreifen soll. Und noch während der Quadro-Nuevo-Zeit hatte Huber beim New Yorker Jazzgeiger und Münchner Kompositionsprofessor Gregor Hübner Unterricht genommen, um ihren Horizont zu erweitern. Daraus ergab sich schnell eine Zusammenarbeit mit dessen genresprengendem Sirius String Quartet. Das aufregende Ergebnis liegt seit 2019 vor, mit der bei Hubers Hauslabel GLM erschienenen CD "Para Un Mejor Mundo".

Diese Zusammenarbeit soll fortgesetzt werden und spielt auch schon für die erste richtig große Sache eine Rolle, mit der sie jetzt am 19. Juni aus der Deckung kommt: Eine "Spanische Musiknacht - Soñando en Español" im Salzburger Kongresshaus. Mit Evelyn Huber und der Philharmonie Salzburg, von deren Leiterin Elisabeth Fuchs initiiert, die Huber auch schon seit langem kennt. Dabei steht das Titelstück der CD mit dem Sirius String Quartett auf dem Programm, dazu eigens von Willi März arrangierte Stücke des spanischen Filmmusikkomponisten Alberto Iglesias (nicht verwandt oder verschwägert mit Enrique). Und vor allem die europäische Erstaufführung der titelgebenden "Soñando en Español", einer dreisätzige Suite der legendären amerikanischen Jazzharfenistin Deborah Henson-Conant, bei der Huber einst gelernt hat. Ein bunter Bogen durch ihre aktuellen Projekte gewissermaßen, mit dem Huber in neuer Konstellation beweisen wird, dass die Harfe kein verhuschtes Hintergrundinstrument für lyrische Lieder sein muss, sondern auch grooven kann, als Rhythmus- wie als Melodieinstrument einsetzbar ist und zum Ensemblespiel ebenso taugt wie als Soloinstrument. Wenn man es so spielt wie sie.

© SZ vom 16.06.2021
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